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Aletta von Massenbach war bisher Finanzchefin der Flughafengesellschaft. Foto: Berlin-Airport
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Update Erste Frau an der BER-Spitze Aletta von Massenbach wird Berlins neue Flughafenchefin

Brandenburg bremste, Berlins Grüne waren dagegen, doch nun steht es fest: Die bisherige Finanzchefin wird die Nachfolgerin von Engelbert Lütke Daldrup am BER.

Der Weg für die erste Flughafenchefin der Hauptstadtregion, ja Deutschlands ist frei: Die Flughafengesellschaft Berlins, Brandenburgs und des Bundes (FBB), die den neuen BER-Airport betreibt, wird künftig von Aletta von Massenbach als neue Chefmanagerin geführt.

Die bisherige FBB-Finanzgeschäftsführerin wurde vom Aufsichtsrat am Donnerstag zur Nachfolgerin von Engelbert Lütke Daldrup bestellt, der auf eigenen Wunsch vorzeitig seinen Posten verlässt. Sie tritt ihr Amt zum 1. Oktober an. Das teilte die Flughafengesellschaft am späten Vormittag in einer Mitteilung mit.

Der Tagesspiegel hatte zuvor darüber berichtet, dass es in Vorabstimmungen der drei Gesellschafter und innerhalb des Gremiums eine entsprechende Einigung auf eine schnelle Massenbach-Kür gegeben hatte. Der zwanzigköpfige Aufsichtsrat, der für die Besetzung solcher Posten zuständig ist, war um 10 Uhr in einem Bürogebäude unmittelbar am BER-Terminal zusammengekommen, um über die Nachfolge Lütke Daldrups endgültig zu entscheiden.

Von Massenbach, Jahrgang 1969, war 2020 zur Flughafengesellschaft gewechselt, nachdem sie einige Jahre bei der Fraport AG Führungsjobs hatte und Fraport-Flughäfen im Ausland als Chefin lenkte, etwa in Antalya, dem zweitgrößten Flughafen der Türkei. Sie habe Erfahrung im Flughafengeschäft, heißt es.

Massenbach: BER auch digital und ökologisch "nachhaltiger" machen

„Ihre langjährige Flughafenerfahrung und ihre Finanzexpertise sind eine gute Grundlage, die FBB optimal aufzustellen und den BER erfolgreich in die Zukunft zu führen“, ließ sich der scheidende Flughafenchef zitieren. „Ich freue mich außerdem, dass die erste weibliche CEO an den großen deutschen Verkehrsflughäfen in der Hauptstadtregion antritt und Akzente setzen wird.“

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Aufsichtsratschef Rainer Bretschneider erklärte, das Gremium habe sich die Entscheidung „nicht leichtgemacht“, und ergänzte: „Sie ist die richtige Wahl, um den BER aus der Krise in die Zukunft zu führen.“

Massenbach selbst skizzierte die Aufgabenfelder, die sie neben der Bewältigung der Finanzkrise am BER sieht: „Ich will meinen Beitrag dazu leisten, zusammen mit dem gesamten Management, der FBB-Belegschaft, dem Aufsichtsrat und den Gesellschaftern, den BER nicht nur wirtschaftlich, sondern auch digital und ökologisch nachhaltiger aufzustellen.“

Brandenburg verwies auf Vorgaben des Rechnungshofs

Vor allem der Bund und Berlin hatten auf eine zügige Entscheidung ohne Interims-Management gedrängt, während Brandenburg in den letzten Tagen noch bremste – wegen des Verfahrens, nicht wegen der Person. Nach Tagesspiegel-Recherchen war vorher verabredet, dass drei der vier Brandenburger Aufsichtsräte der Bestellung Massenbachs zustimmen, während sich Staatssekretär Frank Stolper, Vertreter des Finanzministeriums,  enthalten wollte. Nach Tagesspiegel-Informationen stimmten 18 Aufsichtsräte für Massenbach, es gab die Enthaltung Stolpers. Ein Aufsichtsrat war abwesend. Das Gremium hat 20 Mitglieder, davon zehn auf der Seite der Arbeitnehmer. 

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Finanzministerin Katrin Lange (SPD) hatte im Vorfeld keine Einwände gegen Massenbach, aber unter Verweis auf Vorgaben des Brandenburger Rechnungshofes auf ein „offenes wettbewerbliches und dokumentiertes Verfahren“ bei der Besetzung des Postens gedrängt. Es müsse nach dem Prinzip der Bestenauslese gehandelt werden, sagte Lange.

Nach der Bestellung gratulierten nicht nur Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) der Neuen, sondern auch Lange: Ganz ohne Zweifel sei von Massenbach eine gute Wahl und eine ausgewiesene Expertin, sagte die Ministerin. "Es liegt nun viel Arbeit vor ihr in ungewöhnlich schwierigen Zeiten für den Flugverkehr." Dass sie sich "ein anderes Verfahren der Bestellung gewünscht habe", sei bekannt. "Der für die Bestellung allein zuständige Aufsichtsrat hat das anders gesehen, das ist natürlich sein gutes Recht.“

Wegen Finanzmisere: Berlins Grüne gegen von Massenbach

Die Berliner Grünen hatten sich wegen der Finanzkrise der FBB gegen eine Flughafenchefin Massenbach positioniert und eine Ausschreibung des Schlüsselpostens mit einem Jahressalär von 500.000 Euro gefordert.

