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Das Kanu als Tatwerkzeug

Tatwerkzeug: das verschleppte Kajak, wie es die Polizei fand. Muscheln waren darauf, sie wurden aber nie richtig untersucht. Foto: Tagesspiegel
Die komplette Exklusiv-Recherche Neue Indizien und Widersprüche: Auf der Spur des Maskenmanns

Im Gericht werden Videoaufnahmen gezeigt, wie Stefan T. am Tatort steht. Am Ablageort vor der Decke schaut er sich unvermittelt nach hinten um und sagt zu den Polizisten, dass sie „auch mal dieses Boot fotografieren sollen“. Tatsächlich liegt da ein buntes Kajak. Er hätte es noch nie gesehen, sagt er zu den Polizisten. Aber das würde nichts heißen: „Es war ja dunkel und ich hatte fast die ganze Zeit was vor den Augen.“ Und weiter: „Das sieht aus, als würde es schon länger da liegen, mit solch einem Typ Boot bin ich meine erste Strecke gefahren.“ Er habe sich hinten an so einem Boot festgehalten. Aber das Boot sehe aus, so sagt er, „als würde es schon ein paar Wochen da liegen“. Der filmende Polizist sagt kurz: „Ja.“ Stefan T. ergänzt: „Mindestens, oder eine ganze Saison.“ Dann gibt er Anweisungen an die Beamten, wie so oft bei späteren Ermittlungen. Diese folgen willfährig.

Während er mit dem Arm nach oben zeigt, sagt Stefan T. über den Täter weiter: „Der hat sich so bemüht – bitte mal ein Foto machen nach oben –, dass man das hier schlecht als Hubschrauber einsehen kann.“ Und: „Ich hätte es ja nicht an so einem relativ auffälligen Boot gemacht.“

Vom Motorrad ist keine Rede mehr

Das Kajak, das Stefan T. entdeckt, wird vom Staatsanwalt zum Fluchtfahrzeug erklärt – bei allen drei Taten. Dafür reichen ihm Indizien, etwa, dass später Wollfasern des Opfers am Seil gefunden werden. Spuren vom Angeklagten Mario K. nicht.

Vom Motorrad, welches Zeugen bei der zweiten Tat gehört haben wollen, ist keine Rede mehr.

Schnell wird ein Foto des Kajaks veröffentlicht. Ein gelbrotes Kajak mit Klebestreifen an den Enden. Es sieht aus, als könne man damit gleich losrudern. Verschwiegen wird aber, dass das Kajak geputzt wurde und zunächst anders aussah: total verschmutzt und grün bewachsen. Erstmalig zeigt der Tagesspiegel ein Foto vom aufgefundenen Boot.

Ob das Kajak fahrtüchtig ist, wird nie geprüft

Die Ablagerungen auf dem Kajak stellen sich als Kieselalgen und Bodenhaftungen heraus. Die Gutachter vom LKA Brandenburg stellen eine Beschädigung im Bug des Bootsrumpfes fest: ein nachträglich eingefügtes Loch mit „bodenähnlichen Anhaftungen“. An und im Boot, an der Sitzmulde, befinden sich „mehrere Aufwachsungen von Muscheln“, von Zebramuscheln. Die LKA-Gutachter stellen fest, dass das Boot längere Zeit unter Wasser gelegen haben muss, und empfehlen den Rat externer Wissenschaftler. Waren die Zebramuscheln und Bodenhaftungen aus diesem oder einem anderen See, von diesem oder einem anderen Lagerplatz? Eine Untersuchung wurde offenbar nicht veranlasst. Für den Staatsanwalt steht fest: Mit diesem Kajak wurde das Opfer entführt und über den Storkower See gezogen. Ob das Kajak fahrtüchtig ist, wird nie geprüft. Stattdessen wird es zersägt und dann fürs Pressefoto wieder zusammengeflickt. Die Polizei rekonstruiert die Tat mit einem baugleichen, intakten Kajak.

Am 30. Oktober 2012 stellen zwei Polizisten die Flucht nach den Angaben von Stefan T. nach. Demnach soll er in seinen Sachen vom Kajak durchs Wasser und dann mit einer Luftmatratze ins Sumpfgebiet gezogen worden sein. Beide Polizisten haben, anders als das Opfer, einen Neoprenanzug an. Sie kommen schwer voran. Der das Kajak paddelnde Polizist erklärt, dass das Manövrieren „ziemlich schwer“ sei. Besonders im Dunkeln und in einer Schilfeinfahrt, weil das Kajak „wie verrückt eiert“. Fast unmöglich sei es, so die Polizisten, ohne Geräusche zu paddeln, wie es das Opfer erlebt haben will: „Das platscht ja auch wie verrückt.“ Hatte es sich doch um ein Boot gehandelt?

Ein Jahr später wird der Täter präsentiert

Fast ein Jahr später, am 27. September 2013, präsentieren der damalige Polizeipräsident Arne Feuring und die Führung der Soko ihren Täter. Es ist Mario K. aus Berlin. Es gab wohl zuvor einen Tipp von zwei Polizisten aus Berlin auf ihn. Mario K. war dort vorbestraft und hatte, auch in seinem Schützenverein, mit einer Czeska geschossen sowie 2004 Boote beobachtet, ihre Besitzer beklaut und die Boote später angezündet. Ein Hinweis, dem zu Recht nachzugehen war. Als Mario K. als Zeuge vorgeladen wird, erklärt er, nichts mit den Taten in Bad Saarow und Storkow zu tun zu haben. Trotzdem wird er im Anschluss monatelang immer mal wieder observiert, aber nie durchgängig. Ein sportlicher Outdoortyp, der im Sommer gern im Wald zeltet, der Seewasser trinkt, Gummihandschuhe wegschmeißt. Warum er das alles macht, findet die Polizei nicht heraus. Am 5. Mai 2014 steht er als Angeklagter vor Gericht. Es kommt heraus, dass er vor der zweiten und dritten Tat angibt, ins Ausland fahren zu wollen, was sich dann als falsch herausstellt.Ein Jahr später hält der Staatsanwalt sein Plädoyer.

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