Dieter Puhl genießt im Park bei der Stadtmission in seinen Mittagspausen eine Ruhe, die er am Bahnhof Zoo nicht hatte. Mike Wolff
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Ein Treffen mit Dieter Puhl Von der Bahnhofsmission zum Experten für Einsamkeit

Lange Zeit leitete er die Bahnhofsmission, nun hat er neue Aufgaben – und feiert Heiligabend endlich wieder zu Hause. Ein Treffen mit Dieter Puhl.

Dieter Puhl steht auf einer grauen Betonfläche, zwischen parkenden Autos, Grünstreifen, einem nüchternen Zweckbau mit breiter Glasfront, und spielt Klavier. Seine Finger drücken in Hüfthöhe auf Tasten, zu hören ist aber nur der Autolärm der Lehrter Straße. Ein imaginäres Konzert vor dem Eingang der Stadtmission.

Dieter Puhl, der Mann mit der Schiebermütze, zehn Jahre Leiter der Bahnhofsmission, hat nur ein gutes Bild gefunden, um seine Botschaft zu verdeutlichen. „Es ist wie bei einem Kinderklavier mit nur sechs Tasten. Zu wenig für gute Musik. Man muss also immer Taste um Taste hinzufügen, damit am Ende vernünftige Musik herauskommt“, sagt er. „So ist ist das auch mit der Obdachlosigkeit. Man muss die Hilfe schrittweise erhöhen, damit man dieses Problem endlich beheben kann.“

Das Problem beschäftigt ihn seit 27 Jahren, so lange ist er bei der Stadtmission. Aber jetzt hat sich etwas geändert in seinem Leben, deshalb beginnt dieser Spaziergang hier, in dem Kiez, in dem er arbeitet. Er hat natürlich auch einen privaten, auch da zeigen sich die Veränderungen seines Lebens. Aber weil sie rund um die Lehrter Straße am stärksten sind, weil Dieter Puhl das Gesicht der Bahnhofsmission ist, möchte er sich hier treffen und geht los in Richtung Lesser-Ury-Weg.

Auf seinem Weg stößt er auf einen Park, mit Bänken, krumm gewachsenen Bäumen, viel Rasen, Ruhe, Eichhörnchen. Ein Stück Natur. Für Dieter Puhl aber ist es eine emotionale Version des Paradieses. Das kann man nur verstehen, wenn man hört, wie er das Umfeld seines letzten Arbeitsplatzes bezeichnet: „Die Höchststrafe im Leben.“

Die Bahnhofsmission liegt in der Jebenstraße am Bahnhof Zoo, permanent liegt ein unangenehmer Geruch in der Luft. „Die Menschen, die dort arbeiten, riechen das an 300 Tagen im Jahr“, sagt Puhl. Der 62-Jährige meint mit „Höchststrafe“ nicht die Situation in der Bahnhofsmisssion – er schätzt seine Ex-Kollegen, seine Gäste, die Ehrenamtler über alles. Er meint, unter anderem die Pausen, die er in einem nahen Supermarkt verbrachte, wo er ständig angesprochen wurde.

Zuständig fürs Thema Einsamkeit

Seit Januar arbeitet er in der Zentrale der Stadtmission in der Lehrter Straße, ist in der Stabsstelle zuständig auch fürs Thema Einsamkeit. Hier im Park sitzt er in der Mittagspause, allein auf einer Bank, raucht, manchmal denkt er nach, manchmal denkt er an gar nichts.

Der Lehrter Straße, Synonym für sein neues Leben, seinen neuen Alltag, verdankt er auch, dass er endlich, nach 27 Jahren, Heiligabend mal wieder zu Hause ist, bei der Familie. „Es fühlt sich besonders an“, sagt er. Mit seinen Enkeltöchtern wird er Hühnchen kochen. „Ich freue mich schon total, dass ich alles mit ihnen zubereiten kann.“

Früher feierte er Heiligabend in der Bahnhofsmission. Auf den Tischen lagen weiße Tischtücher, Kerzen flackerten, es gab Gänsekeule mit Rot- und Grünkohl. Weihnachten mit der Familie fand dann für ihn am ersten Weihnachtsfeiertag statt, mit einem ausgiebigen Brunch.

Dieter Puhl ist innerlich ruhiger geworden, er spürt das auch in seinem privaten Kiez am Klausenerplatz in Charlottenburg. Ein junger Rumäne, ordentlich gekleidet, aber obdachlos, hatte ihn dort regelmäßig um Geld gebeten, als Puhl noch in der Jebenstraße arbeitete und im Café nahe seiner Wohnung nur Zeitung lesen wollte. Es gab Momente, da empfand Puhl den Mann als „etwas aufdringlich“. In diesem Jahr bat er den Rumänen an seinen Tisch und redete lange mit ihm. Das ist der Unterschied.

Der Stress ist anders als früher

Der Spaziergang führt Puhl nun in die Seydlitzstraße, zum Restaurant Rossi. Puhl hat es vor „wenigen Wochen entdeckt“, ein Inklusionsprojekt mit angeschlossenem Hotel. Hier arbeiten auch Gehörlose, Lernschwache, Epileptiker. Der Chefkoch aber hat schon im Ritz Carlton am Herd gestanden. Puhl isst gerne hier, gutes Essen zum Stressausgleich.

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Der Stress ist jetzt anders als früher. Er muss sich ins Thema Einsamkeit einarbeiten. Er hört viel zu, er knüpft Kontakte, er vermittelt. Dieter Puhl bringt Verantwortliche zusammen, aus der Politik, aus anderen Bereichen. Er hat es geschafft, dass im Sommer Politiker verschiedener Parteien bei einem spontanen Picknick im Tiergarten entspannt über das Thema plauderten. Zuvor hatten alle vor der italienischen Botschaft für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer gebetet. Auf Initiative der Stadtmission.

Puhl biegt in die Lehrter Straße ab, rechts liegt ein grauer, langgezogener Bau, auf den Fensterbrettern stehen leere Blumentöpfe. Das „Cum Fide“, ein Übergangswohnheim der Stadtmission für Suchtkranke. „Eine der wenigen Einrichtungen, in denen man Alkohol trinken darf“, sagt Puhl. Johnny hat hier auch gewohnt, Alkoholiker, lange obdachlos, sehr aggressiv, er hat gedroht und geschlagen. Einmal hatte er Hausverbot. Als sich der Krebs durch den Körper gefressen hatte, vermittelte ihn die Stadtmission in ein Hospiz. Puhl ist dankbar dafür. „Es ist doch ein Trost, dass Johnny nicht auf der Straße gestorben ist.“

Dieter Puhl bereitet sich nun auf seinen neuen Alltag vor, Heiligabend mit der Familie. Alles vorbereitet, nur eine Frage muss er mit den Enkelkindern noch klären: „Schoko- oder Vanillepudding zum Nachtisch.“

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