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Mit Robotern gegen Obdachlose

Vorbild für Berlin? In Estland sind Lieferroboter bereits auf den Gehwegen unterwegs. Foto: Ints Kalnins/Reuters
Die Stadt im Wandel Der Kampf um Berlins Gehwege

Gerade die sozialen Funktionen des öffentlichen Raums muss eine Metropole im Grunde um ihrer selbst willen schützen. Sie sind der Kitt, der die Stadt und die Städter im Innersten zusammenhält. Wenn das für alle erfahrbare Stadtgefühl dem Recht des Stärkeren geopfert wird, verliert der öffentliche Raum seine Funktion als nivellierendes und verbindendes Element. Die Stadt verinselt und driftet auseinander. Die Schwachen werden es als Erste merken, sie werden die Verlierer sein. Arme, Alte, Kranke, Behinderte.

Oder Kinder. Denn auch Spielen ist eine Grundfunktion des Gehwegs. „Es muss möglich sein, dass sich Kinder den Gehweg aneignen, zum Beispiel durch Kreidezeichnungen“, sagt Lieb. Wird das auch künftig noch gehen, wenn etwa das Start-up „Solmove“ sich mit seiner Idee durchsetzt, Gehwege mit Solarzellen zu bepflastern? Wenn Laternen und Mülleimer wie in Kopenhagen nicht nur Abfallmengen oder Luftwerte erfassen, sondern auch Bewegungsprofile von Fußgängern? Was wird die „Smart City“, die auch Berlin gern sein möchte, ihren Bürgern überhaupt von der Stadt lassen?

Es wird enger werden für die Menschen

Man muss kein Apokalyptiker sein, um eine Ahnung zu bekommen: Es wird enger werden für die Menschen. Auch in Berlin ist die Technik auf dem Gehweg längst Realität. Durch die Elektroladesäulen, Parkscheinautomaten und Verteilerkästen wird der Schutzraum für Menschen in eine Art Freiluft-Technikkabinett umgewandelt, das selbst Schutz beansprucht.

Dass das nicht nur ein Verkehrsproblem ist, sondern auch zu gesellschaftlichen Spaltungen führen kann, ist in San Francisco zu sehen. Selbst im Tech-Dorado wird inzwischen kritisch beäugt, dass sich die Lieblingsbranche auf der Suche nach Wachstumsmärkten ungeniert den öffentlichen Raum einverleibt. Mancher sieht dadurch sogar eine „Apartheid“ auf dem Bürgersteig aufziehen, Reich verdrängt Arm. Das spektakulärste Beispiel ist der menschengroße Wachroboter des Herstellers „Knightscope“, der auch dazu eingesetzt wurde, Obdachlose und Junkies vom Bürgersteig zu verjagen. San Francisco hat inzwischen Restriktionen gegen die Fahrroboter auf den Weg gebracht, sie sollen nur in Begleitung unterwegs sein dürfen.

Freiraum zum Dumpingpreis

Berlin hat gegen den weltweiten Zugriff auf die Gehwege bisher kaum Strategien entwickelt. Wie auch, wenn sich in der Verkehrsverwaltung gerade einmal vier Mitarbeiter mit dem Fußverkehr befassen? Die Fußwegplaner hätten zum Teil nicht einmal die Standardplanwerke zum Thema, sagt Lieb.

Vermutlich wird der Bürgersteig in Berlin auch deshalb gering geschätzt, weil so viel davon da ist. Dennoch ist es erstaunlich, wie günstig die arme Stadt ihren größten verbliebenen Freiraum feilbietet. Die 34,6 Millionen Quadratmeter verschleudert sie zu einem Dumpingpreis. Die Berliner Sondernutzungsgebühren sind mit weitem Abstand die geringsten in ganz Deutschland. Während sich die Baulandpreise in den vergangenen zehn Jahren etwa am Kollwitzplatz verzehnfacht haben, hat sich die Höhe dieser Gebühren seit 2006 nicht geändert. Sie wird je nach Lage in vier Wertstufen erhoben, es beginnt bei 12,50 Euro pro Quadratmeter für die Gastronomie. Wohlgemerkt: pro Jahr. Zum Vergleich: Hamburg verlangt mindestens 96 Euro. Selbst in Toplagen wie dem Kurfürstendamm oder dem Brandenburger Tor (Wertstufe 1) werden nur 16,25 Euro pro Quadratmeter fällig, die Gewerbemieten können dort das 500-Fache betragen.

Und wenn doch mal eine Strafe wegen einer Ordnungswidrigkeit kommt, fällt die vergleichsweise gering aus. 400 Euro etwa stören einen Gastronomen kaum – bei schönem Wetter hat er das an einem Tag wieder reingeholt. Der Gehweg ist damit die billigste Art, an ein Stück Berlin zu kommen.

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