Nahaufnahme: Die Mercedes-Benz-Arena und das Ufer an der East Side Gallery. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

East Side Gallery Wer profitiert von Berlins neuem Amüsierviertel?

Ein ganzes Viertel ist rund um die Arena am Ostbahnhof entstanden – mit Büros, Hotels, Restaurants, Kino und Konzerthalle. Eine Spurensuche nach Profiteuren.

Die Vergangenheit versteckt sich unter der Brücke. Da, wo Tamara Danz auf Helen Ernst trifft. Wie das in Friedrichshain-Kreuzberg üblich ist, werden neue Straßen nur nach Frauen benannt, auch diese beiden an der Kreuzung im Niemandsland vor der Betontreppe hinauf zum S-Bahnhof Warschauer Straße. Vorn drehen sich Kräne, hinten baggern Bagger. Die Zukunft wächst in die Luft, jeden Tag ein Stückchen weiter.

Die Vergangenheit besteht aus bemalten Containern und erfreut sich am späten Nachmittag regen Zulaufs. Männer und Frauen und Kinder, alle tragen sie bunte Leibchen und Schals. Eine Stunde noch bis zum Spiel der Eisbären, aber Zeit für Bier und Wurst im heimeligen Fanbogen ist immer. Tom sagt: „Früher war es bei den Eisbären überall so. Kein Schickimicki, einfach nur Eishockey.“ Damals, als die Eisbären noch im unwirtlichen Hohenschönhausen spielten. In einem Zweckbau aus den Fünfzigern, in dem es nach Toilettenstein roch und den sie stolz Wellblechpalast nannten.

Heute ist die EHC Eisbären Management GmbH der Ankermieter von Berlins neuestem Amüsierviertel, das so neu ist, dass es noch gar keinen Namen hat. Im Oktober ist das Quartier zwischen Spree und S-Bahn eingeweiht worden, obwohl es erst in ein paar Jahren ganz fertig sein wird. Hotels, Restaurants, Büros, Kinos, eine große Mall und eine kleine Konzerthalle, in der Mitte die riesige Mercedes-Benz-Arena, alles in Rekordzeit hingestellt und finanziert von der in Los Angeles residierenden Anschutz Entertainment Group.

"Wer braucht das alles hier?"

Ohne die Eisbären würde es all das wahrscheinlich gar nicht geben. „Fände ich gar nicht so schlimm“, sagt Tom. „Diese ewig langen Fassaden, die eintönige Architektur. Warum darf man so etwas bauen?“

Tom ist 25 Jahre alt, er studiert Geschichte, ist Mitglied bei den Linken und will seinen richtigen Namen lieber nicht nennen. Er ist im Westen Berlins aufgewachsen und früher mit dem Vater öfter zum Eishockey gefahren. „Hohenschönhausen war nicht schön, aber authentisch“, sagt er. „Wer braucht das alles hier? Noch eine Mall, noch mehr Kinos?“ Und: Nein, wenn die Eisbären hier nicht spielen würden, hätte er nie einen Fuß auf den frisch gegossenen Beton gesetzt.

Das Gebiet rund um den Mercedes Platz mit der East Side Gallery, aufgenommen vom gegenüberliegenden May-Ayim-Ufer. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Das Gebiet rund um den Mercedes Platz mit der East Side Gallery, aufgenommen vom gegenüberliegenden May-Ayim-Ufer. © Kitty Kleist-Heinrich

Der Weg zur Arena beginnt auf der ewigen Baustelle am S-Bahnhof Warschauer Straße. Wer sich an Gitterzäunen und Müllsäcken vorbeidrückt, wünscht sich, Anschutz’ schnelle Planer könnten auch den Bahnhof übernehmen. Vorbei an den Fan-Containern zur East Side Mall, einem dieser modernen Einkaufszentren, mit denen Berlin nicht dramatisch unterversorgt ist. Vorbei an der Kundschaft, die es zu Aldi, Rewe, Vapiano drängt.

Auf den Sesseln im Wandelgang bearbeiten junge Männer und Frauen ihre Mobiltelefone. Ganz am Ende scharf nach links und zurück an die frische Luft. Weil noch eine halbe Stunde Zeit ist zum Spiel, schlägt Tom einen Abstecher zum Mercedes-Platz vor, „würde mich schon interessieren, ob der wirklich so furchtbar ist, wie alle sagen“.

