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Die Pyramide des Staatsanwalts

Die komplette Exklusiv-Recherche Neue Indizien und Widersprüche: Auf der Spur des Maskenmanns

Staatsanwalt Westphal sagt: „Es muss passen.“ Wenn es einen anderen gäbe, müsse man den klonen. Er erklärt das am Modell einer Pyramide – an deren Fuß stehen alle Menschen, die Stufe um Stufe nach oben aussortiert werden. An der Spitze bleibt seiner Meinung nach nur Mario K. übrig. Doch nach Recherchen des Tagesspiegels passt es oft auch nicht. Und nach dem Muster könnte ebenso ein anderer ins Visier der Ermittler geratene Mann oben ankommen. Er hätte womöglich nachvollziehbare Motive. Vielleicht. Der Name des Mannes wird erst kurz vor Ende der Beweisführung im Gerichtssaal bekannt. Die Öffentlichkeit erfährt, dass er ein Alibi für die dritte Tatzeit hätte und deshalb für alle anderen Taten auch „nicht infrage“ käme.

Der Mann heißt Anton L. Natürlich heißt er nicht so. Wir haben den Namen geändert, ebenso andere Details, anhand derer er identifizierbar wäre. Dabei haben wir darauf geachtet, nur solche Tatsachen zu ändern, die sich austauschen lassen, ohne das Gesamtgeschehen zu verfälschen. So kann es sein, dass Anton L. kein braunes Haar hat, sondern blondes. Oder ein anderes Alter. Und sein Wohnort beginnt gewiss nicht mit einem B.

Der Mann heißt also Anton L., ist um die 50 und war damals Polizist bei der Fliegerstaffel der Polizei Brandenburg.

Nach dem Pyramiden-Bild des Staatsanwalts klettern alle Männer hinauf, Frauen fallen raus. Dann zählen nur noch deutsch sprechende, erwachsene Männer, die ab und zu, nicht dauerhaft eine Brille tragen. Die ein abstehendes Ohr haben. Deren Kopfform oval ist. Der Angeklagte Mario K. steigt auf, aber auch Anton L. fällt in diese Raster, wie Fotos belegen.

Suche nach dem Täter. Die Polizei präsentierte 2011 ein Phantombild vom Maskenmann in Tarnkleidung. Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
Suche nach dem Täter. Die Polizei präsentierte 2011 ein Phantombild vom Maskenmann in Tarnkleidung. © picture alliance / dpa

Der Staatsanwalt ist sicher, das die Größe des Mario K. mit der des Täters überstimme. Denn der Täter sei 1,70 bis 1.85 Meter groß gewesen. Das Opfer Petra P. hatte 2011 von einer Größe von 1,70 Metern gesprochen. Auch die Frau des entführten Opfers erinnert sich, dass er so groß wie sie gewesen sei – 1,72 Meter. Der Staatsanwalt sagt: Man könne sich als Opfer ja auch mal irren. Mario K. ist 1,85 Meter groß. Anton L. misst 1,72 Meter.

Petra P. hat von allen drei Opfern den Tätern am deutlichsten erkannt. Sie will einen rötlichen Bart gesehen haben. Der Angeklagte Mario K. trägt nur zuweilen Bart. Der ist schwarz. Auch Anton L. trägt einen Bart – rötlich, wie Fotos zeigen.

Jetzt klettern in der Pyramide alle, die Straftaten begangen haben. Auch das hat Anton L. mit dem Angeklagten gemein. Gegen Anton L. ermittelt seit 2012 die Neuruppiner Staatsanwaltschaft. Die Anklage kommt bald. Es ist erwiesen, dass er von seinem Arbeitsplatz, dem Sitz der Fliegerstaffel Brandenburgs und der Bundespolizei, 2012 zwei teure Räder eines Hubschraubers entwendete und sie mit seinem Privatfahrzeug 70 Kilometer weiter auf ein anderes Sicherheitsgelände brachte: in den Hangar eines privaten Flugunternehmens am Flughafen Schönefeld. Das geschah alles offenbar unbemerkt in seiner Spätschicht.

