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Horst und Lotte Titius leben an der Meteorstraße am Kurt-Schumacher-Platz, wo oft 90 Dezibel gemessen wurden. Foto: Sven Darmer
© Sven Darmer

Die Lärmkranken von Tegel Der Flughafen schließt, der Tinnitus bleibt

Kerosinruß im Garten, Schlafstörungen und Depressionen. Anwohner leiden seit Jahren unter Tegel – und werden es weiter, selbst wenn der Airport dicht macht.

Sein Tinnitus wird wohl bleiben, vielleicht den Flughafen Tegel überleben. Das Fiepen in seinem Ohr ist nicht leiser geworden, seitdem coronabedingt kaum noch Flugzeuge in Tegel landen oder starten. Klaus Dietrich, 72 Jahre alt, von großer Statur und sanfter Stimme, erscheint dieses Ohrensausen wie „eine offene Wunde“, eine Art körperliches Mahnmal, das er aus dem Kampf für die Schließung des Flughafens mitgenommen hat.

Es war ein Kampf, wie Dietrich sagt, in dem er sich oft „hilflos und ausgeliefert“ fühlte.

Er nennt den Ärger, die Wut, die er oft verspürte, „emotionale Zustände“.

Die geplatzte BER-Eröffnung am 3. Juni 2012, das Missmanagement, die vielen weiteren Verschiebungen und die explodierenden Kosten haben Berlin bundesweit zur Lachnummer gemacht. Und sie haben Klaus Dietrich verhöhnt. Am Tag, nach dem Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup verkündet hat, dass Tegel nun doch nicht wie erst geplant coronabedingt am 15. Juni geschlossen wird, sondern mit Eröffnung des BER am 31. Oktober, sitzt er auf einer Bank in der Mittelbruchzeile in Reinickendorf.

Landeanflug auf den Flughafen Berlin Tegel, das war Lärm-Alltag für rund 300.000 Berlinerinnen und Berliner. Foto: Jens Kalaene/dpa Vergrößern
Landeanflug auf den Flughafen Berlin Tegel, das war Lärm-Alltag für rund 300.000 Berlinerinnen und Berliner. © Jens Kalaene/dpa

Die Fußgängerstraße liegt nur ein paar Kilometer vom Flughafen entfernt mitten in der Einflugschneise. Dietrich ist einer der Sprecher der Initiative „Tegel schließen – Zukunft öffnen“, die letzte, nochmalige Kehrtwendung der Flughafengesellschafter hat er nur noch achselzuckend hingenommen. Er sagt: „Ich glaube erst an diese Schließung, wenn es so weit ist.“

An dieser Stelle, an der Klaus Dietrich an jenem Mittwoch sitzt, nicht weit von seiner eigenen Wohnung entfernt, fliegen die Flugzeuge beim Landeanflug 400 Meter und beim Starten 900 Meter hoch über die Häuser und Menschen hinweg. Und als wolle Tegel ihn nochmals ärgern, dröhnt gegen elf Uhr am Vormittag tatsächlich eine Maschine über ihn drüber und innerhalb der nächsten halben Stunde drei weitere.

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Dietrich starrt nach oben, verzieht nur das Gesicht. Ihm fällt dazu nichts mehr ein, außer dass es seinen Tinnitus triggert. Diese Geräusche im Ohr hatte er zwar schon, bevor er nach Reinickendorf zog – „aber sie sind erst dann stärker geworden“.

Ob hier gestartet oder gelandet wird, hängt mit der Windrichtung zusammen. Im Normalbetrieb waren in Vor-Corona-Zeiten rund 500 Starts und Landungen täglich üblich. Hier in der Mittelbruchzeile erreicht der durchschnittliche Lärmpegel zwischen 65 und 70 Dezibel, in der Meteorstraße am Kurt-Schumacher-Platz ein paar Kilometer weiter westlich wurden in den vergangenen Jahren regelmäßig bis zu 90 Dezibel gemessen. Das entspricht dem Geräusch eines Presslufthammers.

Interessiert hat das meist nur die Betroffenen – rund 300.000 Berlinerinnern und Berliner vor allem in Spandau, Reinickendorf und Pankow. In der breiteren Öffentlichkeit war die Mehrheit, selbst in Reinickendorf, immer für eine Offenhaltung des Flughafens.

Im Rückblick erscheint Dietrich dieser Umstand irrational, diese „emotionale Bindung“ der Berliner zu Tegel hatte aber natürlich etwas zu tun mit der alten Frontstadtgeschichte, dem Eingeschlossensein in der Mauerstadt. Irgendwann, lange nachdem der letzte Rosinenbomber während der sowjetischen Blockade in Tempelhof gelandet war, war klar, dass man einen größeren Flughafen brauchte. So wurde Tegel nach und nach zum zivilen Luftfahrtkreuz ausgebaut.

Tegel war eine Erfolgsgeschichte – und vielleicht eine der wenigen Berliner Erfindungen nach dem Mauerbau, die weltweit geliebt wurden, gerade aufgrund der Bescheidenheit des Baus, der kurzen Wege und der besonderen Architektur des Sechsecks.

