Teures Pflaster. Berlins Bürgersteige werden zum Spekulationsobjekt. Fotos: Thilo Rückeis (2)
p

Die Stadt im Wandel Der Kampf um Berlins Gehwege

46 Kommentare

Leihräder, E-Roller, Imbisstische, Stromzapfsäulen: Es wird eng auf Berlins Bürgersteigen. Und der letzte Freiraum verkommt zur Ware. Die Stadt könnte sich wehren. Doch viel Zeit bleibt nicht.

Axel Küchlin bleibt stehen. Stumm deutet er auf den Bordstein gegenüber, seine geübten Augen hinter der schwarz umrandeten Brille blicken auf den kleinen Supermarkt in der Raumerstraße, der Pfandflaschen und Verpackungsmüll in großen Rollregalen auf den Gehweg gestellt hat. Küchlin ist der Außendienstleiter des Ordnungsamts Pankow, er kennt die Ecke am Helmholtzplatz. „Das ist eine Ordnungswidrigkeit“, sagt er ruhig, „theoretisch.“ In der Berliner Praxis ist der Flaschenturm ein windschiefes Mahnmal für die dichter und teurer werdende Metropole. Und im globalen Zusammenhang gesehen ein Beleg dafür, wie das Stück Stadt bedroht wird, das sie im Grunde erst dazu werden lässt: der Gehweg.

Der Gehweg ist das natürliche Habitat des Stadtmenschen. Gemeinsam mit den Plätzen und Parks bildet er den Kern der Polis in ihrer Ursprungsform als Schutz und Rückzugsraum für den Menschen. Hier stillt er Grundbedürfnisse. Er ist draußen, er bewegt sich, er spaziert, er redet, er sinniert. Er lebt, ist einfach nur Mensch, denn hier darf er’s sein.

Der Mensch wird an den Rand gedrängt

Im Laufe der Zeit wurde der Mensch in der Stadt dabei immer weiter an den Rand gedrängt. Erst kamen die Pferdewagen, dann die Straßenbahnen, die Autos, die Verkehrsschilder. Geblieben ist dem Stadtmenschen ein Streifen vor der Haustür, den er ohne konkrete Gegenleistung nutzen darf. Nun wird ihm auch noch der streitig gemacht.

Denn nicht nur die Gebäude der Stadt sind Spekulationsobjekte geworden. Je höher die Quadratmeterpreise klettern, desto wertvoller und kostbarer wird auch der öffentliche Raum drumherum. Die Leihfahrräder und -mopeds, die den Bürgersteig als Gratisparkplatz nutzen, sind nur die Vorboten der Begehrlichkeiten. Täglich werden neue Geschäftsideen für den Gehweg entwickelt, Automaten, Lieferroboter, Fahrzeuge, Werkzeuge und Bausteine der „Smart City“. Die Rechnung ist simpel: Mit Fußgängern an sich kann man kaum Geld machen – mit dem wertvollen Land, das sie beanspruchen, schon.

Abwehrhaltung. Daniel Krüger (l.) und Axel Küchlin versuchen, in Pankow für Ordnung zu suchen. Foto: Kai-Uwe Heinrich
p

Große globale Phänomene treiben diese Entwicklung voran. Bald werden zwei Drittel der Menschheit in Städten wohnen, jeder Fleck Ballungsraum ist teuer und begehrt. Zur Spekulation mit Immobilien kommt die Digitalisierung, die die Ressourcen der alten Welt erfindungsreich neu aufteilt. Start-ups aus der Tourismusbranche, der Sharing Economy und dem Transportwesen haben das Gemeinschaftseigentum als lohnendes Experimentierfeld für schnelles Wachstum entdeckt. Und nicht zuletzt ist da der Boom des Onlinehandels, der den Einzelhandel verdrängt und die Städte in pulsierende Postverteilungszentren mit Cafétischen verwandelt.

Natürlich war die Stadt schon immer Markt, bereits im antiken Rom tummelten sich Händler, Barbiere und Imbissverkäufer auf dem Bürgersteig. Doch nun wird der Marktplatz Stadt selbst zur heißesten Ware. Einst wetteiferten Staaten um die Entdeckung neuer Erdteile und lieferten sich ein Rennen zum Mond. Nun rangeln Konzerne darum, das unentdeckte Land vor dem Fußabtreter zu erobern.

Gut eineinhalb Meter Gehbahn sollen ausreichen

Der Markt Berlin ist dabei besonders lukrativ. In der einstigen Hauptstadt der Freiräume gibt es zwar keine günstigen Innenflächen mehr. Doch von den 892 Quadratkilometern der Stadt sind 34,6 Gehwegfläche, und die eignet sich hervorragend als Spekulationsobjekt. Der Umgang damit ist hier so kulant wie in kaum einer anderen Metropole der Welt. Gut eineinhalb Meter freie „Gehbahn“ hält man in Berlin für ausreichend, die Toleranzschwelle bei Verstößen ist hoch. So darf sich jeder nehmen, was er braucht.

Die Außendienstler des Ordnungsamts beobachten diese allgegenwärtige Landnahme Tag für Tag. Und Axel Küchlin kann ziemlich genau sagen, wann der Kampf um den Berliner Gehweg so richtig Fahrt aufgenommen hat: mit dem Anstieg der Mieten vor rund zehn Jahren. „Die Geschäfte haben so immer weniger Fläche und verlagern alles nach draußen, was geht.“ Küchlin sieht aber nicht nur Pfandflaschencontainer oder verrückte Stühle und Tische. Er war 2009 im Ordnungsamt Mitte tätig, als die Deutsche Bahn die ersten Leihfahrräder nach Berlin brachte. Er hat darauf gedrängt, dass sie an feste Stationen gekoppelt werden. Doch damals ahnte er schon, dass es dabei nicht bleiben würde.

Mehr zu Pankow