Der Mercedes-Platz ist das Herzstück der neuen Stadt. Die Achse von der Arena hinunter zur Spree, sie ist hier so gut zu sehen, weil Anschutz’ Abrissbirnen einen Keil in die East Side Gallery schlagen durften. Unten blinzeln zwei Klinkertürme in die Sonne. Weiter oben herrscht Las Vegas. Acht Stelen mit Videoschirmen gieren nach Aufmerksamkeit, auch die Bauten links und rechts werden großflächig beflimmert. „Ist das noch Berlin?“, fragt Tom.

"Wir haben einen Bauantrag gestellt und der ist genehmigt worden"

Kritik dieser Art bekommt Michael Kötter öfter zu hören. „Können wir gern vor Ort klären“, sagt er am Telefon. Michael Kötter amtiert als Vice President Real Estate & Development, was in etwa bedeutet, dass er der lokale Immobilienchef von Anschutz ist. Als Treffpunkt schlägt er das Five Guys vor. Einen Burgerbrater aus den USA, der sein Quartier am Mercedes-Platz aufgeschlagen hat und der es daheim zu Berühmtheit gebracht hat, weil Barack Obama zu seinen Stammkunden zählt.

Kötter ist 44 Jahre alt, trotz des grauen Stichs im Haar eine jugendliche Erscheinung, und wie es sich für den Manager eines US-Unternehmens gehört, kommt er sofort zur Sache. „Also los, was wollen Sie wissen?“ Braucht Berlin noch eine Mall, noch mehr Restaurants, noch mehr Kinos? Hätte man auf diesem Gelände nicht auch Wohnungen errichten können?

„Hätte man schon“, sagt Kötter, „hat man aber nicht. In Deutschland sind die Dinge klar geregelt. Wir haben einen Bauantrag gestellt und der ist genehmigt worden“, vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, dem zu jener Zeit eine PDS-Bürgermeisterin vorstand. Michael Kötter erinnert sich an konstruktive Verhandlungen mit einem Wirtschaftssenator namens Gregor Gysi. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit reiste persönlich nach Los Angeles, um bei Philip Anschutz zu antichambrieren.

Franz Schulz, damals Baustadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, war ein paar Jahre lang Anschutz‘ Lieblingsgrüner. Heute bedauert sein Parteifreund und später Amtsnachfolger Florian Schmidt öffentlich, dass die Kraft der Anwohner nach dem Kampf gegen das Mediaspree-Projekt ein wenig erschöpft sei. Die East Side Mall nennt er „Konsum-Ghetto“. So hingebungsvoll sich Berlin Anschutz einmal an den Hals geworfen hat, so pikiert wendet es sich heute ab.

Anschutz wollte mehr als ein Eishockeystadion

Es heißt immer, Philip Anschutz hätte sich in die Eisbären verliebt wegen der tollen Stimmung im Wellblechpalast. Das ist eine schöne Geschichte, aber wie so viele schöne Geschichten stimmt sie leider nicht.

Der milliardenschwere Unternehmer wollte Ende des alten Jahrtausends Fuß fassen in Deutschland. Der spannendste Markt in Europa war Berlin. 1999 kaufte Anschutz die vor dem Bankrott stehenden Eisbären und zwei Jahre später das vor sich hin rottende Bahngelände. Und baute darauf die Arena. So gelang ihm das schöne Kunststück, im von der Kreuzberg-Friedrichshainer Subkultur verhassten Projekt Mediaspree als Lokalmatador aufzutreten. Als einer, der dem Ost-Klub eine neue Heimat schenkt.

Jahrelang thronte die 2008 fertiggestellte Arena als Solitär gegenüber der East Side Gallery. Anschutz hat nie ein Geheimnis draus gemacht, dass er mehr bauen wollte als nur ein Eishockeystadion. Aber lange wollte niemand so genau hinschauen, was da auf dem Rest der Brache geplant wurde. Wuchtige Blöcke mit schwer herbeizuredendem Bezug zu den angrenzenden Gründerzeit-Quartieren in Friedrichshain und Kreuzberg.

„Ich kann schon verstehen, dass das nicht jedem gefällt“, sagt Michael Kötter. „Aber warten Sie mal ab, was hier in ein paar Monaten los sein wird. Wenn im Frühling die Kinder sich im Wasserspiel vergnügen“, kleinen Fontänen in der Mitte des Mercedes-Platzes. Wenn die neu angepflanzten Platanen blühen, typische Berliner Straßenbäume, für deren Versorgung Anschutz Leitungen zu Wassertrögen in der Tiefgarage hat anlegen lassen.

