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Über vier Jahre lang existiert die Interkulturelle Schule schon ohne staatliche Gelder. Foto: Klaus Heymach
© Klaus Heymach

Einigung in letzter Minute Freie Waldorfschule in Berlin-Treptow wird gerettet

Kurz vor der Pleite stand die Freie Interkulturelle Waldorfschule. Jetzt bekommt sie rund 450.000 Euro zur Überbrückung, bis sie regulär gefördert werden kann.

Die wegen Geldnot in ihrer Existenz bedrohte Freie Interkulturelle Waldorfschule Berlin (IKWS) bekommt über den Nachtragshaushalt rund 450.000 Euro, um ihren Fortbestand zu sichern. Dies teilten die Fraktionsspitzen von SPD und Grünen, Raed Saleh und Silke Gebel, dem Tagesspiegel mit. Der Betrag ist nötig, damit die Schule die Zeit bis zur regulären Finanzierung durch das Land ab Sommer 2021 überbrücken kann.

„Ich bin sehr erleichtert, dass es uns nun gelungen ist, die Interkulturelle Waldorfschule in Treptow zu sichern“, sagte Gebel anlässlich der Einigung in den Verhandlungen zum Nachtragshaushalt. Die Schule habe ein „vorbildliches Konzept, um Kinder mit sehr diversen Hintergründen gemeinsam erfolgreich lernen zu lassen“.

Als „vorbildlich“ gilt unter Sozialdemokraten und Grünen wie Saleh und Gebel vor allem, dass die Schule keine hohen Schulgelder nimmt und somit keine finanziellen Hürden aufbaut. Auf diese Weise ist es nach Angaben von Geschäftsführer Johannes Mosmann möglich, dass rund die Hälfte der Kinder aus Familien mit geringen Einkommen stammt, darunter knapp 20 Prozent Hartz-IV-Bezieher. Zudem wird ab Klasse 1 entweder Türkisch oder Arabisch gelernt und ab Klasse 4 Spanisch.

Wie berichtet, ist die Schule in schwieriger Lage, weil Berlin freie Einrichtungen ohne erfahrenen Träger erst nach fünf Jahren bezuschusst – eine im bundesdeutschen Vergleich sehr lange Wartefrist, wie der Privatschulverband erläutert. Die Schulen brauchen daher einen starken Träger wie die Kirchen etwa oder zahlungskräftige Eltern.

Beides trifft auf die Treptower Einrichtung nicht zu: Es gehört vielmehr zu ihrem Konzept der unabhängigen Schule, bei der Aufnahme keine finanziellen Hürden aufzubauen.

Fünf Jahre lang sollen die Schulen ohne Zuschüsse auskommen

Dies allerdings hat sie nun an den Rand der Überlebensfähigkeit gebracht, denn sie muss schon seit über vier Jahren vollkommen ohne staatliche Zuschüsse auskommen, und ein Jahr fehlt noch – so sehen es die Berliner Förderrichtlinien vor. Schon vor zwei Jahren wurde es schwierig, den Betrieb aufrecht zu erhalten, aber Anträge auf vorfristige Unterstützung wurden damals nicht unterstützt – „ein weiteres Jahr im Ausnahmezustand“, wie Mosmann bedauert. Auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) machte trotz der prekären Lage nicht von der Möglichkeit einer Einzelfallentscheidung Gebrauch. Daher spitzte sich die Finanznot der Schule immer mehr zu.

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Mosmann erinnerte daran, dass ein Schulplatz an einer staatlichen Schule das Land durchschnittlich 870 Euro im Monat koste. Eine freie Schule bekomme dagegen nur rund 540 Euro zusammen. Die Differenz müssen die Träger oder die Eltern tragen – wenn sie das Geld haben. Rückwirkende Erstattungen wie in einigen anderen Bundesländern gibt es nicht. Freie Träger müssen sich in Berlin also hoch verschulden, wenn sie die Kosten nicht den Eltern aufbrummen und so nach Einkommen separieren wollen.

Um in dieser Lage überhaupt so lange zu überleben, habe das Kollegium auf einen beträchtlichen Teil seines Gehalts verzichtet, berichtet Mosmann. Zudem hätten die Eltern für einen Kredit gebürgt und mehrere Stiftungen hätten Fördermittel geschenkt. Aber jetzt war das Geld alle: „Im soeben angebrochenen fünften und aufgrund der wachsenden Schülerzahlen schwierigsten Wartefrist-Jahr fehlten der Schule deshalb akut mindestens 400.000 Euro – ohne die Hilfe des Landes drohte die Schließung“, beschreibt Mosmann die aktuelle Lage.

„Im letzten Augenblick“

Umgerechnet bekomme die Schule jetzt dank der von Gebel und Saleh angewandten Kann-Bestimmung „bis zu 403 Euro pro Schüler“, rechnet der Geschäftsführer vor. Das sei immer noch weniger als die Hälfte dessen, was der Senat pro Schulplatz an einer staatlichen Schule aufwende. „Die Hilfe des Landes kommt im letzten und richtigen Augenblick", so Geschäftsführer Mosmann.

Saleh und Gebel würdigten damit den „sozialintegrativen und interkulturellen“ Ansatz der Schule. Für die Schule zählten diese Zuschüsse doppelt, da sie Eltern und Kollegium bestärken, den begonnenen Weg weiterzugehen und sich für die Überwindung sozialer, nationaler oder religiöser Grenzen einzusetzen. Die Förderung der IKWS sei „aber sicher auch als Signal zu werten, dass längst überfällige Schritte wie die angekündigte Verkürzung der im Ländervergleich einmalig langen Wartefrist oder die Gegenfinanzierung für sozialverträgliche Schulgelder nun zeitnah umgesetzt werden“, erwartet Mosmann.

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