Lars Eidinger. Foto: Carsten Koall/dpa
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"Dreigroschenfilm"-Premiere in Berlin "Brecht stellt die Menschheit so dar, wie sie ist: schlecht"

Pauline Faust
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Lars Eidinger als Bertolt Brecht, Tobias Moretti als Mackie Messer - die Dreigroschenoper als Film, wie Brecht sie wollte, gab es nie. Jetzt vielleicht doch.

„Die Filmindustrie ist zu doof und muss erst bankrottgehen“, bevor er einen Film drehe, schimpfte Bertolt Brecht. Und doch willigte er 1930 ein, dass sein größter Theatererfolg, die „Dreigroschenoper“, ins Kino kommt. Ein „Attentat auf die bürgerliche Ideologie“ wollte der gefeierte Theatermacher auf die Leinwand bringen. Doch die Produktionsfirma hatte ganz andere Vorstellungen – und setzte die auch durch.

Nun aber gibt es einen Film über den Film, den es so nie gegeben hat: „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ von Regisseur Joachim Lang begleitet Brechts Kampf und zeigt auf der Grundlage von dessen Exposé, wie sein Film ausgesehen haben könnte.

Im Februar 2017 war das Projekt vorgestellt worden, selbstverständlich im Berliner Ensemble, und man hatte mitunter den Eindruck, als sei den auf dem Podium versammelten Personen selbst noch nicht so ganz klar, worauf sie sich da eingelassen hatten. Klang alles recht kompliziert, ein Spiel mit mehreren Ebenen: der Ärger um die Verfilmung von G. W. Pabst, dann das Zusammenführen von „Dreigroschenoper“, Brechts Film-Treatment und „Dreigroschenroman“ zu einem Film, ein Nebeneinander von Rahmen- und „Dreigroschenhandlung“.

„Brecht stellt die Menschheit so dar, wie sie ist: schlecht“

Am Montagabend war nun Premiere von „Mackie Messer“ im Zoo Palast. Der Lars Eidinger, Star des Abends, hat sein Idol Brecht gespielt. „Ich hatte erst etwas Angst, dass mein Bild von ihm beschädigt wird“, sagt Eidinger auf dem Roten Teppich. Dazu ist es aber nicht gekommen: „Brecht stellt die Menschheit so dar, wie sie ist: schlecht“, sagt der Schauspieler.

„Aber er macht das auf eine sehr liebevolle Art.“ Brecht sei selbst ein Beispiel dafür: Als selbsterklärter Antikapitalist lässt er einen Film drehen von einer Industrie, die er hasst: „Brecht war sich selbst nie treu, aber ist damit offen umgegangen. Das ist eine große Stärke, die uns alle weiterbringen könnte“, sagt Eidinger. Auch sein Kollege Tobias Moretti (Macheath alias Mackie Messer) zeigt sich begeistert: „Brecht hat ein Kunstwerk für die Ewigkeit geschaffen.“

Ob Brecht der Film gefallen hätte?

Ob Brecht der Film gefallen hätte? Wer weiß. Peri Baumeister (Elisabeth Hauptmann) ist sich aber sicher: Wenn jemand einen Brecht-Film drehen kann, dann ist das nur Joachim Lang: „Er ist eine Brecht-Koryphäe, man kann ihn alles fragen“, sagt die Schauspielerin über den Regisseur. Auch andere hochkarätige Darsteller waren anwesend, darunter Hannah Herzsprung, Joachim Król, Robert Stadlober, Max Raabe, der im Film die „Moritat von Mackie Messer“ singt, und andere.

Die Premiere der „Dreigroschenoper“ im Theater am Schiffbauerdamm am 31. August 1928 schien unter keinem guten Stern zu stehen, in der Realität nicht und nicht im Film: Schauspieler springen ab, Musik wird in letzter Sekunde umgeschrieben, Kritiker erwarten ein Desaster. Brecht stattet seine Schauspieler mit Trillerpfeifen aus, um Buhrufe zu kontern. Doch so weit kommt es nicht. Zunächst Stille, doch als der Kanonensong gespielt wird, tobt der Saal. Die „Dreigroschenoper“ mit der Musik von Kurt Weill begeistert Berlin.

Lieber einen seichten Film, einen Kassenschlager

Obwohl Brecht die Filmindustrie an sich ablehnt, willigt er in eine Verfilmung ein – unter seiner Aufsicht. Doch schnell wird klar, dass die Nero Film AG lieber einen seichten Film machen möchte, einen Kassenschlager. Brecht jedoch will ein radikal politisches Statement setzen, schreibt die Story teilweise um. Die Produktionsfirma droht mit einer Klage. Auch die Nationalsozialisten haben es auf „B.B.“ abgesehen, seine Oper sei „sittenwidrig“, es wird skandiert: „Auf Brecht und Weill gehört ein grober Keil.“

Bertolt Brecht stößt selbst einen Gerichtsprozess gegen die Nero Film AG an. „Auf dem Gebiet der Kunst betätigen Sie und Ihre Leute den Verstand einer Auster", wirft Brecht den Produzenten vor – was wie alle Worte Lars Eidingers in diesem Film ein originales Brecht-Zitat ist. All dies bleibt dicht an dem historischen Geschehen, aber Lang fragt auch, wie Brechts Film wohl ausgesehen hätte – eine weitere Ebene der Fiktion, um dem armen B.B. fast 90 Jahre später Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen.

Der Film startet am 13. September.

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