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Unter Regierenden. Zum 75. Geburtstag ihres Amtskollegen Eberhard Diepgen (CDU, 2. v. r) kamen 2016 Klaus Wowereit, Michael Müller und Walter Momper (alle SPD). Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
© Bernd von Jutrczenka/dpa

Ein Rückblick auf 37 Jahre Landespolitik Krisen, historische Momente und sechs Regierende

37 Jahre lang war Ulrich Zawatka-Gerlach landespolitischer Korrespondent im Berlin-Ressort des Tagesspiegels. Sein Rückblick zum Ruhestand.

Wer, von Bad Birnbach kommend, in Untertattenbach an der richtigen Stelle links abbiegt, erreicht nach kurzer Fahrt den Weiler Holzmannhäuser. Dort lag das Sommerhaus von Hans-Jochen Vogel, in das ich als junger Journalist im Juli 1985 eingeladen war. Vogel, damals schon Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, empfing uns gemeinsam mit seiner Frau in zünftiger Tracht: Lederhose und Dirndl.

Abends sang er bei der Brotzeit im Wirtshaus Wasner bei einer Maß Bier das Lied vom Wildschütz, den von hinten traf der Schuss. Am Akkordeon begleitet von Sepp Binder, der bis zur Abgeordnetenhauswahl im Mai 1981 Sprecher des Berliner Senats war. Nur 140 Tage war Vogel Regierender Bürgermeister von Berlin, den Machtzerfall der Berliner Sozialdemokraten hat auch er nicht aufhalten können.

Aber bis 1994 blieb er als Berliner Bundestagsabgeordneter seinem Neuköllner Wahlkreis treu. Mit einem Bürgerbüro in der Schönstedtstraße. Alles, was die Menschen ihm Kiez bewegte, war penibel in Akten sortiert. Mit geradem Rücken und breiten Hosenträgern begrüßte er freundlich den jungen Redakteurs-Azubi, um ihn mit Oberlehrerstimme durch den bundesweit bekannten Bürgertreff zu führen.

Was ist seitdem, in fast vier Jahrzehnten, nicht alles passiert? Eine Chronik der Berliner Landespolitik bis heute würde dicke Bände füllen. Aber zeichnen wir wenigstens die großen Linien nach: Sechs Regierende Bürgermeister, 14 Koalitionsbündnisse und eine Erweiterung der alten Parteienlandschaft mit SPD, CDU und FDP um die „Neulinge“ Grüne, Linke und AfD.

Mauerfall und Vereinigung, der Hauptstadtumzug von Bonn nach Berlin und die ständige Bedrohung Berlins durch die finanzielle Pleite. Es gab Haushaltsklausuren des Senats, bei denen wir Journalisten bis morgens um 5 Uhr mit einer kalten Pizza auf dem Schoß vor den Türen lauerten.

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Zu den großen Themen gehörte auch die misslungene Länderfusion Berlin-Brandenburg, eine innerstädtische Gebietsreform (aus 23 Bezirken wurden zwölf) und die Erfindung der Bürgerämter samt einer niemals endenden Verwaltungsreform.

Nicht zu vergessen die Ära der Hausbesetzungen, der irre Immobilienskandal um den Charlottenburger Bezirksstadtrat Wolfgang Antes, ein verschwundener Bausenator und die Berliner Bankenaffäre. Schließlich der hoch umstrittene Tabubruch: Die Linke, damals PDS, durfte erstmals mitregieren. Außerdem wurden mit Tempelhof und Tegel zwei Flughäfen geschlossen – und tatsächlich ein neuer eröffnet.

Mit Distanz und feiner Ironie - die kurze Ära Weizsäcker

Noch vor der Wende wurde Berlin 750 Jahre alt, was in beiden Stadthälften groß gefeiert wurde, verbunden mit leicht verkrampften politischen Annäherungsversuchen. An denen war, als Amtsnachfolger Vogels, der CDU-Politiker Richard von Weizsäcker maßgeblich beteiligt. Auch er ein Import aus der Bonner Republik, der es nur zweieinhalb Jahre aushielt, dann wurde er Bundespräsident.

Weizsäckers größtes Verdienst war es, in dieser kurzen Zeit die piefige und verfilzte Halbstadt politisch und mental zu durchlüften. Mit Hanna-Renate Laurien, Norbert Blüm, Ulf Fink und Elmar Pieroth brachte er Persönlichkeiten mit, die in der Lage waren, über die Kirch- und Rathaustürme der geteilten Stadt hinauszudenken.