Klaus Dietrich, mittlerweile im Ruhestand, ist studierter Physiker. Gearbeitet hat er weltweit auf großen Industriebaustellen für Zementwerke oder Kläranlagen. Dietrich sagt: „Ich habe große Baustellen geleitet, ich weiß, ob eine Baustelle funktioniert.“

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Klaus Dietrich, Sprecher der Tegel-Schließen-Initiative, leidet an einem Tinnitus. Foto: ale Vergrößern
Klaus Dietrich, Sprecher der Tegel-Schließen-Initiative, leidet an einem Tinnitus. © ale

Umso gespannter ist er, als er zu Beginn des Jahres 2012 mit einer Gruppe des Eisenbahnbundesamtes, seinem damaligen Arbeitgeber, die BER-Baustelle besichtigt und vom Projektleiter herumgeführt wird. Dietrich erinnert sich, dass er „immer fassungsloser wurde“. Er fragt den Projektleiter schließlich, ob der wirklich daran glaube, dass angesichts des Chaos, das er sehe, in sechs Monaten der Flughafen eröffnet werden könne. Die Antwort: „Ja, klar!“

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Schon auf dem Weg nach Hause beginnt Dietrich fieberhaft danach zu suchen, ob es Bürgerinitiativen gibt, die sich für die Schließung Tegels einsetzen. Heute sagt er: „Mir war klar, dass ich und meine Frau jetzt auch ein Problem hatten.“ Und er sollte recht behalten. Die Wohnung, die sich Dietrich in Reinickendorf gekauft hatte, hat einen schönen Balkon. Doch schon im Jahre 2010 gab es täglich bis zu 120 Flugbewegungen, so dass es oft unmöglich war, auf dem Balkon zu sitzen. 2019 fertigte Tegel 25 Millionen Passagiere ab.

Als der BER-Eröffnungstermin platzt, schreibt Dietrich Briefe, führt Gespräche, trifft Politiker im Bundestag oder im Abgeordnetenhaus, liest Bilanzen und Geschäftsberichte von Fluggesellschaften, vertieft sich in die Pannen am BER und die merkwürdigen Personalentscheidungen – und wird, obwohl ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringt, immer wütender. Vielleicht machten Wut und Ohnmacht den Tinnitus stärker und nicht der Lärm. Dietrich weiß es nicht.

Als schließlich die FDP in Berlin beginnt, die dauerhafte Offenhaltung Tegels zu fordern und sogar einen Volksentscheid durchsetzt, bekommen Dietrich und seine Mitstreiter Panik. Anfangs, erinnert er sich, votierten 75 Prozent der Berliner für die Offenhaltung – trotz einer eindeutigen Rechtsgrundlage für die Schließung.

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Einmal habe man in der Greenwichpromenade am Tegeler See während des Hafenfests Flugblätter verteilt: „Man hat uns Prügel angedroht.“ Dietrich, längst eine Art Sachverständigenexperte, versteht die Welt nicht mehr.

Am Ende stimmen 56 Prozent für eine – ein Votum, das keine rechtliche Bindung hat, aber hilft, die FDP zurück ins Berliner Parlament zu bringen. Klaus Dietrich kann die Nostalgie derer verstehen, die am Flughafen mitgebaut haben oder von denen, die die Mauerstadt noch erlebt haben. Aber die allermeisten Tegel-Fans, sagt er, seien es nur aus „Bequemlichkeit“. Die wüssten gar nicht, dass Lärm krank macht.

Viele wissen gar nicht, dass sie vom Lärm krank geworden sind

Die Anrainer haben ihm von ihren oft diffusen körperlichen Beschwerden oder konkreten Krankheiten erzählt: Schlafstörungen, Nervosität, Ohrenfiepen, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Depressionen. Die bisher größte Lärmstudie in Deutschland stammt von 2015 und hat bestätigt, dass es einen Zusammenhang zum Auftreten von Herz- oder Schlaganfällen sowie Herzschwäche gibt. Und zu Depression.

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In diesem Sommer werden dank der Aufhebung der Reisewarnungen noch einmal die Ferienflieger über die Tegel-Anrainer hinwegdonnern. Dietrich seufzt: „Wir haben schon so oft gedacht, nur noch dieser Sommer ...“

Marianne G. kennt das Gefühl, man müsse nur noch ein bisschen durchhalten. Die 68-jährige ehemalige Studienrätin wollte raus aus der Innenstadt, raus aus Schöneberg, um vor allem nachts Ruhe zu haben. Jetzt sitzt sie in ihrem kleinen Garten vor ihrem Häuschen in Hakenfelde, nur ein paar Schritte vom Nordufer Spandau und dem Wasser der Havel entfernt, und guckt so misstrauisch in den Himmel wie zuvor Klaus Dietrich in Reinickendorf.

