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Der Bürgersteig als Parkplatz

Community-Managerin. Samira Tanko bringt Coup-Kunden bei, wo sie parken dürfen. Foto: Lars Spannagel
Die Stadt im Wandel Der Kampf um Berlins Gehwege

Mit ihrer Elektrorollerflotte hat die Bosch-Tochter „Coup“ die Grauzone Parken auf dem Berliner Gehweg seit 2016 systematisch monetarisiert. Getreu dem Werbeslogan „100 % Fahrspaß, kein Parkstress“ ist der Bürgersteig für „Coup“ ein wichtiger Vorteil gegenüber Carsharing-Anbietern und zentraler Bestandteil des Geschäftskonzepts. Man müsse „nicht zehn Minuten einen Parkplatz suchen, sondern könne gleich auf dem Bürgersteig parken“, sagt Samira Tanko, die bei „Coup“ als Community Managerin arbeitet und den Nutzern unter anderem beibringt, wo sie parken sollen: „Nur auf dem Bürgersteig, schön am Rand, damit die Fußgänger gut daran vorbeikommen.“ In Paris, wo „Coup“ ebenfalls mit 1700 Scootern aktiv ist, sieht das ganz anders aus. Angesichts des notorisch knappen Platzes geht man dort rigoros gegen die Fremdnutzung des Gehwegs vor, es gibt speziell gekennzeichnete Parkplätze für Roller und Motorräder. „In Paris kennen die Leute das nicht anders“, sagt Tanko. „Die wissen ganz genau, wo das Abstellen erlaubt ist.“

Ein möglicher Bedarf von 10.000 Scootern

Stefan Lieb fordert, dass die Mopeds auch in Berlin vom Gehweg verschwinden. „Die richtige Welle steht uns ja erst noch bevor“, sagt er. „In vielen Städten, in denen der Platz eng wird, haben die Leute ihre Autos schon aufgegeben und nutzen Motorräder.“ Er rechnet damit, dass schon bald Mietmopeds in Berlin nicht nur im Sommer, sondern dank der milderen Winter ganzjährig im Einsatz sein werden. Derzeit fahren hier 1000 „Coup“-Roller, der Konkurrent „Emmy“ kommt auf 650 Fahrzeuge. „Coup“-Geschäftsführer Mat Schubert sieht in Berlin einen Bedarf für bis zu 10.000 Leih-Scooter. Wo so viel Potenzial ist, werden weitere Anbieter auf den Markt drängen. In Madrid kämpfen sogar fünf Firmen um die Vorherrschaft auf dem Mietrollermarkt.

Doch Berlin lässt die Umfunktionierung des Gehwegs nicht nur bereitwillig zu. Die Stadt treibt sie selbst voran, im Rahmen der proklamierten Verkehrswende. Die wird auf dem Rücken der Fußgänger ausgetragen, findet Lieb. Nicht nur für Leihzweiräder, auch für die Ladeinfrastruktur der Elektroautos werde unter dem Motto „klimafreundlich und stadtverträglich“ öffentlicher Raum hergeschenkt. Bisher gibt es an 450 Stellen Ladesäulen auf Berliner Gehwegen. Der Ausbau wird vorangetrieben, genaue Zielzahlen will die Senatsverwaltung nicht nennen. Der Abstand der Säulen zu Straße und Radweg ist dabei zentimetergenau geregelt, die Restfläche für Fußgänger ist im Zweifelsfall Ermessenssache. „Es ist eine Totschlagargumentation“, sagt Lieb. „Um die Stadtluft reinzuhalten, muss man nun angeblich die Gehwege vollstellen.“

Es geht um die Frage: Wem gehört die Stadt?

Die Nutznießer kontern Kritik damit, indem sie die alten verkehrsideologischen Grabenkämpfe geschickt in den Mittelpunkt rücken. „Wir haben in Berlin mehr als 1,5 Millionen Autos und diskutieren jetzt über ein paar tausend Fahrräder“, empörte sich etwa die „Mobike“-Sprecherin Ines Balkow über den Vorstoß von Mittes Grünen-Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel, Sondernutzungsgebühren für Leihzweiräder auf Gehwegen zu verlangen. Dabei geht es hier nur am Rand um die Frage, ob zwei, vier oder gar keine Räder am besten sind. Zumindest Stefan Lieb geht es um mehr. Am Ende um die Frage, wem die Stadt gehört.

Lieb nennt es nicht so, aber er meint ein Gefühl, das das Wesen der Stadt ausmacht. Das Stadtgefühl. Denn etwas, das sich Stadt nennt, muss den zwanglosen Aufenthalt im öffentlichen Raum ermöglichen. Insbesondere Senioren brauchen dafür Bänke, am besten alle 200 Meter. Restaurantstühle sind da kein Ersatz, sagt Lieb, dort dürfe nur sitzen, wer sich das auch leisten könne. Auch für die Kommunikation sei der Gehweg entscheidend. „Man muss auch einfach mal anhalten und sich unterhalten können“, sagt Lieb. „Allein das Gefühl, dass man dann einer angeblich wichtigeren Sache im Weg steht, ist dabei hinderlich.“

Zwar gibt es im Rahmen des Berliner Mobilitätsgesetzes auch einen Abschnitt „Fußverkehrsgesetz“. Das zeige, dass Berlin den Fußverkehr ernst nimmt, sagt Dorothee Winden. Doch Fuss e.V. musste hart dafür kämpfen, dass der Abschnitt den Zusatz „Gestaltung des öffentlichen Raums“ in den Titel bekommt. „Die Gefahr, dass das unter den Tisch fällt, ist derzeit eindeutig“, sagt Lieb. Es gehe eben nicht nur um die Optimierung eines Verkehrswegs oder darum, möglichst viele Fußgänger sicher von A nach B zu schleusen.

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