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Existenzkampf im Unterstreifen

Wo ist das Problem? Mathias Wolf (links) versteht nicht, was das Ordnungsamt gegen seine Tische in der Rankestraße hat. Foto: Thilo Rückeis
Die Stadt im Wandel Der Kampf um Berlins Gehwege

Auf der anderen Seite ist die günstige Außenstellfläche angesichts der horrenden Mieten für viele lokale Händler zur Existenzgrundlage geworden. Auch für Mathias Wolf. Er führt einen Imbiss in der Rankestraße, in Sichtweite der Gedächtniskirche. Der Imbiss selbst ist nur zehn Quadratmeter groß, die Miete in bester City-West-Lage dennoch „exorbitant hoch“, sagt Wolf. Das Geld verdient er auf dem Gehweg. Direkt vor dem Laden stehen drei Stehtische, dann folgt der Gehstreifen für die Fußgänger, dann zwei weitere Stehtische, dazu einige Hocker. Die Gebühr für diesen Schankvorgarten ist mit rund 300 Euro pro Jahr im Vergleich zur Ladenmiete spottbillig.

"Dann muss ich schließen – und zwar von heute auf morgen"

Doch nun sieht sich Wolf in seiner beruflichen Existenz bedroht. Er hat einen Bußgeldbescheid vom Ordnungsamt Charlottenburg-Wilmersdorf bekommen. Es fordert den 38-Jährigen unter Androhung einer Strafe von bis zu 10.000 Euro auf, die Tische im Unterstreifen des Gehwegs zu räumen. Denn dort hat Charlottenburg-Wilmersdorf Schankvorgärten nun grundsätzlich verboten, als einziger Berliner Bezirk. Ohne die 20 Plätze würde ihm im Sommer pro Tag ein Umsatz von weit über 1000 Euro verloren gehen, rechnet Wolf vor, „dann muss ich schließen – und zwar von heute auf morgen“. Er hofft auf ein klärendes Gespräch mit dem zuständigen Stadtrat und auf eine Ausnahmegenehmigung, ansonsten will er klagen. Sarkastisch schiebt er hinterher: „Sollte ich mit meinen Tischen und Stühlen hier weg sein, stehen da morgen fünf Leihfahrräder.“

Grundsätzlich hat Pankows Stadtrat Krüger Verständnis für die Nöte der Gastronomen. Schon bei der Anmietung von Lokalen würden die Schankvorgärten auf dem Gehweg fest eingeplant, um die immer höheren Mieten refinanzieren zu können. Dennoch sei es nicht Aufgabe der Gemeinschaft, private Geschäftsmodelle zu ermöglichen.

Singapur als Vorbild?

Der gebürtige Berliner Krüger verweist gern auf alte Fotos seiner Heimatstadt, „da sind die Gehwege frei für die Bürger“. Er fordert deshalb, die kommerzielle Nutzung des Bürgersteigs künftig streng zu limitieren. „Ich bin mir nicht sicher, ob man das Singapurer Modell nehmen und sehr restriktiv durchgreifen sollte“, sagt Krüger. Aber wenn die Stadt so richtig verdichtet sei, werde man wahrscheinlich gar keine andere Möglichkeit mehr haben. „Die Kulanznummer wird irgendwann nicht mehr gehen.“

Vielleicht wird es schon vorher auch in Berlin den „Walkability Index“ geben. Dieses Barometer des Bordsteinkampfs wird in den USA von der Umweltbehörde EPA angeboten. Es bewertet Stadtviertel nach ihrer Fußgängerfreundlichkeit. Der „Walkability Index“ zeigt aber auch, dass selbst das Ringen um freie Gehwege am Ende zum Geschäft wird. Er konkurriert mit dem privaten „Walk Score“, ersonnen von der namensgebenden Firma, und zwar speziell für Maklerfirmen. Die Rechnung: Je mehr freie Gehwegfläche vor dem Haus, desto höher sind die erzielbaren Immobilienpreise. Denn wo die ganze Stadt zur Ware wird, wird der verbliebene Rest zum größten Luxusgut. Werden am Ende ausgerechnet jene Kräfte den Gehweg bewahren, die seine Ausbeutung am stärksten vorangetrieben haben? Es wäre ein Kreislauf der Ironie um den Marktplatz Stadt.

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