„Erzähl mal weiter“ Die Fortsetzungsgeschichte mit Team Checkpoint

Team Checkpoint

Woche für Woche starten Berliner AutorInnen im Checkpoint eine Erzählung. Wie es weiter geht, entscheiden die LeserInnen. Lesen Sie jetzt Teil V.


Wie geht die Geschichte von Team Checkpoint weiter? Das entscheiden Sie. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Wie geht die Geschichte von Team Checkpoint weiter? Das entscheiden Sie. © Kitty Kleist-Heinrich

„Erzähl mal weiter“ – gemeinsam mit Berliner AutorInnen und Ihnen wollen wir während der Sommerferien Fortsetzungsgeschichten verfassen. Den Auftakt dieser Woche macht das Team Checkpoint.

Breaking News
von Team Checkpoint, Knut Lehmann, Hans Ettemeyer und Stefanie Herfurth-Schmidt

Intro (Team Checkpoint): Er hatte genug von dieser Stadt. Irgendwann reichte es, ein Mensch kann nicht alles ertragen. Dass Marie ihn aus SEINER Wohnung geworfen und er seit fünf Monaten nur Zwischenmieten bei mitunter sehr merkwürdigen Menschen (da wären etwa Eichhörnchen-Olli, Party-Petra und Ordnungsamt-Bert!) gefunden hatte: geschenkt. Dass er heute morgen auf dem Weg zur Arbeit zweimal von hupenden Autos fast überfahren worden war, von Fußgängern angebrüllt und selbst nur schreiend durch den verdammten Stoßzeitstau auf der verdammten Sonnenallee gekommen war: Standard. Aber dass er in seinem Büro – vielleicht muss man an dieser Stelle erwähnen, dass er die Poststelle des Regierenden leitete – einen solchen Brief erhalten und lesen musste, war an Berlin-Dreistigkeit kaum noch zu überbieten...

Teil II (Knut Lehmann): ... Er wurde darin aufgefordert, Stellung zu nehmen zu einem Ereignis, an das er sich ohnehin nur sehr ungern erinnerte. „Diese unverschämte Ratte“, dachte er bei sich. Ruft ihn doch irgend so ein Typ an, er hätte einen Brief an Herrn Müller geschrieben, persönlich, vertraulich, wie er betonte, und der Regierende hätte ihm noch nicht geantwortet und auf Rückfrage in seinem Büro hätten die ihm gesagt, sie würden keinen Brief kennen. Also behauptet dann doch dieser Typ, das könne nur an der Scheißpoststelle liegen. „Ich bin Beamter, also bin ich zu absoluter Sorgfalt verpflichtet“, war seine durchaus noch ruhige Antwort. Aber als dann als Retoure kam: „Ach Beamter also. Das sind doch eh alles nur faule Säcke“, war's dann doch um ihn geschehen und er verschaffte seinem Herzen mal so richtig Luft. Und dafür jetzt also die Androhung eines möglichen Disziplinarverfahrens. Er verstand endgültig die Welt nicht mehr...

Wieder mal viel Verkehr in Neukölln. Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Wieder mal viel Verkehr in Neukölln. © Kai-Uwe Heinrich

Teil III (Hans Ettemeyer): Er nahm sein Handy und wählte die Nummer von Bert, seinem Ex-Kurzzeitvermieter. Der saß im Ordnungsamt Xhain, kannte sich aus mit Beschwerden renitenter Bürger. Er hatte von Sigrid erzählt, die im Bezirk die Parkplätze kontrolliert. Einmal war sie mit einem Proleten aneinandergeraten, der seine Geländekarre halb auf dem Radweg abgestellt hatte: „Die Parkplätze sind halt zu schmal.“ „Großes Auto, kleines Hirn“, hatte sie freundlich geantwortet. Oh, das wollte sich der Mann, ein Oberstudienrat, nicht bieten lassen: Dienstaufsichtsbeschwerde, Anzeige wegen Beleidigung. Doch das blieb überraschenderweise für Sigrid ohne Folgen. Bert hatte das geregelt, doch jetzt ging er nicht ans Telefon...

Teil IV (Stefanie Herfurth-Schmidt): Bert hatte das geregelt, doch jetzt ging er nicht ans Telefon... Jetzt fiel ihm nur noch Günti ein, sein Beinah-Schwiegervater. Mit dem hatte er sich immer gut verstanden, besser jedenfalls als mit Marie. Der ließ nicht immer die Zahnpastatube offen stehen und brachte auch mal was zum Abhängen mit. Auf Günti war Verlass: „Asservatenkammer Berlin?“, meldete er sich nach dem 2. Tuten. „Das ist kein Problem. Name? Adresse?... Wie jetzt? Ernsthaft? Da willste aber hoch hinaus. Der hat mit Sandburgen angefangen und baut gerade den Tower auf dem Teufelsberg. Und da soll der Regierende einziehen. Zieh Dich bloß warm an!“ „Scheiße“, dachte er, das war ihm entgangen. Da hätte er sich heute Morgen gleich überfahren lassen können. Oder doch nicht? Ihm kam da plötzlich ein abstruser Gedanke… das könnte sogar klappen…

Schluss (Team Checkpoint): „Sieht so aus, als müsste ich mich doch nochmal bei deiner Tochter melden“, sagte er und legte auf. Das Disziplinarverfahren wegen der Beleidigung würde er wahrscheinlich nicht mehr stoppen können. Aber zumindest hatte er jetzt, da ihm bewusst wurde, wer der Absender war, die Chance ihn zu besänftigen und diesen vermaledeiten Brief doch noch seinem Empfänger zuzuführen. Schließlich war die Beziehung zu Marie auch daran zerbrochen, dass sie wegen der textilen Inneneinrichtung für das neue Homeoffice des Regierenden kurz vor dem Burnout stand und nachts lieber Vorhangkataloge wälzte, statt neben ihm zu schlummern. Mit ein bisschen Glück gab es da einen kurzen Draht zum Teufelsberg-Tower-Mann, hatte sie doch immer betont, wie gut sie sich mit dem Auftraggeber verstehe (er hatte gekocht vor Eifersucht!). Und was soll er sagen? Es hatte tatsächlich geklappt. Marie hatte die Wogen geglättet. Der bescheuerte Brief – in dem doch allen Ernstes lediglich stand, dass sich der Einzugstermin des Regierenden verschieben würde – war nochmal geschrieben, zugestellt und das Disziplinarverfahren gegen ihn gestoppt worden. Und das Beste an der Geschichte: Nachdem er sich bei Marie mit zehn Abendesseneinladungen bedankt hatte, durfte er auch wieder einziehen. Neu verliebt in Berlin.

Das war das Ende unserer Fortsetzungsgeschichte. Den ganzen Text gibt's am Wochenende im Tagesspiegel und auf Tagesspiegel.de. Und kommende Woche geht es im Checkpoint mit der nächsten (und letzten) Geschichte weiter – dann mit Berit Glanz.

Zur Startseite