Zeit mit sich selbst verbringen zu können ist für Psychologen eine Fähigkeit, die es zu schätzen gilt – solange daraus kein Dauerzustand wird. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Einsamkeitsgipfel der CDU im Abgeordnetenhaus „Wer Einsamkeit bekämpft, betreibt Prävention“

Die CDU-Fraktion hat zum Einsamkeitsgipfel geladen. Experten halten das Thema für zu wenig beachtet, gerade in der Medizin.

Was ist überhaupt der Unterschied zwischen „einsam“ und „allein“? Die Frage kam aus dem Publikum. Und zeigt: Wenn es ums Thema Einsamkeit geht, sind weder Definitionen noch Zahlen absolut, dabei ist Einsamkeit ein Problem in unserer Gesellschaft. Nicht nur an Weihnachten, auch wenn zu dieser Jahreszeit mehr an einsame Menschen gedacht wird, die sonst keine Lobby haben.

Die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus hatte jüngst gefordert, einen Einsamkeitsbeauftragten im Senat einzusetzen, die rot-rot-grüne Koalition lehnte ab. Am Montag startete die CDU nun einen neuen Anlauf und lud zum „Einsamkeitsgipfel“ im Berliner Abgeordnetenhaus. Nach Impulsreferaten aus Medizin, Psychologie und Statistik wurde diskutiert.

Rund 90 Gäste durften Fragen stellen – und einer fragte nach dem Unterschied. Michael Krenz, Präsident der Psychotherapeutenkammer Berlin, lieferte die Antwort: „Allein sein zu können ist eine psychologische Fähigkeit, weil ich mit mir etwas anfangen kann. Ich kann Trennung aushalten.“

Chronisch einsam sei hingegen, wer nicht mehr auf andere zugehen könne. Aus Nachfragen aus dem Publikum, in dem auch Seniorenvertreter und viele Ehrenamtler saßen, wurde jedoch klar: Das Wort Einsamkeit ruft bei jedem Menschen andere Gefühle hervor.

Wie einsam ist Berlin?

„Wir reden heute über eine bestimmte Art von Einsamkeit, nämlich die Einsamkeit, die Gesundheitspsychologen als einen negativen und stressreichen emotionalen Zustand beschreiben“, sagte die CDU-Abgeordnete Emine Demirbüken-Wegner. Dieser Stress könne wie ein Warnsignal anzeigen, dass soziale Beziehungen gefährdet oder beschädigt sind.

„Wie sieht es damit im Land Berlin aus? Was passiert mit denjenigen, die dem Dauerstress Einsamkeit ausgesetzt sind? Wie viele Menschen leiden darunter und wird das von der Öffentlichkeit wahrgenommen?“ Das möchte die CDU herausfinden, der Einsamkeitsgipfel sollte ein erster Schritt sein.

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„Mir schwebt als zweiter Schritte eine Auswertung des Gipfels mit den Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis vor“, sagte Demirbüken-Wegner. Der dritte Schritt müsse dann natürlich die praktische Umsetzung der Vorschläge für die betroffenen Menschen sein.

Einsamkeit und Gesundheit hängen stark zusammen

Jalid Sehouli, Leiter des Gynäkologischen Tumorzentrums der Charité, appellierte an seine Zunft, die Medizin, das Thema mehr mitzudenken. „Wer Einsamkeit bekämpft, betreibt Prävention“, sagte Sehouli, doch in der Medizin fließe Geld bislang vor allem in die Maßnahmen, die ergriffen werden, wenn die Menschen schon erkrankt sind. Dabei hingen Einsamkeit und Gesundheit zusammen, betonte der Arzt. Es sei beispielsweise erwiesen, dass Krebspatienten länger leben, wenn sie in einer Beziehung sind.

Clemens Tesch-Römer, Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen, betonte, Einsamkeit sei keine Volkskrankheit, Alterseinsamkeit sei sogar rückläufig. „Eine Minderheit leidet daran, und das in allen Altersgruppen.“ Das Zentrum erhebt den Deutschen Alterssurvey.

Hier widersprach Elke Schilling, Gründerin von Silbernetz e.V., dem Telefon „für vereinsamte oder isolierte ältere Menschen“, die einfach mal mit jemandem reden wollen. Schilling kritisierte, dass das Alterssurvey nicht die über 85-Jährigen erfasse. „Der älteste Mensch in Deutschland ist kürzlich 117 geworden, da werden bis zu 30 Altersjahrgänge ausgelassen, bei denen nur geschätzt werden kann.“ Doch wo es keine Zahlen gebe, wo nichts belegt sei, könne politisch nichts passieren.

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