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An der Ringbahnstraße in Tempelhof entsteht das neue Anti-Terrorzentrum in Berlin. Erste Teile wurden an die Polizei übergeben. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
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Update Ein Haus gegen Fanatiker Innensenator übergibt neues Anti-Terror-Zentrum an die Berliner Polizei

Die Polizei bündelt ihre Terrorabwehr an einem zentralen Standort – eine Lehre aus dem Anschlag 2016. Im Dezember sollen die ersten Beamten einziehen.

Die Kulisse wäre ideal für die Kultserie "Babylon Berlin". Ein hoher, vierstöckiger Lichthof im Design der 1920er Jahre, die Treppenhäuser und Galerien mit türkisfarbenen Keramikfliesen verkleidet, überall kantige Säulen, dazwischen stromlinienförmige Geländer mit dünnen schwarzen Streben. Ein architektonisches Art-déco-Juwel mitten in Berlin.

Doch das Herzstück des von 1925 bis 1928 erbauten Reichspostzentralamts an der Ringbahnstraße in Tempelhof wird kein Schauplatz für gespieltes Verbrechen. In dem wuchtigen Backsteingebäude mit mehr als 400 Räumen geht es bald um echte, extreme Kriminalfälle. Hier entsteht das Anti-Terror-Zentrum der Berliner Polizei, Innensenator Andreas Geisel (SPD) hat am Montag den ersten, weitgehend sanierten und behutsam umgebauten Teil an Polizeipräsidentin Barbara Slowik übergeben.

Geisel drückte ihr einen stilistisch nicht ganz passenden goldenen Schlüssel in die Hand. Das sei heute "ein Super-Tag", sagt der Senator und spricht von einem "Meilenstein für die Berliner Polizei". Im Dezember sollen die ersten von insgesamt 1200 Beamtinnen und Beamten aus den LKA-Abteilungen 8 und 6 einziehen.

Das Anti-Terror-Zentrum als ein Ort geballter Kompetenz bei der Bekämpfung militanter Islamisten, Rechtsextremisten und anderer Fanatiker ist eine steingewordene Konsequenz aus der Katastrophe des 19. Dezember 2016.

Der Anschlag des Tunesiers Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz kostete zwölf Menschen das Leben, mehr als 70 wurden verletzt - und das Vertrauen in die Effektivität der Sicherheitsbehörden war ramponiert. Polizei und Verfassungsschutz kannten Anis Amri schon länger, doch die Überwachung des islamistischen Gefährders war mangelhaft.

Im Dezember sollen die ersten Dienstkräfte einziehen

"Der Anschlag hat uns sehr erschüttert", sagt Slowik bei der Teileinweihung. Dass Ende des Jahres das Anti-Terror-Zentrum "seinen Betrieb aufnimmt, erfüllt mich mit Freude".

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Untergebracht und zusammengeführt werden in dem Komplex die 180 Beamtinnen und Beamte des Landeskriminalamts, die für die Bekämpfung des islamistischen Terrors zuständig sind, das Spezialeinsatzkommando (SEK) und das vor allem für Observation von Verdächtigen zuständige Mobile Einsatzkommando sowie Personenschützer und Fahnder.

Die Berliner Polizei bündelt ihre Kräfte in der Terrorabwehr. Aus zwei Gründen: die bisherigen Standorte, vor allem am Platz der Luftbrücke, sind längst zu eng, da allein beim LKA 8 die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verdoppelt wurde.

Andreas Geisel (SPD), Innensenator, steht vor dem neuen Berliner Anti-Terrorzentrum in der Ringbahnstraße. Foto: Jörg Carstensen/dpa Vergrößern
Andreas Geisel (SPD), Innensenator, steht vor dem neuen Berliner Anti-Terrorzentrum in der Ringbahnstraße. © Jörg Carstensen/dpa

Und: das neue Anti-Terror-Zentrum liegt mitten in der Stadt. Ein Anschlagsort wie der Breitscheidplatz wäre in Minuten zu erreichen. Die Polizei setze auf das "Prinzip der kurzen Wege", sagt Geisel. Und auch bei der Verhinderung eines Anschlags "spielt Zeit eine entscheidende Rolle".

Die zeitlichen Ideen zum Aufbau des Anti-Terror-Zentrums waren allerdings nicht ganz einzuhalten. Geisel und die Polizei hätten das Gebäude gern schon Ende 2020 fertig gehabt, doch der Denkmalschutz ist bei einem gut erhaltenen und zudem ausladenden Art-déco-Gebäudekomplex ein Tempostopper.

