28 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer ist das Brandenburger Tor am 22. Dezember 1989 wieder zugänglich. picture alliance / dpa
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Eine neue Welt Vor 30 Jahren wurde das Brandenburger Tor geöffnet

Noch einmal feierte Berlin im Dezember 1989 den Mauerfall und die Wiedergeburt des Stadtsymbols. Kurz darauf folgte eine Silvesterparty, die im Chaos endete.

Welche Musik passte wohl besser zu dem Ereignis, das manchem, der dabei war an jenem 22. Dezember 1989, als historisch galt? Die moderaten Märsche, die eine kleine Blaskapelle zum Besten gab, regensicher postiert unter einem Balkonvorsprung in der Otto-Grotewohl-Straße, der heutigen Wilhelmstraße? Oder Berlinisches von Walter Kollo, das eine Mutter mit Tochter zum Akkordeon in der Nähe trällerte: „Biste am Pariser Platz, schwuppdich, haste schon ’nen Schatz.“ Oder gab gerade dieses stilistische Durcheinander den perfekten Soundtrack ab zu dem chaotischen Treiben vorne am Tor?

Diese Wochen und Monate sind reich an Jahrestagen, die gefeiert oder zumindest rückblickend gewürdigt werden wollen. Ein besonderer für Berlin war die Öffnung des Brandenburger Tores zwei Tage vor dem Weihnachtsfest des Wendejahres. Denn mit dem gemeinsamen Feiern auf beiden einst getrennten Torseiten wurde das Brandenburger Tor als Berliner Stadtsymbol wiedergeboren. International ist es neben dem Fernsehturm Berlins markantestes Symbol – erst recht bei den alljährlichen Silvesterpartys. Und das Tor war zentraler Festort des 30. Jahrestages der friedlichen Revolution.

Erst am 19. Dezember 1989 war dieser neue Grenzübergang bei einem Treffen zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Hans Modrow in Dresden vereinbart worden. Neue Durchlässe im Betonwall waren an sich nichts Besonders mehr in jenen Wochen, durch die jahrzehntelange Stilisierung des Tores als Symbol der Teilung in diesem Fall aber doch. Die Öffnung also musste ausgiebig gefeiert werden, schon in der Nacht auf den 22. Dezember ging es los, diesmal zu Leierkastenklängen, „Freut euch des Lebens“.

Tausende, viele schon reichlich abgefüllt, waren auf der Straße des 17. Juni unterwegs, um dabei zu sein, wie die DDR-Grenztruppen beidseitig des Tores Betonsegmente aus der Mauer hoben, südlich für die Einreise nach Ost-Berlin, nördlich für die Ausreise. Der Halbkreis der dicken Panzersperre direkt vorm Tor, in der Nacht des Mauerfalls noch von den begeisterten Massen besetzt, blieb unbehelligt.

Der West-Delegation folgten 100 Personen

Gegen 15 Uhr sollte die Zeremonie beginnen, mit Kohl und Modrow als Hauptpersonen, auch die Stadtoberhäupter von West und Ost, Walter Momper und Erhard Krack, durften nicht fehlen. Aber der West-Delegation, die kurioserweise durch den doch für die Ausreise bestimmten Übergang Ost-Berliner Territorium betrat, folgten bereits rund 100 Personen. „Kaum ein Bonner Kabinettsmitglied, kaum ein halbwegs prominenter Politiker, der nicht bei diesem historischen Ereignis dabei sein wollte“, sagte Momper später.

Gegenseitiges Händeschütteln, anschließend waren Reden geplant, die wurden auch gehalten, man konnte sie tags darauf im Tagesspiegel nachlesen. Ob die beidseitig des Tores versammelten, bald hin und her diffundierenden Menschen davon viel mitbekommen haben, darf bezweifelt werden, im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben ist nur Mompers Schlusssatz „Berlin, nun freue dich“, seine spontane Variation eines Satzes aus dem Buch „Am grünen Strand der Spree“ von Hans Scholz, der Momper erst während der Veranstaltung eingefallen war.