Weizsäcker war sich seiner Herkunft und Rolle sehr bewusst, Journalisten begegnete er mit freundlicher Distanz und feiner Ironie, die gelegentlich in Sarkasmus abglitt, wenn ihm was gar nicht passte. Ein hoch gebildeter Mensch – und passionierter Schachspieler. Auf einer Reise in die Partnerstadt Paris, nach einem Dinner in der deutschen Botschaft, organisierte Weizsäcker fix ein Brett und Figuren und wir spielten eine Runde. Er gewann, was ihn sichtlich freute.

Vertrauliche Momente zu den Regierenden wurden rar

Schachkundige Politiker sind mir übrigens selten begegnet. Skat- und Doppelkopf-Spieler umso mehr. Klaus Wowereit beispielsweise hat gern einen Skat gedroschen, der heutige SPD-Fraktionsgeschäftsführer Torsten Schneider ist ein genialer Skatfuchs, und noch vor dem Mauerfall gab es in einer Kreuzberger WG mit Volksvertretern der Alternativen Liste ausufernde Doko-Runden. Auch Peter Kurth, ehemals CDU-Finanzsenator, war ein sehr unterhaltsamer Doppelkopf-Partner.

Vor allem auf Fraktionsklausuren von SPD und CDU wurde auch gern gesungen. Arbeiterlieder zur Gitarre oder die Mundorgel rauf und runter. Traditionen, die stark gefährdet sind, denn der Schutz des „Unter-sich-seins“, um als Journalist enge Bindungen zur politischen Klientel aufzubauen und zu festigen, zerbröselt zunehmend. Instagram, Twitter & Co. bedrohen solche Idylle, weil jeder vertrauliche Moment Gefahr läuft, auf der Stelle enthüllt zu werden.

Wo die Laufbahn begann

Als meine Laufbahn als Zeitungsredakteur in den frühen siebziger Jahren bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ in meiner Heimatstadt Recklinghausen begann (allererster Termin: eine Miederwaren-Modenschau bei Karstadt), gab es nur analoge Medien: das Festnetztelefon, einen Schreibblock und den Kassettenrekorder für Interviews. Verfasst wurden die Texte auf klappriger Schreibmaschine mit Korrekturband, anschließend wurden sie in Blei gesetzt.

Auch noch beim Tagesspiegel, der mich im Mai 1991 unter Vertrag nahm, nach einigen Jahren als Jungredakteur für Politik und Wirtschaft beim „Spandauer Volksblatt“ und einer knapp zweijährigen Karriere als Pressesprecher der Senatskulturverwaltung.

Der gute alte Tagesspiegel! Es war eine seltsame Erfahrung, mit der ersten kleinen Exklusivgeschichte stolz zum Politikchef zu laufen, der stirnrunzelnd sagte: „Junger Kollege, das hat die Deutsche Presse-Agentur bisher nicht vermeldet, das können wir vorher leider nicht drucken.“

Unter trinkfester Klientel

Zu den frühen Berufserfahrungen gehörte auch, dass Journalisten und Politiker trinkfeste Menschen waren. Als in den achtziger Jahren im Süden Neuköllns der Britzer Garten entstand, klingelte ich beim Bausenator Harry Ristock (SPD) morgens um 10 Uhr an der Wohnungstür, er wollte mich für eine Reportage über das Gelände führen. „Guten Morgen, komm’ Se rein. Kaffee oder Bier?“

Und in der Kantine des Rathauses Schöneberg, wenn sich die Plenarsitzungen dem Ende zuneigten, waren an manchen Tischen nicht nur die Wodkagläser voll.

„Diepgen rennt“ - die Zeit des CDU-Regierenden Eberhard Diepgen

Ein eher nüchterner Mensch, um mich dem nächsten Berliner Regierungschef zu widmen, war der Christdemokrat Eberhard Diepgen, der sich 1984 als Nachfolger Weizsäckers gegen die starke Konkurrentin Hanna-Renate Laurien durchsetzen konnte.

So richtig warm wurden wir nie miteinander, obwohl Diepgen lange im Amt war: Erst bis 1989, dann wieder ab 1991 für weitere zehn Jahre bis zum Bruch der Großen Koalition. Dabei war (und ist) er eine gute Seele, anständig und korrekt, klug und preußisch pflichtbewusst.