Beim Presse-Rundgang in der zweiten Etage zeigt sich wie im Lichthof, dass Detailtreue eine große Rolle spielt. Die alten, grauen Türen mit den blickdichten Glasscheiben sind offenkundig restaurierte Originale. Hier und da tauchen zudem weitere Wände mit türkisfarbenen Kacheln auf.

Stahlplatten und Stacheldraht sollen Angreifer aufhalten

Die leeren Räume müssen nun auch mit Computern und sonstiger Technologie gefüllt werden. Was da alles reinkommt, sagen Geisel und Slowik nicht. Das Anti-Terror-Zentrum soll für seine Feinde nicht allzu transparent sein. Draußen sollen Stahlplatten und Stacheldraht Angreifer aufhalten oder zumindest abschrecken.

Im Dezember sollen die ersten von insgesamt 1200 Beamtinnen und Beamten aus den LKA-Abteilungen 8 und 6 einziehen. Foto: Paul Zinken/dpa Vergrößern
Im Dezember sollen die ersten von insgesamt 1200 Beamtinnen und Beamten aus den LKA-Abteilungen 8 und 6 einziehen. © Paul Zinken/dpa

Einen Hubschrauberlandeplatz gibt es nicht. Ein LKA-Mann sagt bei der Führung, es gebe genügend Landeplätze in der näheren Umgebung. Außerdem wird noch ein weitere Gebäude errichtet. Zuständig für die Bauarbeiten ist die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), ein Unternehmen des Landes Berlin. Prokuristin Angela Deppe hat am Montag den goldenen Schlüssel für Geisel und Slowik mitgebracht.

Die Polizei nutzt das einstige Reichspostzentralamt als Mieterin. Geisel sagt, der Vertrag laufe über 15 Jahre, "aber das ist nicht das Ende der Fahnenstange". Vermutlich wird sich die Berliner Polizei von dort aus jahrzehntelang mit dem Terror von Extremisten auseinandersetzen.

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Die Geschichte des Gebäudes wandelt sich damit leicht ins Martialische. Bislang war der historische Höhepunkt die Geburt des deutschen Fernsehens. Im Reichspostzentralamt entstand der Fernsehsprechdienst, er wurde erstmals bei der Funkausstellung 1936 vorgestellt. Nach dem Krieg, den das Gebäude mit nur geringen Schäden überstand, war hier unter anderem die Fachhochschule der Bundespost untergebracht. Bis 2019 nutzte die Telekom das Areal.

Blick während einer Pressekonferenz ins Innere des Gebäudes. Wenn 2022 das Anti-Terror-Zentrum endgültig bezogen sein wird, sind dem Land Berlin vermutlich Kosten in Höhe von 47 Millionen Euro entstanden. Foto: Jörg Carstensen/dpa Vergrößern
Blick während einer Pressekonferenz ins Innere des Gebäudes. Wenn 2022 das Anti-Terror-Zentrum endgültig bezogen sein wird, sind dem Land Berlin vermutlich Kosten in Höhe von 47 Millionen Euro entstanden. © Jörg Carstensen/dpa

Wenn 2022 das Anti-Terror-Zentrum endgültig bezogen sein wird, sind dem Land Berlin vermutlich Kosten in Höhe von 47 Millionen Euro entstanden. Wohl mehr als ursprünglich erwartet, aber selbst der Berliner Grünen-Politiker Benedikt Lux, am Montag beim Rundgang dabei, lobt den Komplex als "gut für die Berliner Polizei".

Leicht ironisch fragt er allerdings, warum jetzt eine Teil-Übergabe stattfindet, knapp zehn Wochen vor den Wahlen zu Bundestag und Abgeordnetenhaus. Aber er sei, sagt der Innenexperte, beim Anti-Terror-Zentrum "guter Dinge, dass hier alles klar läuft".

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hingegen schlug kritische Töne an. Die öffentliche Vorstellung des Anti-Terror-Zentrums sei eine „Showveranstaltung“, hieß es in einer Mitteilung. Und die Kapazitäten des Gebäudes würden schon jetzt nicht mehr für das Personal ausreichen, da nach dem Anschlag am Breitscheidplatz im LKA personell aufgerüstet wurde.

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