Vor der Bestellung von Massenbachs hat es ein Auswahl- und Suchverfahren gegeben, Headhunter erkundeten den Markt nach möglichen Kandidaten, heißt es in einer Mitteilung der FBB. Die Forderung Langes wird damit teilweise erfüllt. Auch die damaligen Bewerber für den Finanzposten im dreiköpfigen Management, für den sich von Massenbach durchgesetzt hatte, seien noch einmal angeschaut worden. Und es hat einen so genannten Audit-Check gegeben, ob von Massenbach die nötigen Voraussetzungen für den Führungsjob hat.

In der Erklärung hieß es, dass der Entscheidung "ein umfassendes Auswahlverfahren mit einer aktualisierten Personal-Marktrecherche durch einen externen Personaldienstleister sowie ein Assessment-Verfahren durch einen weiteren Personalberater vorausgegangen" sei. Und: "Beide neutralen Externen hatten ein positives Votum abgegeben."

Zudem habe von Massenbach "in ihrer kurzen Zeit wichtige Akzente in dem zentralen Bereich der Finanzen setzen können". Man traue ihr zu, die "anstehenden Fragen der strategischen Neuausrichtung der Flughafengesellschaft offensiv anzugehen und die Positionierung des BER im deutschen und im europäischen Luftverkehrsmarkt zu verbessern."

Öffentlich trat von Massenbach selten in Erscheinung

In der Region ist von Massenbach noch weitgehend unbekannt. In Gesellschafterkreisen hieß es, sie sei verbindlich, systematisch und mache ihre Sache gut.

Öffentlich trat von Massenbach eher selten in Erscheinung, was auch mit der dominanten Rolle von Chefmanager Engelbert Lütke Daldrup zu tun hatte. Der hatte es geschafft, den BER nach der „Baukatastrophe“ am 31. Oktober 2020 tatsächlich ans Netz zu bringen, nachdem die Eröffnung seit 2011 immer wieder gescheitert war. Auch Pressekonferenzen, selbst zur Finanzkrise des Unternehmens, bestritt er oft allein. Zugleich hatte Lütke Daldrup bereits in seinem Rücktrittsersuchen indirekt Massenbach ins Spiel gebracht.

Aufsichtsratschef Bretschneider fädelte Personalie ein

Dafür gesorgt, dass sie tatsächlich die neue FBB-Chefmanagerin wird, hat dem Vernehmen nach aber vor allem Aufsichtsratschef Bretschneider. Bretschneider hatte jüngst seine Prämissen für die Klärung der Lütke-Daldrup-Nachfolge gegenüber dieser Zeitung so beschrieben: „Mir geht es um eine möglichst von allen akzeptierte Lösung, die die Handlungsfähigkeit des Unternehmens optimal sichert.“

Eine Führungskrise kann sich die Flughafengesellschaft Berlins, Brandenburgs und des Bundes (FBB) nicht leisten, die wegen Corona-Pandemie und dem Einbruch im Luftverkehr und der vor allem wegen der explodierten BER-Kosten in einer dramatischen finanziellen Schieflage steckt.

Nachdem der Bau und die vor allem über Kredite bezahlte Finanzierung des BER bereits rund 7 Milliarden Euro verschlangen, braucht das insolvenzbedrohte Unternehmen bis 2026 von der öffentlichen Hand nach letzten Angaben weitere 2,4 Milliarden Euro. Die neue BER-Chefin muss den BER aus dem Einbruch bei den Fluggästen und aus Finanzkrise führen, um die Insolvenzgefahr abzuwenden.

Schon kurz nach der Entscheidung gab es erste positive Reaktionen aus der Politik. Jörg Stroedter, SPD-Abgeordneter im Abgeordnetenhaus, Chef des Beteiligungsausschusses und  in den letzten Jahren einer der schärfsten Kritiker bei Missständen des BER-Projektes, sagte dem Tagesspiegel: "Das ist eine überzeugende Lösung. Ich begrüße es auch, weil sie politikfrei ist." Stroedter wies daraufhin, dass sich die Anforderungen an das Management der FBB fundamental geändert haben: Jetzt gehe es darum, so Stroedter, die aus der Vergangenheit des BER-Projektes und der Pandemie rührenden Finanzdefizite zu beseitigen. "Wir brauchen am BER keine Baumeister mehr." FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja erklärte, von Massenbach stehe  "vor der schweren Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der BER nicht zum Fass ohne Boden wird." Sie müsse nun "alles dafür tun, um verlorenes Vertrauen wiederherzustellen", so Czaja.  "Wir erwarten von ihr daher eine ehrliche, klare und transparente Kommunikation gegenüber den Parlamenten."

Für die Grünen erneuerte der Bundestagsabgeordnete Christian Kindler, haushaltspolitischer Sprecher der Fraktion, die Kritik. Die Chance für einen ehrlichen Neuanfang sei vertan worden, sagte er. "Die Staffelstab-Weitergabe an Frau von Massenbach ist ein Fehler. Ein erfahrener Sanierer von außen wäre die bessere Wahl gewesen." Kindler hielt von Massenbach vor, als Teil der Geschäftsführung "mitverantwortlich für die finanzielle Misere" zu sein, in der sich der BER befinde. Massenbach hatte den Job freilich erst im September 2020 angetreten. 

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