Merkwürdig, was einem alles einfällt, wenn man den Erinnerungen freien Lauf lässt: So entschieden im Wahlkampf 1999 die CDU-Wahlkampfstrategen, der Regierende müsse sportlicher, jugendlicher werden. Folgsam joggte Diepgen durch die Stadt. „Diepgen rennt“, hieß der Slogan, der Wahlerfolg war triumphal.

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Trotzdem seufzte der CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky: „Wie sieht der Eberhard denn aus, mager und freudlos.“ Landowsky war der Stratege und Abräumer, der dem Jugendfreund Diepgen den Rücken freihielt. Ein begnadeter Rhetoriker, dessen Rededuelle mit dem Grünen-Politiker Wolfgang Wieland in die Geschichte des Berliner Landesparlaments eingegangen sind.

Unvergessen auch seine Hintergrundrunden mit Journalisten, stets bereichert durch ein üppiges Frühstücksbuffet. Mit „Lando“ war es immer unterhaltsam, am Ende tragisch. Als die jungen CDU-Wilden im Mai 2001 ihren Übervater auf einer Fraktionsklausur im bayrischen Kloster Banz zum Rücktritt zwangen, wurde abends trotzdem noch getrunken, gesungen und geschunkelt.

Der gebürtige Franke Landowsky ließ den Text zum Frankenlied verteilen: „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein, wer lange sitzt, muss rosten …“ In einem sentimentalen Anflug bat ich, mir das Textblatt zu unterschreiben. Ein Erinnerungsstück, das ich behalten habe: „Herzlich, Ihr Klaus Landowsky“.

Denkwürdig war auch Diepgens stiller Abschied. An einem lauen Sommerabend im Juni 2001 zerbrach im Senatsgästehaus in Berlin-Dahlem die Koalition aus CDU und SPD. Als Letzter verließ Diepgen die Villa und gesellte sich zu den wenigen Berichterstattern, die auf der Straße ausgeharrt hatten. Nachdenklich, ohne Zorn, resümierte er das erzwungene Ende seiner Amtszeit. Das flößte Respekt ein.

Walter Momper - der „Mann mit dem roten Schal“

Lange davor lag die turbulente Zeit, in der Walter Momper die Ära Diepgen kurz unterbrach. Ein niedersächsischer Dickschädel, machtbewusst und ehrgeizig. Als sich der linke Sozialpolitiker 1985 dazu entschloss, für den SPD-Fraktionsvorsitz zu kandidieren, rief er mich aus der Telefonzelle an. „Also, ich trete an, aber ich habe einen ganz schönen Bammel! Aber das schreiben Sie bitte nicht.“

Die Wahlniederlage der CDU, die wegen des Antes-Skandals, steigender Mieten und sozialer Missstände mächtig Federn ließ, spülte Momper im Frühjahr 1989 überraschend ins Regierungsamt. Jahrelang hatte er der Alternativen Liste (heute Grüne) die Politikfähigkeit abgesprochen und auf einmal war die rot-grüne Mehrheit da.

Die turbulente Zeit mit dem „Mann mit dem roten Schal“ an der Spitze habe ich weitgehend „von innen“ erlebt, als Sprecher einer Senatsverwaltung, die nach dem Mauerfall viele Kultureinrichtungen in Ost-Berlin abwickeln musste.

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So mancher Intendant saß mit Tränen in den Augen auf den Fluren der Verwaltung und hoffte auf Geld. In den Faxen, die nach Berlin geschickt wurden, sicherten die Bonner Ministerien viel zu, um dann die meisten Versprechen wieder einzukassieren.

Momper regierte mit harter Hand, im Dauerkonflikt mit den Grünen. Koalitionsintern war die Stimmung chronisch mies und das Bündnis wäre wohl schon vor dem November 1990 auseinandergebrochen, hätten sich nicht alle in der Pflicht gesehen, das Zusammenwachsen von West- und Ost-Berlin einigermaßen ordentlich zu managen.

