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Mäzene und Mätzchen der Bauverwaltung

Hasso Plattner neben dem "Jahrhundertschritt" des Künstlers Wolfgang Mattheuer. Das Werk steht auf Plattners eigenem Grundstück. Da kann ihm keiner was. Foto: dpa
Eine Stadt und ihre Gönner Potsdamer Missfallen

Harte Worte sind in der Debatte gefallen. Ein Widersacher bei der Linken, der Stadtverordnete und ehemalige OB-Kandidat Hans-Jürgen Scharfenberg sagt, dass viele „kein Verständnis“ für den Abriss des Mercure aufbrächten. Und er meint die Alteingesessenen, die mit dem Hotel persönliche Erinnerungen verbinden – und sei es, wie bei Scharfenberg, die an die eigene Diplomfeier als Absolvent der Akademie für Staat und Recht. Viele hätten das Gefühl, es müsse alles weg, was mit der DDR zu tun habe, und das habe eben, so Scharfenberg, auch etwas „mit Würde zu tun und mit Diskreditierung“.

Dass die Linke in Potsdam den Mercure-Abriss ablehnte, war zu erwarten gewesen. Das verschreckte Plattner weniger als die Unlust anderer an seiner Gabe. Er habe Verbitterung, Neid und selbst Hass erfahren, sagt Plattner. Es gebe in der Stadt eine „Grundströmung unter der erfolgreichen Oberfläche“, von der er vorher nichts geahnt habe. Da war der Präsident der Landesarchitektenkammer, der einen öffentlichen Wettbewerb mit den Worten forderte, „wir sind nicht mehr bei Königs“. Andere glaubten Plattner, „demokratisches Vorgehen“ nahelegen zu müssen. Selbst was er aus seiner Sammlung ausstellen würde, sollte er sich absegnen lassen. Wenn wir die Kunsthalle überhaupt wollen, so kam es rüber, dann, wie wir sie für richtig halten.

Noch vor wenigen Jahren wäre dieser Ton in Potsdam undenkbar gewesen. Keine andere Stadt Ostdeutschlands konnte einen solchen Ansturm der Reichen, Schönen, Einflussreichen verzeichnen. Sie kamen, und sie gaben. Unternehmer und Versandhaus-Gründer Werner Otto spendete für den Wiederaufbau der Garnisonkirche, steckte mehrere Millionen in die Restaurierung der zwei Türme des Belvedere auf dem Pfingstberg. Zur Rettung des romantischen Aussichtsschlosses trug die Hermann-Reemtsma- Stiftung bei, sie förderte außerdem die Sanierung der Villa Quandt. Und auch weniger bekannte Wohlhabende spendeten erkleckliche Summen für die Wiederherstellung von Kleinoden in den preußischen Schlössern und Parks.

Und alle kauften Immobilien. Sanierten die Turmvillen italienischen Stils, die vornehm-imposanten Mietspaläste aus der Gründerzeit, die Barockhäuser der Innenstadt. Was sie außer einer lukrativen Wertanlage trieb? Der Effekt.

Wer durch Krieg und DDR-Regime beschädigte, in ihrer Existenz gefährdete oder gar getilgte Baukultur wiederherstellte, dessen Engagement zeigte unmittelbar Wirkung. Jetzt könnte ein Sättigungsgrad erreicht sein. Denn auch diese Entwicklung verläuft exponentiell. Je weiter man gekommen ist, desto schwerer ist es, Neues zu erreichen.

Wie weit man es in Potsdam bereits geschafft hat, lässt sich im Büro des Oberbürgermeisters sehen. Dort, neben dem Eingang, fällt der Blick dessen, der eintritt, auf einen Druck: Potsdams historische Innenstadt zu ihren besten preußischen Zeiten. Das Schloss mit seinem wohl gelungenen Vorplatz, das Alte Rathaus, der Palast Barberini, die Garnisonkirche – alles da. Oberbürgermeister Jann Jakobs scheint diese Ansicht sehr zu lieben. Er sagt: „Ein halbwegs historisch Bewanderter betritt diese Stadt voller Ehrfurcht.“ Und er meint damit auch sich selbst. Im Stadthaus an der Friedrich-Ebert-Straße trifft man dieser Tage auf einen entspannten Sozialdemokraten. Der spricht vom „Gesamtkunstwerk Potsdam“, aber auch von der Zeit, die es dafür braucht. Das umstrittene Mercure-Hotel hätte er gewiss gern abgeräumt, doch er hat gelernt, mit Potsdams speziellen Widrigkeiten zu leben – einer Stadtverwaltung und einer zerklüfteten Stadtverordnetenversammlung. Letztere hat bislang mehrheitlich für den Mercure-Abriss und die Wiedergewinnung des historischen Zentrums gestimmt. Trotzdem gab es erste Anzeichen einer Störung bereits vor etwa fünf Jahren.

Die Bauverwaltung schikanierte den Denkmalsanierer Jauch hingebungsvoll mit überzogenen Auflagen, ein renommierter Baurechtler attestierte der Behörde Willkür mit System. Jauch quittierte das mit einer Kehrtwende. Er verkündete, er investiere jetzt lieber „in Köpfe statt in Steine“. Seitdem finanziert er das christliche Kinderhilfsprojekt „Arche“ im Potsdamer Plattenbauviertel Drewitz, einem sozialen Brennpunkt.

In Bildern: Die Kunstsammlung des Hasso Plattner

Ein anderer Bauherr, der Anwalt Jörg Zumbaum, derzeit Insolvenzverwalter des Grand Hotel Heiligendamm, wurde in Verruf gebracht, nachdem er für rund drei Millionen Euro die Villa Gericke am Pfingstberg saniert hatte. Das Denkmal war derart vom Schwamm befallen, dass Zumbaum es auch hätte abreißen dürfen. Stattdessen ließ er restaurieren, in Abstimmung mit den Ämtern. Denen fiel erst danach auf, dass er einen Bauantrag gebraucht hätte. Auch Zumbaum zog sich zurück. Seine Pläne, vier Millionen Euro in eine Stiftung für den Wiederaufbau der verwilderten Kaiserlichen Matrosenstation Kongsnaes nahe der Glienicker Brücke zu investieren, ließ er fallen.

Jann Jakobs versprach, die Wohltäter von nun an besser zu pflegen. „Wie einen Schatz“, sagte er. „Das Klein-Klein, das hier jahrelang gemacht wurde, muss aufhören.“ Davon jedoch spüren die Wohltäter wenig, wen man auch fragt.

Wie viel Geld er in die Villa Schöningen an der Glienicker Brücke gesteckt hat, will Mathias Döpfner nicht preisgeben. Der Vorstandschef des Axel-Springer-Konzerns, der in Potsdam lebt, hat das verfallene Haus zu einem privaten Museum ausgebaut. Neben einer Ausstellung über die deutsche Teilung zeigt Döpfner seit knapp drei Jahren in der Villa viel beachtete Kunst. Über seine Potsdamer Erfahrungen will er lieber nicht berichten. Bis auf die Anekdote, dass die „einzige schriftliche Hinwendung der Stadt“ zu ihm, dem Retter der Villa Schöningen, zwei Monate nach Fertigstellung eingegangen sei. Es war ein Bußgeldbescheid über 25 Euro, weil die Hausnummer nicht rechtzeitig angebracht worden war. Döpfner: „Lassen Sie uns einfach darüber lachen.“

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