Harry S. Truman Foto: whitehouse.gov
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Erik Reger in Amerika Trumans Interesse für Berlin

Erik Reger
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Tagesspiegel-Gründer Erik Reger war als erster deutscher Journalist nach dem Krieg mehrfach in den USA. Er kommentierte von dort fürs Radio und diese Kommentare wurden im Tagesspiegel abgedruckt. Hier Eindrücke von einer Begegnung mit Präsident Truman in der Ausgabe vom 28. März 1948.

Eine Pressekonferenz des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hat gewiß ihre besondere politische Aufgabe. Aber sie fügt sich in die unzähligen kleineren Bilder des täglichen Lebens ein, die hier immer wieder in hundert Einzelheiten die Selbstverständlichkeit, die Zwanglosigkeit, die Unabhängigkeit und die Freimütigkeit erkennen lassen, womit der einzelne sich nicht nur in seinem Umkreis, sondern auch in ungewohnteren Situationen bewegt. Schon daß die Pressekonferenzen des Präsidenten eine regelmäßige Einrichtung sind, spricht für sich. Sie verbinden in anregender Weise ein gewisses Zeremoniell mit gewisser Natürlichkeit. Niemand von den Teilnehmern ändert seine menschliche Haltung, wenn er durch das Gartentor beim Weißen Hause schreitet. Dort steht ein Beamter mit einer Liste. Ich habe mich bemüht, an Ihm ein Zeichen dafür zu entdecken, daß ihm irgendwann einmal der Gedanke kommen könnte, er sei ein Vorgesetzter seiner Mitbürger. Ich habe mich sehr bemüht, aber ich habe kein solches Zeichen gefunden. Stellen Sie sich vor, man gäbe einem deutschen Beamten eine Liste in die Hand und stellte ihn vor das Haus der höchsten Persönlichkeit des Landes - falls wir eine hätten, natürlich -, und ganz abgesehen davon, daß er dann mindestens von drei bewaffneten Polizisten umgeben wäre. Stellen Sie sich vor, was aus diesem Mann würde und was Sie von ihm zu erwarten hätten. Hier nennen Sie einfach Ihren Namen, und der Beamte verlangt nicht einmal einen Ausweis von Ihnen; er sieht einfach nach, ob Sie in der Liste stehen. Alles, was Sie vorher zu besorgen haben, ist die Anmeldung für diese Liste. Sollten Sie durch ein Versehen, oder weil Sie zu spät daran gedacht haben, nicht auf die Liste gekommen sein, so findet sich mit Sicherheit jemand, der Ihnen hilft. Der Kontrolleur wird nicht sagen: "Machen Sie, daß Sie rauskommen"; er wird sagen: "Gehen Sie zu Mr. Soundso, vielleicht ist es noch möglich." Und außerdem sagt er Ihnen, wo Mr. Soundso zu finden ist. Und die Auskunft stimmt.

Als erster Vertreter der deutschen Nachkriegspresse reist Reger (rechts) 1947 in die USA. Das Foto zeigt ihn im Jahr darauf nach einer weiteren Amerikareise. Foto: Andreas Petersen, Archiv
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Mein Name stand also auf der Liste, und ich ging unter den schönen alten Bäumen des Parks zum Gartenpavillon. Eine zweite Listenkontrolle. Der Name wird angekreuzt, und man wird gebeten, in einem Zimmer zur Seite Platz zu nehmen. An den Wänden hängen gerahmte Originale von Karikaturen des Präsidenten aus vielen Zeitungen der Welt. Auf ein Zeichen tritt man in einen runden, nur wenig ausgeschmückten Saal. Wir stehen dicht nebeneinander, denn der Saal ist nicht groß; der Präsident steht vor einem Tisch und beginnt über Palästina zu sprechen. Von so vielen Bildern bekannt, erscheint er von Angesicht zu Angesicht doch ganz anders. Er ist etwas kleiner von Statur, als man sich ihn gewöhnlich vorstellt. Er sieht frisch aus, offenbar nicht allzu berührt von der Parteirevolte gegen ihn, jünger als auf den Bildern. Zuweilen kommt ein Zug von Bestimmtheit in sein Gesicht. Seine Stimme ist ohne Pomp, seine Reaktion auf die vielen Fragen, die die Presseleute an ihn richten, lebhaft. Es bleibt nicht bei dem Thema, das der Präsident gewählt hat; zuweilen entspinnt sich eine fast scherzhafte Unterhaltung.