Für seine Schwarzarbeit soll er rund 26 000 Euro kassiert haben

Dem Tagesspiegel liegen Dokumente vor, die belegen, dass Anton L. auch geheime Daten aus dem Polizeirechner entwendete und diese ans private Flugunternehmen weitergab. Für diese Firma arbeitete er von 2011 bis 2012 schwarz, bis er erwischt wurde. Manchmal auch in seiner Arbeitszeit, im Urlaub oder im polizeilichen Bereitschaftsdienst. Gemerkt hat es wohl keiner. Eine Genehmigung für die von ihm beantragte Nebentätigkeit wurde ihm verwehrt. Für seine Schwarzarbeit soll er rund 26 000 Euro kassiert haben, ermittelte die Staatsanwaltschaft Neuruppin. Ihr Vorwurf lautet: Bestechlichkeit und Geheimnisverrat. Anton L. ist seit 2013 nicht mehr im Dienst der Polizei.

Weiter mit der Pyramide: Laut Staatsanwalt klettern hier nun alle, die mit „fast 50 die Figur eines Jugendlichen und keinen Bierbauch haben“. Er erinnert an die trainierten Beine und Arme sowie die Kraft, die man für eine Entführung brauche. Mario K. darf klettern, weil er viel Sport treibt. Er fährt Fahrrad, einen Führerschein hat er nicht. Allerdings sagte der Sachverständige Bodo Paul im Gerichtssaal: Mario K. sei zwar fit, aber wegen der schweren Arthrose im Bein würde er ein Sumpfgebiet kaum freiwillig durchqueren. Er könne sein Bein nicht mehr als 90 Grad beugen. Staatsanwalt Westphal hält dagegen, dass Mario K. ohne Probleme als Dachdecker arbeitete und 2003 eine große Böschung hochklettern konnte. Der Angeklagte war damals auf der Flucht vor der Polizei.

Anton L. ist nicht eingeschränkt. Seinen trainierten Körper stellt er gern zur Schau, wie Fotos zeigen. Er legt Wert auf Fitness, joggt, fährt Rad, läuft Ski. Weitere Ausschlusskriterien des Staatsanwalts treffen auf beide Männer zu: Sie sind Rechtshänder und Outdoor-Typen. Und: Sie können beide schießen.

Anton L. war in der DDR Pilot bei der NVA, mit Spezialausbildung

Mario K. war früher in einem Schützenverein, er soll ein mittelmäßiger Schütze gewesen sein, sagt der Chef des Vereins aus. Der angeschossene Wachmann Torsten H. hatte berichtet, der Täter habe professionell die Waffe in einem Zug entsichet, durchgeladen und geschossen. Anton L. wurde im Rahmen seiner Polizeiausbildung als Schütze ausgebildet. Fotos zeigen, dass er auch in der Freizeit schoss. Anton L. war in der DDR Pilot bei der NVA, mit Spezialausbildung. Davon zeugen auch seine Armeesachen, die der Tagesspiegel in Augenschein nahm. Seinen Armeesack hatte er vor zwei Jahren in einem Keller stehen gelassen. Darin befindet sich ein blaues Behältnis mit seinem Namen. Auch die darin enthaltenen Pilotenlederhauben und eine NVA-Mütze tragen seinen Namen. Die Beschriftung auf dem Behältnis weisen auf mehr Ausrüstung hin. „Helm 1“ steht auf dem Deckel, an der Seite mit kyrillischen Buchstaben: Helm. Sturmmaske. Anzug. Die befinden sich nicht darin. Dafür ein Visier eines Pilotenhelms, das nicht unpassend zum Phantomfoto zur zweiten Tat erscheint.

