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Mit dem Ausbleiben der Touristen fehlt dem Traditionskaufhaus an der Tauentzienstraße die Hälfte der Besucher. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
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Ein Traditionshaus will sich neu erfinden Das KaDeWe in Berlin kommt in der Pandemie auch nach Hause

Seit der Testpflicht fehlen dem KaDeWe auch Berliner Kunden. Die Chefs sind trotzdem zuversichtlich. Der Umbau kommt voran.

Wer dieser Tage durchs KaDeWe geht, könnte sich dort sehr viel sicherer fühlen als im Tiergarten. So leer haben die Berliner das Haus am Wittenbergplatz kaum je erlebt. Umso überraschender ist es, von Geschäftsführern der KaDeWe Group, André Maeder und Michael Peterseim, der für die Finanzen zuständig ist, zu hören, dass „es gar nicht schlecht läuft“, dass sie, im Gegenteil, voller Zuversicht in die Zukunft blicken.

Im kommenden Herbst werden 75 Prozent der Umbauarbeiten erledigt sein. Dann kommt wieder mehr Verkaufsfläche hinzu, und die erste der beiden spektakulären großen Rolltreppen wird eröffnet. Derzeit fehlen von den insgesamt 60 000 vorhandenen Quadratmetern wegen der Bauarbeiten noch 20 Prozent und damit natürlich auch ungefähr 20 Prozent am Umsatz. Personal habe man trotzdem nicht abgebaut. Corona hat alles noch schwieriger gemacht.

Mit dem Ausbleiben der Touristen fehlten plötzlich die Hälfte der Kunden des Hauses, das normalerweise immer ein internationales Publikum anzieht. Die 50 Prozent der Stammkunden aus Berlin und Umgebung haben das nur teilweise wettmachen können. Immerhin habe man in diesem März im Vergleich zum März 2019 sogar 80 Prozent des Umsatzes verzeichnen können, sagt Peterseim. In der Zeit, als man nach dem Lockdown wieder mit Terminbuchung einkaufen konnte nach dem Motto „Click & Meet“, sei zudem ein erheblicher Nachholbedarf bei den Kunden erkennbar gewesen. Auch wenn es weniger waren, kauften diese mehr.

Erst die Pflicht, vor dem Betreten des Hauses einen Schnelltest vorweisen zu müssen, habe den Publikumsverkehr noch einmal sehr ausgedünnt. „Danach sind erstmal nur noch zwölf bis 15 Prozent der Kunden gekommen.“ Langsam gehe es aber wieder bergauf. Am vergangenen Sonnabend begrüßte das KaDeWe-Team im Laufe des Tages rund 5000 Leute. In der unmittelbaren Umgebung gibt es einige Testzentren, eines davon hinter der Apotheke am KaDeWe, wo es zum Parkhaus geht.

Online-Anteile liegen bei 35 Prozent

Mit etwas Glück hat man dort innerhalb von 15 Minuten die notwendige Bescheinigung, mit der man an den Türstehern vorbeikommt. Innen sind die Verkäufer:innen angehalten, darauf zu achten, dass die Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden. Immer wichtiger wird aber auch das Online-Geschäft. Die Einführung sei lange geplant gewesen, berichtet Michael Peterseim. Ursprünglich sei der Start erst für dieses Jahr geplant gewesen. Wegen Corona habe man ihn ein Jahr vorgezogen auf 2020. Zum einen geschah das, um das Angebot aufrecht zu erhalten und zum anderen, um hochmodische Artikel trotz der Schließungen noch verkaufen zu können. „Etwa fünf bis zehn Prozent der Marken, die das KaDeWe führt, sind derzeit online im Angebot. Beim Umsatz machen die Online-Anteile 35 Prozent aus.“ Ein solches Angebot verlangt nach Investitionen. Mehr als 50 Millionen Euro habe das gekostet und mehr als 50 Mitarbeiter seien im Online-Geschäft tätig, sagt Peterseim. Die frühere Einführung sei zwar ein Kraftakt gewesen, der sich aber strategisch lohnen werde. Wenn erst das gesamte Spektrum an Waren angeboten wird, rechnet er „mit einem Online-Anteil am Umsatz in Höhe von 20 Prozent, mit mehreren hundert Millionen Euro“.