Michael Kötter ist ein paar Ecken weiter in der Rüdersdorfer Straße aufgewachsen. Er weiß noch, wie es hier früher aussah. Rechts das öde Bahngelände, links die noch nicht zur East Side Gallery erhobene Mauer. In der Mitte die Mühlenstraße, die jeder mit größtmöglichem Tempo herunter jagte, um bloß nicht zu lange zu verweilen.

30 Jahre später freut er sich über regen Publikumsverkehr. Über Mütter, die ihre Kinderwagen Richtung Spree schieben. Ältere Herrschaften auf den Holzbänken. Touristen, die mit ihren Handycameras das allerneueste Berlin einfangen. „Vor ein paar Wochen war hier die Handball-WM. Beste Werbung für die Stadt. Glauben Sie, Berlin hätte diese Spiele ohne unsere Arena bekommen?“

Kann schon sein, sagt der Geschichtsstudent Tom. „Sicherlich ist es hier jetzt besser als früher. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es auch gut ist.“ Ja, die Atmosphäre in der Arena sei großartig und im Vergleich zur Mall am Leipziger Platz herrsche in der hier eine geradezu idyllische Atmosphäre. Aber nach dem Spiel reicht es ihm auch schon, es muss nicht noch ein Rib-Chili bei Tony Romas sein oder ein Burger bei Five Guys.

Lieber Bratwurst und Bier unter der Brücke bei den Fan-Containern, deren Wellblech ihn an die alten Zeiten mit dem Vater draußen in Hohenschönhausen erinnern. Ein Stück Vergangenheit, das gegen die Zukunft kämpft. Und diesen Kampf doch verlieren wird. Dort, wo jetzt die Männer, Frauen, Kinder debattieren, wird im Mai ein Quartier zur Planung neuer Bauten errichtet. Die Projektleitung für einen gigantischen Turm, der 135 Meter hoch in den Himmel wachsen soll. Die Zukunft macht sich nichts aus Wellblech.

Alte Zeiten: Heiliger Partygrund

WILDE NACHWENDEZEIT
Wer die wilde Nachwendezeit in Berlin erlebt hat, in der nicht nur im Nachtleben alles möglich schien, der drückt beim Spaziergang durch das neue Viertel bestimmt ein Tränchen weg. Denn die Neubauten gegenüber der East Side Gallery stehen auf heiligem Boden für Partygänger. Die Namen RazzleDazzle, NonTox, Maria und Casino stehen für Clubs, deren Musikspektrum von Rock bis Techno reichte. Egal, welcher Wochentag auch war – irgendwo legte bestimmt jemand auf. Oder es spielten besser irgendwelche Musiker, nicht selten aus amerikanischen Kleinstädten, deren Namen im Schall und Rauch der improvisierten Clubs untergingen.

EINER HAT ÜBERLEBT
Alle Partyorte existieren natürlich heute nicht mehr – bis auf einen: die Busche. Der queere Club zog unter die U-Bahn an der Oberbaumbrücke. Die Busche, benannt nach dem Gründungsort in der Weißenseer Buschallee, galt als Ausnahme in der Szene. Die Musik war schlager- und hitparadenlastig, was so gar nicht in die Gegend zu passen schien. Aber vor allem allem feierten Schwule und Lesben, sonst eher auf gegenseitige Abgrenzung bedacht, hier gemeinsame Partys.

DAS OSTGUT
Doch alles wurde überstrahlt vom Ostgut. Konzept und Ruf des Ende der 90er eröffneten Techno-Clubs lassen sich nur mit denen des Berghains vergleichen. Was kein Wunder ist. Denn die Gründer sind dieselben. Der immer wieder bemühte Mythos hatte also seine Anfänge in einer Halle mit Schienenanschluss. Und die stand auf einem Gelände, auf dem zu Mauerzeiten so manches Gut für den Osten Berlins umgeladen wurde.

GRENZLAND OHNE AUSSICHT
Während der Teilung Berlins war natürlich nicht an Party zu denken. Die trostlose Gegend lag durch den Mauerbau am Rande Ost-Berlins. Eine öde grau-weiße Mauer verstellte den Blick nach drüben – die spätere East Side Gallery. Dahinter lagen der Todesstreifen und die Spree, deren westliches Ufer die eigentliche Grenze markierte. Vor der Mauer wiederum brausten mehrspurig die Autos. Daran hat sich in 30 Jahren auch nichts geändert. Björn Seeling

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