Wie unformell hier alles zugeht, erlebte ich, als ich dem Präsidenten durch seinen Sekretär vorgestellt wurde. Präsident Truman interessierte sich für das Leben in Deutschland. Ich sprach auch von Berlin. Der Präsident versicherte, daß die amerikanische Besatzungspolitik in Berlin fortgeführt werde. Eine halbe Stunde später hörten wir in dem schönen, neuen Gebäude, das das State Department bezogen hat, aus dem Munde des Außenministers Marshall die Erklärung über Berlin. Außenminister Marshall sprach die Sätze langsam und leidenschaftslos, aber niemand war anwesend, der das Gewicht ihres Inhalts nicht gespürt hätte. "Drei Jahre lang haben die Vertreter Amerikas geduldig versucht - und sie versuchen es noch -, aus dem Alliierten Kontrollrat eine wirksame Organisation zu machen, die Deutschland als eine wirtschaftliche und politische Einheit verwalten könnte. Die Versuche wurden durch die Taktiken der sowjetischen Vertreter vereitelt. Der Alliierte Kontrollrat und ebenso die gemeinsame Besetzung der Stadt Berlin kamen durch Vereinbarung unter den Regierungen zustande. Jeder weitere Störungsversuch der Art, wie er durch die sowjetischen Vertreter am 20. März unternommen wurde, muß als die Spiegelung einer der Politik der Vereinigten Staaten zuwiderlaufenden Absicht aufgefaßt werden, auf die Bemühungen um ein Viermächteabkommen über die Politik in Deutschland zu verzichten, und daher als eine einseitige Handlung, die gegen die Wiederherstellung der deutschen Einheit gerichtet ist. Gemäß dem internationalen Abkommen werden die Vereinigten Staaten fortfahren, ihre Verpflichtungen als Mitglied des Alliierten Kontrollrats und als Teilnehmer an der gemeinsamen Besetzung der Stadt Berlin zu erfüllen."

Obwohl Außenminister Marshall in seiner Pressekonferenz lächelnd sagte, er sei nicht diplomatisch genug, um gewisse Fragen der Presseleute so diplomatisch zu beantworten, wie sie beantwortet zu werden verdienten, ist die Erklärung doch in der Sprache der Diplomatie gehalten. Wenn man das berücksichtigt, darf man sie als das Bestimmteste bezeichnen, was bisher zu dieser Sache offiziell gesagt worden ist. Es ist eine Warnung, eine Mahnung und zugleich die Bekundung eines unerschütterlichen Willens durch die Regierung des mächtigsten Staates der Welt. In diesem Zusammenhang gewinnt auch das, was Außenminister Marshall über den sogenannten "deutschen Volkskongreß" äußerte, seine besondere Bedeutung. Die Unterstreichung der Tatsache, daß es sich hier um eine kommunistisch beherrschte Organisation handelt, die von allen anderen - noch selbständigen - Parteien abgelehnt wird und keinerlei Legitimation besitzt, das deutsche Volk zu vertreten, läßt keinen Zweifel an der Haltung zu, die die amerikanische Regierung gegenüber etwaigen forcierten Entwicklungen dieses sogenannten "Volkskongresses" einzunehmen gedenkt. Außenminister Marshall macht den Eindruck eines Mannes, der in der heutigen Welt die Freiheit von Furcht als die wichtigste Freiheit betrachtet und der in jeder entstehenden Situation frei von Furcht zu handeln bereit ist. Wer sich von denen, die auf Furcht spekulieren, nicht einschüchtern läßt, durchkreuzt ihr Spiel. Das gilt nicht allein von Staatsmännern, es gilt von uns allen, von jedem an seinem Platz, auch an dem bescheidensten.

Eine historische Analyse zu Tagesspiegel-Gründer Erik Reger und den Amerikanern hat der Geschichtswissenschaftler Christoph Marx unlängst in seinem Buch "Politische Presse im Nachkriegsberlin 1945 - 1953" veröffentlicht, hier der betreffende Auszug. Mehr zu Erik Reger und anderen Tagesspiegel-Autoren der frühen Jahre finden Sie auf unserer Themenseite. Archiv-Beiträge aus der Nachkriegszeit können Sie zudem bei Twitter lesen.

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