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Dilek Kalayci (SPD), Berlins Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung. Foto: Britta Pedersen/dpa
© Britta Pedersen/dpa

Erste Berliner Corona-Ampel zeigt Rot „Wenn sich das stabilisiert, müssen wir uns Sorgen machen“

Der R-Wert ist in Berlin auf 1,37 gestiegen. Damit liegt er drei Tage in Folge im roten Bereich. Für die anderen Indikatoren der Corona-Ampel gilt das nicht.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hat am Montag bekanntgegeben, dass Berlin am dritten Tag in Folge eine Reproduktionszahl im roten Bereich aufweist. Aktuell liege der Wert sogar bei 1,37 - nach 1,23 und 1,22 an den beiden Tagen zuvor. Somit ist die erste der drei Berliner "Corona-Ampeln" auf Rot gesprungen. Ein R-Wert von 1,37 bedeutet, dass jeder Infizierte im Schnitt 1,37 andere Menschen mit dem Coronavirus ansteckt. Der Senatorin zufolge handelt es sich um den derzeit höchsten Wert aller Bundesländer.

"Wir müssen jetzt gucken, ob diese Überschreitung der roten Linie beständig bleibt", sagte Kalayci am Morgen im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses. Das werde man in den nächsten Tagen sehen, erst dann zeige sich, ob es einen Trendwechsel gebe.

Wenn der Reproduktionswert "R" über längere Zeit über eins bleibe, entstehe die Gefahr eines exponentiellen Wachstums, sagte Kalayci. "Wenn sich das stabilisiert, müssen wir uns schon Sorgen machen", kommentierte die Senatorin die Entwicklung der vergangenen Tage. Zuvor lag die Reproduktionszahl bei 1,09, 0,78 und 1,07, also unter der Schwelle zu Gelb. Wenn der Wert drei Tage in Folge 1,1 übersteigt, springt die Ampel auf Gelb, bei 1,2 an drei Tagen hintereinander sogar auf Rot.

Kalayci betonte, für die Beurteilung des Infektionsgeschehens insgesamt müssten auch die beiden anderen Indikatoren des Ampelsystems herangezogen werden: Neuinfektionen und Auslastung der Intensivbetten. Denn der R-Wert weise Schätzungsungenauigkeiten auf. "Die aktuelle Situation zeigt, dass es richtig war, auf drei Indikatoren abzustellen", sagte die Senatorin.

Die anderen Indikatoren aber seien beide eher rückläufig, wie Kalayci erklärte: In der 20. Kalenderwoche habe es insgesamt nur 195 neue Fälle gegeben, womit die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen nur bei 5,1 gelegen habe. Die Schwelle zu Gelb ist erst bei 20 erreicht, die zu Rot bei 30. Die Auslastung der Intensivbetten liege lediglich bei 4,6 Prozent (Schwelle zu Gelb: 15 Prozent, Schwelle zu Rot: 25 Prozent).

Kalayci: "Wir konnten die erste Welle ganz gut abbremsen"

Beratungsbedarf im Senat besteht der Systematik zufolge bei zwei gelben Ampeln, Handlungsbedarf bei zwei roten Ampeln. Kalayci verwies auch auf die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, nicht allein auf den R-Wert zu schauen. Dessen Schwankungen könnten sich auch aus den im Vergleich zum März und April niedrigen Infektionszahlen ergeben. Von Sonnabend auf Sonntag wurden in Berlin lediglich fünf neue Coronavirus-Fälle registriert - eine Momentaufnahme.

"Wir konnten die erste Welle ganz gut abbremsen", sagte Kalayci. Viele Expertinnen und Experten gingen aber von einer zweiten Welle aus, zumal die Durchseuchung der Bevölkerung noch nicht besonders hoch sei. Deshalb sei es zu erwarten gewesen, dass die Infektionszahlen mit den Lockerungen wieder steigen würden. Deshalb mahnte Kalayci zur Wachsamkeit: "Wir können uns auf diesen niedrigen Infektionszahlen nicht ausruhen."

Es gebe in Berlin zur Zeit allerdings keine erkennbaren Corona-Hotspots, also bestimmte Orte, von denen aus sich das Virus massiv verteilt. "Wir haben diese Hotspots zur Zeit nicht", sagte die Senatorin. Das sei eine gute Nachricht.

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Sie gestand zugleich ein, dass die Dokumentation der Infektionsketten nicht immer möglich sei. Wer sich im ÖPNV anstecke, könne das nicht zurückverfolgen. "Das Infektionsrisiko besteht in allen Bereichen. Je mehr wir lockern, umso mehr verbreiten sich die Infektionen", sagte Kalayci. Das Virus habe sich mittlerweile "so breit verteilt", dass man für zukünftige Ausbrüche nicht unbedingt bestimmte Orte ausmachen können werde. "Die Phase ist vorbei", sagte die Senatorin.

Kalayci zu Thüringen: "Die Pandemie ist noch nicht vorbei"

Zu Plänen anderer Bundesländer für weitreichendere Lockerungen äußerte Kalayci sich skeptisch. "Das Tempo zwischen den Ländern ist tatsächlich unterschiedlich", sagte sie, als sie auf entsprechende Überlegungen in Thüringen angesprochen wurde. "Ich kann nur sagen: Vorsicht, die Pandemie ist noch nicht vorbei." Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hatte am Wochenende angekündigt, die landesweiten Maßnahmen ab dem 6. Juni aufzuheben und durch lokale Beschränkungen zu ersetzen.

In Berlin hält Kalayci drei Punkte für "indiskutabel", sie bleiben also bestehen: erstens die Abstandsregel von 1,5 Metern, zweitens die Maskenpflicht und drittens die Kontaktbeschränkungen, dass also maximal zwei Haushalte sich treffen dürfen.

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