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Wie geplant lief bei diesem historischen Akt eigentlich nichts. „Ich hatte kaum die Rede beendet, als auf dem Platz das totale Chaos ausbrach“, erinnerte sich Momper. Die West-Delegation war gerade auf der Ostseite angekommen, da stürmten die ersten Ostler schon in den Westen und umgekehrt. Absperrungen wurden niedergerannt, und auch die in den Wochen seit dem Mauerfall sorgsam gehütete Panzermauer vorm Tor wurde erneut von Tausenden erklommen.

Die umdrängte Politprominenz zog sich erst in eines der Wachhäuschen zurück, schlug sich dann zum Reichstag durch, nach Mompers Worten eine „Tortur“. Erstaunlich, dass angesichts des Gedränges nichts Schlimmeres passierte: 21 Personen mussten wegen Atemnot oder Schwächeanfällen ins Krankenhaus. So gab die Feier zur Grenzöffnung eine Ahnung von der chaotischen Silvesterfete neun Tage später.

Teilnehmerzahlen: Zwischen 500.000 und einer Million

Schwer zu sagen, wie viele Menschen am ersten gesamtdeutschen Jahreswechsel am Brandenburger Tor teilnahmen. Die Schätzungen lagen zwischen 500.000 und einer Million – allein dies schon ein Indiz für die Unkontrollierbarkeit der vor allem vom DDR-Fernsehen ausgerichteten Veranstaltung. Mit solchen alkoholseligen Massen hatte man nicht im Westen und erst recht nicht im Osten Erfahrung. Und zu trinken gab es reichlich, schon auf der Straße des 17. Juni hatten sich wilde Händler postiert, die aus dem Kofferraum heraus Alkoholisches verkauften.

Dass die mitgebrachten Feuerwerkskörper da nicht wie empfohlen in die Höhe, sondern oft kreuz und quer abgefeuert wurden, lag nahe. Auch David Hasselhoff wurde bei seinem legendenumwitterten „Looking for Freedom“-Auftritt vor dem Tor von einer Rakete am Bein getroffen, was seinem nachwirkenden Enthusiasmus freilich keinen Abbruch tat.

Immerhin blieb er unverletzt, anders als viele Besucher der Jubelfeier, die sich zunehmend chaotisch gestaltete und bei der auch die Quadriga in Mitleidenschaft gezogen wurde. Erst hatte ein Unbekannter in Bergsteigerausrüstung das Tor erklommen und Seile nach unten gelassen, die abenteuerlustige Besucher gerne ergriffen, um sich ebenfalls nach oben zu hangeln. Auch Fallrohre und Blitzableiter wurden genutzt, schließlich befanden sich bis zu 500 Personen oben, begnügten sich aber nicht mit der tollen Aussicht, brachen Blätter aus dem Lorbeerkranz der wagenlenkenden Göttin, zerstörten das Zuggeschirr.

Schließlich erklommen Besucher sogar das Gerüst einer Videoleinwand des DDR-Fernsehens, die unter ihrem Gewicht zusammenbrach. Selbst die Versorgung der Verletzten – darunter viele, die betrunken von der wieder erklommenen Mauer gefallen waren – geriet zum Problem, wurden doch Rettungsfahrzeuge behindert und Helfer mit Feuerwerkskörpern beworfen.

Neues Jahr mit Freude und Schrecken

Die Bilanz dieser Chaosfeier am Tor: 271 Verletzte, dazu ein Toter, der in der Nähe der sowjetischen Botschaft Unter den Linden mit einer Wirbelsäulenfraktur und einem Aortaabriss gefunden worden war. In seinem Blut wurden 1,2 Promille festgestellt, offen blieb, ob er vom Gerüst oder von einem Baum gestürzt war. So begann das Jahr, das tatsächlich die Einheit bringen sollte, mit einer Mischung aus Freude und Schrecken.

Immerhin, alle folgenden Silvesterfeiern am Brandenburger Tor wurden besser organisiert. Schließlich schaut inzwischen die ganze Welt zum Tor, das 1989 endlich wieder allen in Berlin offen stand.

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