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Provokation ist ihr Geschäft. Nina Queer bei einem Spaziergang im März. Sven Darmer
© Sven Darmer

Dragqueen Nina Queer „Dann bin ich eben die erste Hitler-Transe“

Nina Queer ist in der queeren Szene so umstritten wie geliebt. Die Zeit der Coronakrise nutzt sie, um sich als Autorin zu probieren.

Nina Queer liegt mit Sonnenbrille und strassbesetzter Atemschutzmaske auf ihrer Leopardenbettwäsche. Natürlich ist auch die Berliner Dragqueen, Partyveranstalterin, Autorin und Moderatorin von der Coronakrise betroffen: Ihr wöchentliches „Glamourquiz“ in der Friedrichshainer Bar „Süß war gestern“ findet nicht statt, genauso wie ihre monatliche Party „Irrenhouse“ im Kreuzberger Club „Musik & Frieden“. Letztere sollte dieses Jahr 20-jähriges Jubiläum feiern.

Während Restaurants und Cafés wieder geöffnet sind, bleiben Clubs ohne Aussicht auf baldige Lockerungen geschlossen, Queers-Partys finden dann eben auch nicht statt. Zum Videointerview liegt sie trotzdem mit perfekt gestylten Haaren auf ihrem Bett in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg. Ein bisschen Glamour muss auch jetzt sein.

Nina Queer ist so ein Mensch, der sich von Krisen nicht beeindrucken lässt. Sie weiß sie zu nutzen. „Als der Shutdown kam, habe ich beschlossen, als Schriftstellerin zu leben. Ich schreibe derzeit an meinem dritten Buch, das im Oktober erscheint.“ Ihr zweites Werk „Sie ist wieder da“ hat Queer gerade veröffentlicht: Eine Sammlung von Kolumnen und Anekdoten aus ihrem Leben.

„Es geht wieder um kleine, lustige Sexgeschichten aus dem Berliner Nachtleben, um meine Reisen, meine kurze Zeit auf dem Brandenburger Land und, das ist neu, die Liebe.“ Das neue Werk ist der Nachfolger ihres  Buches „Dauerläufig“, das 2011 bereits erschienen ist.

Obwohl Nina Queers Partys momentan nicht stattfinden, ist sie also gut beschäftigt. Beim Fernsehsender Comedy Central hat sie einen Job als Moderatorin angetreten, außerdem will sie bald zwei Hörbücher aufnehmen und noch ein weiteres Buch schreiben: eines für Kinder. „Je später die Clubs aufmachen, desto besser für mich“, sagt sie.

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Vor knapp drei Monaten sah das noch so aus: Nina Queer, nach eigenen Angaben 35 Jahre alt, posiert zwischen Schlesischem Tor und Oberbaumbrücke vor einer vorbeiziehenden U-Bahn. Sie will den nächtlichen Kiez zeigen, wie sie ihn erlebt. Das Coronavirus ist da bereits im Umlauf, Bars und Clubs sind jedoch noch geöffnet, an Kontaktbeschränkungen ist nicht zu denken.

Queer trägt die Haare voluminös, das schwarze Kleid gerüscht, die Pantoletten offen. Eine Diva. Sie selbst wird sich später mit einer Prostituierten auf dem Straßenstrich vergleichen, „so habe ich dort posiert, vor den schwarzen Drogendealern“.

„Wir starten mit einem Riesenknall“

Auch vor dem Club „Musik & Frieden“ macht sie bei diesem Treffen halt, ihre Partys hier sind Schwulenpartys, die seit fast zwei Jahrzehnten an wechselnden Orten, aber immer mit mehreren Tanzflächen, Darkrooms und Live-Sex-Shows stattfinden. Heute sagt Queer: „Die nächste Irrenhouse-Party, die ich schmeiße, wird die Jubiläumsfeier sein. Wir starten mit einem Riesenknall.“

Jetzt hat Queer die Rolle der Partyqueen mit der als Autorin in Selbstfindung ausgetauscht, sie möchte ihrem Publikum all ihre Facetten präsentieren, zu der auch ein gutes Quantum Selbstsicherheit gehört: „Kein anderer Transvestit ist dazu fähig. Die Plakate für mein Buch hängen in der ganzen Stadt.“

