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Fahrräder und Phantome

Umstrittene Liegenschaften. Für die Anbieter von Leihfahrrädern ist der Bürgersteig unverzichtbarer Bestandteil ihres Geschäftsmodells. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Die Stadt im Wandel Der Kampf um Berlins Gehwege

Die Vorahnung hat sich bestätigt. Inzwischen ist die Stadt von „Dockless“-Mietfahrrädern anderer Anbieter überrollt worden. Die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr hat keine genauen Zahlen, aufgrund der Angaben der Firmen geht man davon aus, dass bald mehr als 30 000 Leihräder in Berlin herumfahren, -stehen und -liegen. Bei einem Flächenverbrauch von 1,25 Quadratmetern pro Stück heißt das, dass vier Hektar öffentliches Berlin verschwinden – eine größere Fläche als der Gendarmenmarkt.

In der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz sieht man vor allem die positiven Aspekte. Für die Sprecherin Dorothee Winden sind die Fahrräder „ein wichtiger Baustein im Konzept neuer Mobilität“. Im Pankower Ordnungsamt freut man sich darüber nicht ganz so sehr. „Die Senatsverwaltung sieht es als Chance für die Verkehrswende, dabei ist offenkundig, dass wir hier den Firmen kostenlos öffentlichen Raum für einen kommerziellen Verdrängungswettbewerb bieten“, sagt Daniel Krüger. Er war für die CDU Bezirksstadtrat in Tempelhof-Schöneberg, noch davor in der SPD, derzeit ist er als Parteiloser für die AfD als Ordnungsstadtrat in Pankow tätig. Er ist kein Law-and-Order-Hardliner, er zeigt sogar Verständnis für Radfahrer, die statt des holprigen Pflasters den Gehweg wählen. Doch nun sieht er einen wichtigen Teil der Stadt in Gefahr: „Der normale Bürgersteig rückt in den Fokus.“

"Die Toleranz ist fast zum Dogma geworden"

Für viele Unternehmen seien Berlins Flächen „ein lohnendes Versuchsfeld, weil wir erst einmal monatelang diskutieren, um eine geeignete Handhabe zu finden“, sagt Krüger. „Die Toleranz ist fast zum Dogma geworden.“ Die Senatsverwaltung hat zwar einen Leitfaden entwickelt, um die Häufung der Fahrräder zu verhindern, maximal vier sollen an einer Stelle stehen dürfen. Doch das sei nicht praktikabel, sagt Krüger. „Was ist denn, wenn 20 Räder von fünf Anbietern auf einem Haufen stehen?“

So wenig greifbar wie die Geschäftspraktiken sind auch die Hintermänner. Von „Phantomen“ spricht Küchlin, bei den global operierenden Gehweg-Besetzern „weiß ich häufig nicht einmal, wo die eigentlich ihren Unternehmenssitz haben“. Und er sieht immer mehr Phantome. Etwa die gelb leuchtenden Geldautomaten, die seit einiger Zeit in Hauswänden installiert werden. Der Automat ist dabei zwar zum großen Teil auf Privatland, aber die Nutzung erfolgt auf dem Gehweg. Küchlin schwant bereits, dass sich auch die Automatenindustrie noch weiter vortasten wird, wenn ihr nicht Einhalt geboten wird. Werden die Spätis bald von Getränkeautomaten auf dem Gehweg verdrängt, wie es sie etwa in Japan gibt? Küchlin blickt unbeeindruckt. Warum nicht, es gibt tausend Ideen.

Das Paradoxe daran: Es sind nicht zuletzt die Städter selbst, die sich Stück für Stück ihrer Stadt berauben. Obwohl der entscheidende Vorteil einer Metropole ihre lokale Handelsinfrastruktur ist, kehren die Einwohner ihr den Rücken und bestellen selbst kleinste Dinge online. Der Einzelhandel verschwindet und macht Platz für das letzte rentable lokale Business, die Gastronomie. Doch selbst die muss kämpfen. Trotz der großen Restaurant- und Supermarktdichte ist auch in Berlin der Online-Einkauf von Lebensmitteln auf dem Vormarsch. Heikel sind dabei gerade Gekühltes und frisch Zubereitetes. Die Unternehmensberatung PWC Deutschland befand in ihrer Transport- und Logistikstudie darum: „Es wird noch enger und zeitkritischer auf der letzten Meile.“

Kommt als Nächstes die Gassi-Maschine?

Die letzte Meile, das ist nicht zuletzt der Gehweg. Die Logistikbranche hat ihn längst als verlockende Handelsroute in der verstopften Stadt entdeckt. Ein Blick in die USA zeigt, was Berlin noch blühen könnte. In Kalifornien liefert der Dienst „Yelp Eat24“ Essensbestellungen mit koffergroßen Robotern auf vier Rädern, die ihre Ladung autonom über den Gehweg transportieren. Für Deutschland hat der Pizzalieferant „Domino’s“ Ähnliches angekündigt. Das US-Unternehmen Starship ist der größte Hersteller dieser Rollroboter, es will sogar eine Gassi-Maschine entwickeln, um Hunde auszuführen. Die Lieferfirmen haben in vielen US-Städten schon durchgesetzt, dass die Regeln auf dem Gehweg an ihre Wünsche angepasst werden.

In Berlin hat die Logistikbranche am Mauerpark zunächst einmal ein „Mikrodepot“ spendiert bekommen. Seit Anfang Juni werden mit beinahe autogroßen Cargo-Fahrrädern Pakete in die umliegenden Kieze in Mitte und Prenzlauer Berg geliefert. Das bundesweite Pilotprojekt wird von der Berliner Verkehrsverwaltung gefördert, die Lieferung per Rad sei „klimaschonend und stadtverträglich“, sagt die Sprecherin Dorothee Winden.

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