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Noch mehr Aufmerksamkeit wird dieses Angebot bekommen, wenn die KaDeWe Group in den nächsten Jahren zwei neue Häuser in Düsseldorf und Wien eröffnet. Wenn in Düsseldorf im ehemaligen Carsch-Haus ein Concept Store mit 10.000 Quadratmetern entsteht, wird David Chipperfield die Oberaufsicht führen. Die Eröffnung ist für Herbst 2023 geplant. Ein Jahr später soll in Wien, in der Mariahilfer Straße, auf 17.000 Quadratmetern ein weiterer Concept Store eröffnen.

Live-Shopping mit Avataren

Hier wird, wie im Berliner KaDeWe, Rem Kohlhaas federführend bei den Entwürfen sein. Außerdem sollen die Feinschmeckerabteilungen im Alsterhaus in Hamburg und bei Oberpollinger in München weiter ausgebaut werden. Auch das ist aus Maeders Sicht ein Alleinstellungsmerkmal: „Wir investieren noch in Department Stores. Andere sind da sehr zurückhaltend. “Immerhin liegen die Kosten für den Umbau der drei Häuser, die bereits jetzt zur KaDeWe Group gehören, bei rund 54 Millionen Euro.

Im Zuge der breiteren Bekanntheit der Gruppe sollen Online-Events den Verkauf weiter ankurbeln. Neue Formate im Live-Shopping sollen den Kunden das haptische Einkaufen bestmöglich ersetzen. „In einigen Wochen wollen wir mit Avataren arbeiten, die genau die Maße der Kunden haben. Dann kann man virtuell schon mal anprobieren lassen und bekommt einen guten Eindruck, wie etwas passt.“ Bislang laufen Kosmetikartikel und Mode besonders gut online. Veranstaltungen zögen bisher teils mehrere hundert Leute an mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 20 Minuten.

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Auch Berliner mögen Luxus

Im Haus selbst wird sich in den nächsten Monaten aber auch noch einiges tun. Auf 4000 Quadratmetern entsteht eine große Spielwaren-Abteilung, die mit der Kinderbekleidung kombiniert wird. Die geplante Dachterrasse ganz oben wird zwar nicht vor 2024 fertig sein. Aber schon im kommenden Sommer soll man im kleinen Außenbereich der einstigen Silberterrasse, die jahrelang als Kofferlager fungiert hat, gleich neben dem Kundenservice Kaffee trinken und die nächsten Einkäufe planen können. Auch in der Sechsten, der Feinschmeckeretage, soll noch in diesem Sommer eine Terrasse eröffnen, die über 100 Gästen Platz bietet. Kunden, die das alte Parkhaus noch immer vermissen, können sich auf die Eröffnung des Neubaus im Sommer 2022 freuen.

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Im Atrium wird sich auf 1000 Quadratmetern die Parfümerie ausbreiten. In den hinteren Bereich, wo Teile davon zurzeit angesiedelt sind, ziehen weitere Luxusmarken ein. Gerade ist eine große Fläche für den Juwelier Bucherer hinzugekommen, aber auch Chopard, Omega und Bulgari machen sich aus Sicht der Chefs sehr bezahlt. „Dass wir auf Luxus setzen und uns klar abheben von den Angeboten anderer, hat uns beträchtliche Erfolge beschert“, sagt Maeder. „Luxus kaufen auch Berliner“, betont er. Und wenn erst wieder Tourismus möglich ist, werde sich der neue Flughafen BER bestimmt positiv auswirken. Dort ist allerdings keine Dependance geplant. „Die Souvenirs haben wir alle bei uns im Haus.“

„In drei bis vier Jahren will die KaDeWe Group die Umsatzmilliarde knacken“, sagt Michael Peterseim. Ohne Corona hätte das schon früher geschehen können: „Wir waren und sind auf einem sehr guten Weg“, ergänzt André Maeder. Die Gesellschafter, die mit 50,1 beteiligte thailändische Central Group und die mit 49, 9 Prozent beteiligte Signa Gruppe, stünden jedenfalls fest zu den Projekten. André Maeder ist sich sicher: „Es gibt ein Danach. Wir sind ganz nahe dran.“ Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Wir müssen nur die Nerven behalten.“

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