„Ich schreibe aus Liebe oder Unfug heraus“

Was sie ausmacht, von allen anderes Drags unterscheidet, ist vielleicht auch der Hang zur Provokation. Oder? Auf ihrer Leopardenbettwäsche liegend, denkt Queer über die Frage nach. „Man wirft mir immer Provokation vor. Ich nehme das gar nicht so wahr. Ich schreibe nur aus Liebe oder Unfug heraus. Den Leuten ist das egal, irgendjemand fühlt sich immer provoziert.“

Rückblende: Beim „Glamourquiz“ im März stellt Nina Queer Fragen zu Prominenten ans Publikum, macht zwischendurch Gags, singt – und beleidigt Italiener, Asiaten und Lesben. Einige Gäste verlassen die Bar, andere applaudieren. Sie polarisiert. Aber Queer lässt sich nicht beirren und verspricht eine Flasche Champagner für denjenigen, der dem Publikum seinen Penis zeigt.

Fließende Grenzen zwischen Comedy und Affront

Wenige Stunden zuvor sitzt Nina Queer vor einem Wiener Schnitzel im Restaurant „Mutzenbacher“ in Friedrichshain, schwärmt vom Kartoffelsalat und plaudert über die Bedeutung von provozierenden Aussagen für ihre Karriere. „90 Prozent aller Deutschen sind dumm, der Rest kommt zu mir in den Club“, belegt sie die These.

Als sie 2007 im Reality-TV-Format „Frauentausch“ bei einem ostdeutschen Vater und seinen zwei Söhnen einzieht, treibt sie die Familie mit ihren Allüren und Beleidigungen in den Wahnsinn. Die Grenzen zwischen Satire, Comedy, Unterhaltung und Affront sind bei Nina Queer fließend.

Vorwurf des Rassismus

Ihr großes Mundwerk bereitet ihr darum auch Probleme: Wiederholt wurde ihr Rassismus vorgeworfen. 2017 nahm sie einen homophoben Angriff in Kreuzberg als Anlass für einen wutentbrannten Post auf Facebook. Darin forderte sie, die jugendlichen Täter mit arabischem Hintergrund abzuschieben.

Die SPD feuerte Queer daraufhin als Toleranzbotschafterin, aus der queeren Szene hagelte es Kritik. „Man muss Grenzen überschreiten. Rückgrat und eine eigenen Meinung sind die wertvollste Währung, die man heute haben kann“, sagt sie.

Nina Queer, sagt, ihr sei egal, was andere über sie sagen. „Entweder man ist der Meinung der Masse und wird gefeiert, oder man wird in den sozialen Netzwerken ans Kreuz genagelt.“ Dabei habe sie mit ihrem Facebook-Post vor allem ihre Community verteidigen wollen.

„Ich brauche den Glamour“

Sie nehme es nicht einfach hin, dass Schwule in Kreuzberg von Arabern angegriffen würden, sagt sie. Wenn jemand nicht ertragen könne, wie sie dagegen vorgehe, interessiere sie das wenig. „Dann bin ich eben die erste Hitler-Transe, die es gibt, dann nehme ich das so hin.“ Wieder so eine Aussage, die vielen nicht gefallen wird.

Als Provokateurin will Queer trotz solcher Sätze nicht wahrgenommen werden. Sie selbst vergleicht sich lieber mit Sängerin Mariah Carey. „Ich brauche den Glamour“, erzählt sie noch im März. Da sitzt sie im rostigen VW Golf ihres Assistenten. Und die Show muss weitergehen. Irgendwie.

Auftritte, um Veranstalter zu unterstützen

Auch jetzt. „Im Juli und August habe ich Open-Air-Lesungen im Club Cassiopeia geplant. Danach werde ich dort anderthalb Stunden Musik im Biergarten auflegen.“ Für die Auftritte nimmt sie kein Geld, will damit die Veranstalter unterstützen, die genau wie sie unter den Schließungen leiden.

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Trotzdem hofft sie, dass Clubs bald wieder richtig öffnen können, zur Not eben mit weniger Gästen. „Es geht nicht um mich, ich komm ja klar. Ich denke aber an die anderen“, meint Queer.

Ihre Sorge gilt dabei auch dem Image Berlins, das für viele Touristen vor allem von den Clubs lebt. „Wenn wir das nicht bald wieder auf die Beine stellen, wird der Senat diese Clubs hart subventionieren müssen.“ Sonst werde Berlin zu einer Stadt, sagt sie, von der niemand mehr weiß, wofür sie steht.
„Sie ist wieder da“, 236 Seiten, NIBE-Media, 19,95 Euro.

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