Laut Staatsanwalt kommen für die Taten nun alle infrage, die die Gegend um Storkow und Bad Saarow kennen. Mario K. soll sie ausgekundschaftet haben. Beweise dafür liefert der Staatsanwalt nicht. Stattdessen gibt er an, dass Mario K. vor Jahren mal auf einer Schilfinsel lebte. Dort fand die Polizei eine Landkarte, auf der Orte markiert waren; Punkte in einem unwegsamen Gelände, ähnlich dem Sumpf, wo der Entführte Stefan T. festgehalten worden sein soll. Mario K. soll auch monatelang die Villa des Unternehmers Stefan T. vom Storkower See aus ausgekundschaftet haben. Doch was hat er dabei gesehen? Ermittler stellten bei einem Ortstermin fest, dass man durch die vielen Laubbäume nicht viel vom Grundstück erkenne. Doch die Fotos von diesem Termin befanden sich nicht in den Akten, der Umstand kam erst vor Gericht zur Sprache. Vielleicht, weil der Chef der Mordkommission Falk Küchler an diesem Tag im Dienst alkoholisiert war? Das kam heraus, als sich das Opfer darüber beschwerte. Küchler bekam ein Disziplinarverfahren.

Die Polizei wird die Schwiegereltern nie als Zeugen vernehmen

Der Uferweg vor der Villa ist öffentlich. Hier ging die Frau des Unternehmers mit ihrem Hund spazieren, andere Anwohner auch. Hat jemand hier einen Mann auf dem See gesehen? Die Schwiegereltern von Stefan T. waren eine Woche vor der Tat mit ihrem Wohnwagen zu Besuch. Doch die Polizei wird die Schwiegereltern nie als Zeugen vernehmen. Stefan T. wollte es nicht, sagen Beamte. Die Polizei folgte dem wohl, warum auch immer.

Anton L. braucht sich in der Gegend gar nicht heimlich als Beobachter zu postieren. Er kennt Storkow und Bad Saarow bestens, wohnt nicht allzu weit vom Tatort der Entführung und vom Tatort in Bad Saarow entfernt – im Ort B. Anton L. flog das Gelände in Storkow und Bad Saarow auch mit Hubschraubern ab, wie Fotos mit Navigationsangaben belegen. Navigationssysteme nutzte er sowieso öfter. Das Geo-Caching, eine Art Schnitzeljagd, ist sein Hobby, welches er damals mit Frau und Tochter betreibt. Das bestätigt seine Frau auf Nachfrage. Ihr Mann ist 2013 zu einer anderen Frau gezogen.

Beim Geo-Caching sucht man einen Schatz; hat man ihn gefunden, vergräbt man dort seinen Namen. Etwas wehmütig zeigt die verlassene Frau Orte, an denen sie mit Anton L. ihre Schätze vergrub. Es gibt Fundstellen nur 200 Meter vom Ablegeort der Entführung entfernt. Auch in Bad Saarow haben die beiden per GPS vom Handy aus gesucht. Stefan T. betont bei seiner Vernehmung am 16. Oktober 2012, dass der Täter auf dem Weg zum Ablegeort ständig mit einem GPS-System beschäftigt gewesen sei, „das ihm den richtigen Weg anzeigen sollte“.

Interessant sind auch Erpresserbriefe, die das mutmaßliche Opfer Stefan T. auf Befehl des Täters an seine Ehefrau schrieb. Briefe, deren Texte versteckte GPS-Koordinaten enthielten, die in der Summe den Ort der Übergabe von einer Million Euro Lösegeld darstellen sollten. Die Ehefrau des Entführungsopfers sollte Annoncen schalten unter der Rubik „Geschäftskontakte“; die Rede war dabei auch von einer Kinderarztpraxis. Vor Gericht wird aus den Erpresserbriefen zitiert. Die neue Frau an der Seite von Anton L. ist Kinderärztin mit eigener Praxis.

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