So soll der Neubau der Ku'damm-Bühnen aussehen. Foto: Promo
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Ein Abschied in Berlin-Charlottenburg So wurden die Ku’damm-Bühnen abrissreif gemacht

Am Kurfürstendamm geht eine Ära zu Ende. Ein Drama um merkwürdige Schritte der Politik – und mysteriöse Eigentümerwechsel.

Als sich vor 20 Jahren der Abriss der beiden Ku’damm-Bühnen anbahnt, erfährt davon fast niemand. In aller Stille verzichtet die Berliner Finanzverwaltung unter der damaligen Senatorin Annette Fugmann-Heesing (SPD) im Februar 1998 auf die sogenannte Nutzungsbindung im Ku’damm-Karree. Die öffentliche Hand erhält dafür zwei Millionen D-Mark vom Unternehmer Rafael Roth. Er hatte den Gebäudekomplex acht Jahre zuvor vom Land gekauft und ist nun nicht mehr zur Erhaltung des Theaters und der Komödie am Kurfürstendamm verpflichtet.

19 Jahre später, im Februar 2017, wütet der Dramatiker Rolf Hochhuth lautstark im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses. Fugmann-Heesing und die frühere SPD-Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer hätten „kriminell gehandelt“. Aber da ist es längst zu spät.

2003 verkauft Roth das Ku’damm-Karree an eine Fondsgesellschaft der Deutschen Bank. Ihn kann man heute nicht mehr nach den Hintergründen fragen, er ist bereits verstorben. Die Deutsche Bank tritt oft und gerne als Kultursponsor auf. Trotzdem kündigt ihre Tochterfirma 2004 den Mietvertrag mit Intendant Martin Woelffer, um das Karree für Neubauten abzureißen. Denkbar sei nur eine Ersatzbühne im Obergeschoss, heißt es.

„Rettet die Ku’damm-Bühnen“

Viele Künstler und Politiker protestieren. Otfried Laur, Chef des Berliner Theaterclubs, gründet den Verein „Rettet die Ku’damm-Bühnen“ und organisiert Demonstrationen. 2006 wird das Ku’damm-Karree weiterverkauft an die US-Investmentfirma Fortress. Ein Jahr später wechselt der Eigentümer schon wieder: Die irische Ballymore Group stellt Entwürfe des Architekten David Chipperfield für ein neues Karree vor. Abermals ist von einer Ersatzbühne in den oberen Etagen die Rede.

Unterdessen fordert der Architekturhistoriker Dietrich Worbs, die Bühnen unter Denkmalschutz zu stellen. Schließlich hatte der berühmte Regisseur und Intendant Max Reinhardt die Komödie am Kurfürstendamm im Jahr 1924 vom ebenfalls bekannten Theaterarchitekten Oskar Kaufmann gestalten lassen. 1928 übernahm Reinhardt auch das Theater am Kurfürstendamm und beauftragte Kaufmann mit dem Umbau.

Worbs arbeitete einst selbst im Landesdenkmalamt. In den 1990er Jahren hatte er den Theatern keinen Schutz zugesprochen. Heute bedauert Worbs, für eine gründliche Prüfung habe ihm wegen vieler Aufgaben nach der deutschen Einheit die Zeit gefehlt. Seine Appelle ändern nichts. Die im Zweiten Weltkrieg beschädigten und später nicht ganz originalgetreu restaurierten Säle entsprächen kaum noch dem ursprünglichen Zustand, heißt es nun aus dem Denkmalamt.

Dem Verein um Otfried Laur gelingt es 2011, genug Unterschriften für einen Bürgerentscheid über die Ku’damm-Bühnen zu sammeln. Dieser scheitert dann aber an der zu geringen Wahlbeteiligung. Ende 2014 geben Makler bekannt, die Münchener Firma Cells Bauwelt habe das Karree „für private Investoren“ erworben. Zwei Jahre später stellt der Architekt Jan Kleihues seine Entwürfe vor. An einem neuen „Stadtplatz“ im Hof ist eine unterirdische Bühne mit einem ovalen Foyer darüber geplant.

Ein Urteil mit Folgen

Intendant Woelffer lehnt dies zunächst ab und will wenigstens die „Komödie“ erhalten. Doch 2016 erwirken die Vermieter ein Räumungsurteil gegen beide Theater. Gemäß einer Vereinbarung mit Ex-Eigentümer Ballymore hatte Woelffer jahrelang keine Miete gezahlt. Aber auch die Betriebskosten waren vom März 2013 bis zum Frühjahr 2015 nicht beglichen worden. Dazu „war der Mieter nicht berechtigt“, urteilt das Landgericht Berlin. Die Investoren erreichen damit ihr Ziel: Woelffer muss einlenken.

In dem Prozess kommen mysteriöse Eigentumsverhältnisse ans Licht. Schon die Deutsche Bank hatte das Karree einer Luxemburger Briefkastenfirma namens „Mars Propco 1“ übertragen. Alle späteren Käufer haben lediglich Anteile an jener Firma erworben – und mussten so keine Grunderwerbssteuer zahlen. In der Debatte ums Ku’damm-Karree fordert nicht nur Lisa Paus, die Haushaltsexpertin der Grünen-Fraktion im Bundestag, solche Steuerschlupflöcher zu stopfen.

Viele Jahre lang hat die Luxemburger Briefkastenfirma nicht einmal einen Briefkasten. Wenn Martin Woelffer ein Schreiben dorthin schickt, kommt es als unzustellbar zurück. Vor Gericht beweist eine Anwältin des Intendanten mit Fotos der angeblichen Adresse, dass ein Türschild fehlt. Erst nach dem Vorwurf, „Mars Propco 1“ existiere gar nicht, wird eines angebracht.

Wem gehört das Ku’damm-Karree? Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ findet 2016 heraus, dass Cells-Chef Christian Elleke nur die Hälfte besitzt. Die übrigen Anteile an der Luxemburger Firma hält eine „Mozart Holding“. Und von dieser führt die Spur zu „Dorado Services“ in Panama.

Auf diese Enthüllungen reagiert Cells mit einer „Offenlegung“: Hinter dem Firmengeflecht stehe der russische Unternehmer Mikhail Opengeym. Vor einigen Jahren war er Aufsichtsratsmitglied in einer Holding von Arkadi Rotenberg, einem Milliardär und Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Kritiker behaupten, Opengeym sei nur ein Strohmann – was Cells-Chef Elleke und sein Geschäftsführer Norman Schaaf jedoch vehement bestreiten.

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