Die Sommer ihres Lebens. Marianne G. zog 2012 nach Hakenfelde, freute sich auf ein Gartenidyll. Foto: ale Vergrößern
Die Sommer ihres Lebens. Marianne G. zog 2012 nach Hakenfelde, freute sich auf ein Gartenidyll. © ale

Früher waren hier riesige Tanklager, eine Teerpappenfabrik und anderes Industriegewerbe angesiedelt. Doch die angekündigte Schließung Tegels zog Investoren an, es entstand eine idyllische Einfamilienhaussiedlung in – eigentlich – bester Lage.

Als G. 2012 einzieht, ist sie noch sicher, dass die Tegel-Schließung kommt. Sie ist eine zierliche Frau, spielt Schlagzeug, hat es mit 50 Jahren begonnen zu lernen, vor allem deshalb, weil man ihr als Mädchen sagte, das sei nur was für Jungs. Von ihrem Garten aus fotografiert sie für ihre Enkel sogar noch viele Flieger, die hier wie an der Mittelbruchzeile in 400 Meter Höhe hinüberfliegen. Doch mit der geplatzten BER-Eröffnung ist auch die Gewissheit dahin, dass es schon irgendwie gehen könne.

45 Maschinen kurz hintereinander, unmöglich wegzuhören

Im Alltag fräsen sich die Flugzeuggeräusche, das Kreischen der Motoren, in ihren Körper und verursachen Unsicherheit und Unruhe. Bei normalem Flugbetrieb beginnen morgens um 6 Uhr, wie Marianne G. es formuliert, „die ersten Flugzeugbatterien loszuschießen“: 45 Maschinen in kurzen Abständen. Sie sagt: „Das Problem ist, man kann einfach nicht weghören.“

Im Gegenteil, wenn die Abstände zum nächsten Flieger plötzlich größer wurden, schaltete G. nicht ab, sondern wartete voller Anspannung auf das nächste Flugzeug. In den Garten ging sie nur noch mit Lärmschutzkopfhörern. Sie fühlte sich wie eine Gefangene im falschen Leben.

Heute sagt sie: „Meine Ohren haben sich gerade von den ständigen Reizungen durch Ohropax erholt.“ Dann zeigt sie auf den Terrassenboden. Es ist aufgrund der Coronakrise schon eine Weile her, dass sie das letzte Mal den Ruß von vermutlich nicht vollständig verbranntem Kerosin, der sich wie schwarzer Feinstaub in den Gärten ablagert, mit Essigreiniger wegschrubben musste.

Der BER stagnierte, Tegel wuchs, ihr Blutdruck stieg dauerhaft an

Irgendwann, als sie noch arbeitete, fing sie an, nachts lange aufzubleiben. „Ich wollte wenigstens dann die Ruhe genießen.“ Ihre Kinder rieten ihr, wieder wegzuziehen, doch das Geld steckte in der Immobilie und die Mieten anderswo waren längst gestiegen. Sie wollte durchhalten, gleichzeitig, sagt sie, „gab es nie die Chance, einfach mal von diesem Lärm auszuruhen“.

Der BER stagnierte, Tegels Kapazitäten wuchsen und wuchsen, und Marianne G. Blutdruck stieg dauerhaft auf einen ungesunden Wert. Das Nachtflugverbot wurde aufgeweicht. Und so begann sie, sich ähnlich wie Klaus Dietrich zu engagieren, schrieb Briefe an jeden Spandauer Bezirksverordneten, verteilte Flyer, besuchte Veranstaltungen und engagierte sich auch, als Klaus Dietrich anregte, aus vielen kleinen Ortsteilinitiativen eine große zu formen.

Aber eines Tages steht sie am Rathaus Spandau an der Haltestelle, es regnet, sie will zum Treffen der nun vereinten Bürgerinitiative nach Reinickendorf. Der Bus kommt 30 lange Minuten nicht, es ist schon dunkel und sie völlig durchnässt.

Sie beschließt, nach Hause zu fahren, im Rückblick sagt sie: „Ich fand plötzlich alles so sinnlos, fühlte mich allein und von der Politik verraten.“ Lärm ist stärker als Optimismus. In ihrer Siedlung ziehen viele wieder weg, neue kommen mit neuer Hoffnung, der Flughafen bleibt offen.

Als der Flughafenchef Ende Mai ankündigt, Tegel werde nun vorzeitig schließen, hat Marianne G. keine Kraft, sich groß zu freuen, und als die Rückwärtsrolle von Lütke Daldrup öffentlich wird, „habe ich nur resigniert abgewunken“. Sie erwartet nichts mehr, sie weiß nur, dass sie wirklich wegziehen wird, wenn im November nicht endgültig Schluss ist. Sie will sich nicht dauerhaft krank machen.

G. hat einen hartnäckigen Albtraum. Sie steht draußen im Garten und sieht ein Flugzeug direkt auf sie zukommen. Sie denkt, das könne doch gar nicht sein. Aber es rast immer bedrohlicher und näher heran. Dann wacht sie auf.

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