Der im Dezember 1990 abgewählte Momper bemühte sich mit mäßigem Erfolg um eine weitere politische Karriere und stieg nebenbei ins Immobiliengeschäft ein. Wer darüber kritisch schrieb, wurde angeraunzt. Oft fühlte sich „Mompi“ ungerecht behandelt, blieb aber stur bei seiner Meinung. Über gelegentliche Streicheleinheiten freut er sich natürlich immer noch. Nach seinem 75. Geburtstag, den er in Amsterdam verbracht hatte, rief er mich an. Meine Jubiläums-Glosse habe ihn gefreut. „War auch alles richtig, was da stand.“

Klaus Wowereit - ein Plausch war immer drin

Alles richtig schreiben! Da kommen Erinnerungen hoch an Klaus Wowereit, der von 2001 bis 2014 im Roten Rathaus residierte. Als der ehemalige Tempelhofer Bezirksstadtrat Mitte der neunziger Jahre ins Abgeordnetenhaus einzog, um als Vize-Fraktionschef und Haushaltsexperte der SPD sogleich ins Geschehen einzugreifen, lernte ich ihn als einen Politiker kennen, der gegenüber Journalisten keine Berührungsängste kannte.

Ulrich Zawatka-Gerlach begleitete die Berliner Landespolitik als kritischer Beobachter, wie hier beim Tagesspiegel-Wahlforum 2016. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Ulrich Zawatka-Gerlach begleitete die Berliner Landespolitik als kritischer Beobachter, wie hier beim Tagesspiegel-Wahlforum 2016. © Mike Wolff

Ein netter Plausch war immer drin. Gelegentlich sprach einen die königliche Hoheit in der dritten Person an, offenbar ohne es zu merken. Der Tonfall wurde schnöselig bis garstig, sobald ihm etwas nicht passte. Als neuer Haushaltspolitiker kam er im Hauptausschuss oft in der Sitzungspause an den Pressetisch. „Also, was haben Sie da gestern für einen Mist geschrieben?“ In der Fehlerselbsterkennung war Wowereit allerdings nicht der Größte.

Einmal hat er mich zusammengebrüllt. Während der Fraktionsklausur im Januar 2013 in Dresden wollten Wowereit und Finanzsenator Ulrich Nußbaum den abenteuerlichen Vorschlag durchsetzen, die milliardenschweren Kreditgarantien für Schrottfonds der Ex-Bankgesellschaft an eine arabische Bank zu verkaufen. Schnell war klar, dass es dafür fraktionsintern keine Mehrheit gab, und das stand zuerst im Tagesspiegel. Wowereit raste mit der Zeitung auf mich zu, schlug mit der Hand auf den Artikel und schrie so etwas wie: „Das muss weg!“ Aber es war gedruckt, und es stimmte.

Michael Müller und die Angst vor der Falle

Unsere Politiker haben eben manchmal ein dünnes Fell. Das gilt nicht zuletzt für Michael Müller. Bis zum Spätherbst 2021 ist er noch Regierender Bürgermeister, dann will er in den Bundestag. Mit ihm war es nie einfach, weil er jede Kritik in der Sache gleich als persönlichen Angriff empfand. Überall lauerte das Böse, da wird es schwierig, sich zu entspannen.

Es gab Zeiten, da ihn der Ehrgeiz und die Angst vor dem Misserfolg fast zerfraßen. Schon als Vorsitzender der SPD-Fraktion, in dieses Amt kam er im Juni 2001, baute sich der ehemalige Bezirkspolitiker aus Tempelhof eine Wagenburg aus wenigen Vertrauten auf. Bot man ihm, als er drei Jahre später auch den Landesvorsitz übernahm, vor Landesparteitagen ein Interview an, zögerte er stets. Man könnte ihn ja in eine Falle locken.

Von Herkunft und Haltung ist Müller einer der letzten Sozialdemokraten alter Schule in Berlin, das politische Handwerk hat er vom Ortsverband aufwärts gelernt. Er kann sich trickreich wehren, das haben Parteifreunde, die ihn schon vor Jahren aus dem Weg räumen wollten, erfahren müssen. Andererseits ist er gesellig, trinkt abends gern ein Bier und kann der witzige, nette Kumpel sein. Ähnlich wie der Parteifreund Wowereit ist Müller gern in der Welt unterwegs, auch dienstlich, was öffentlich kaum registriert worden ist.

Und er entpuppt sich, kommt das Gespräch aufs Kino, als Kenner von Thrillern und Star-Wars-Filmen. Seit einem Jahr, als er sich auf Drängen von Giffey, Saleh & Co. bereit erklärte, im nächsten Jahr das Rote Rathaus mit dem Reichstagsgebäude zu tauschen, geht es Müller spürbar besser. In kluger Einsicht hat er letztlich losgelassen. Denn niemand ist unentbehrlich, das gilt für Politiker und Journalisten. In diesem Sinne: Ade!

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