Der Fall Georgine begann am 25. September 2006 in der Stendaler Straße, Berlin-Moabit. Foto: privat
© privat

Die Akte Georgine Krüger Warum die Mutter immer noch hofft, dass ihre Tochter lebt

Georgines Familie wäre am Verschwinden der 14-Jährigen fast zerbrochen. Kurz vor dem Urteil gegen den mutmaßlichen Täter spricht die Mutter über ihre Trauer.

Vielleicht ist Unvernünftigsein das Vernünftigste, was Vesna Krüger tun kann. Wenn sie wie an diesem Sonntag im Café sitzt und sich ausmalt, dass ihre Tochter lebt, in Indien vielleicht oder Amerika. Dass Georgine vor 14 Jahren nur weggelaufen ist, sich nicht traut, nach Hause zu kommen. Vesna Krüger sagt, dass sie Georgine nicht böse wäre, wenn sie morgen vor der Tür stünde, sie würde nicht schimpfen.

Tochter Michelle Krüger, 19, lässt die Mutter reden, schüttelt sachte mit dem Kopf, sagt: „Der Typ muss reden. Sonst wird es nie ein Ende geben.“

Sie versucht zu überleben - irgendwie

Aber gerade dieses Ende ist es, das Vesna Krüger, 55, am meisten fürchtet. Denn wenn Ali K. tat, was ihm die Anklage vorwirft, hat der ehemalige Nachbar, dieser unscheinbare Typ, ihr Kind damals in den Keller gelockt, wo er Georgine von hinten auf den Kopf schlug, dann die bewusstlose 14-Jährige vergewaltigte, zu Tode würgte und danach klagte, der leblose Körper habe ihm „gar keinen Spaß“ bereitet.

Wäre es für eine Mutter vernünftig, das als Wahrheit anzunehmen? Ist es nicht viel klüger, über diesen Abgrund hinwegzuschauen – und zu überleben? Irgendwie.

Angeklagt. Ali K. wird zur Last gelegt, die damals 14-jährige Georgine Krüger vergewaltigt und erwürgt zu haben. Foto: Paul Zinken, picture alliance/dpa Vergrößern
Angeklagt. Ali K. wird zur Last gelegt, die damals 14-jährige Georgine Krüger vergewaltigt und erwürgt zu haben. © Paul Zinken, picture alliance/dpa

Seit fünf Monaten sitzt Ali K. im Berliner Landgericht auf der Anklagebank. Mit dem bevorstehenden Urteil wird einer der spektakulärsten Berliner Kriminalfälle zu Ende gehen. Es ist ein Mordprozess, der ohne Beweise, nur mit Indizien auskommen muss. Es gibt keine Leiche, keine Spuren, keine Augenzeugen, keine Tatwaffe. In dieser Woche könnte das Gericht das Urteil fällen.

Der Fall beginnt am 25. September 2006 in der Stendaler Straße, Berlin-Moabit. Eine ruhige Seitenstraße, gerade mal 250 Meter lang, von Altbauten gesäumt. Hier verschwindet Georgine Krüger, genannt Gina, auf ihrem Heimweg – spurlos, am helllichten Tag. 90 Meter trennen die 14-Jährige von ihrem Zuhause, als Ali K. sie vor der Hausnummer 3 angesprochen haben soll. Ob sie ihm helfen könne, ein paar Tüten in den Keller zu tragen?

Michelle fröstelt. Es ist nicht die Kälte

Am vergangenen Sonntag liegt die Stendaler Straße wie verlassen da. Michelle Krüger, Georgines acht Jahre jüngere Halbschwester, drückt vor der Hausnummer 3 fröstelnd ihre Hände in die Taschen. „Das ist ein unwohliges, ekliges Bauchgefühl.“ Ein Altbau mit gelb gestrichener Fassade, leere Blumenkästen auf den Balkonen.

Die 19-Jährige will weiter, zur Hausnummer 8, wo sie bis zum Verschwinden ihrer Schwester mit ihrer Mutter, Großmutter und Kater Felix gelebt hat. Wo es nicht nur den Tod, sondern auch schöne Erinnerungen gibt. „Das war Georgines Zimmer, wo wir zusammen ihre Bollywood-Filme geschaut haben“, sagt Michelle, zeigt auf ein Fenster im zweiten Stock.

Vermisst. Georgine Krüger galt als zuverlässig, pünktlich und aufgeschlossen. Foto: dpa Vergrößern
Vermisst. Georgine Krüger galt als zuverlässig, pünktlich und aufgeschlossen. © dpa

Die Brille, die weiten T-Shirts und das ungeschminkte Gesicht lenken davon ab, wie ähnlich Michelle ihrer älteren Schwester sieht. Freunde verwechseln die Mädchen auf Fotos. Vor drei Jahren hat sich Michelle zu Hause weggeschlichen, um die alte Heimat in Moabit zu erkunden. Es dauert nur ein paar Stunden, da meldet sich bei ihrer Mutter die Polizei: Ob ihre Jüngste in der Stendaler unterwegs war? Zeugen hatten angerufen, die Georgine lebend in der Straße gesehen haben wollen.

Jedes Jahr werden 1400 Kinder als vermisst gemeldet

Michelle ist sechs, als der Tag des Verschwindens die Welt der Krügers in ein Davor und ein Danach teilt. An die erste Zeit des Danach erinnert sich Michelle nur bruchstückhaft. Verschwommene Bilder von der Polizei, dem „Trubel“ und ihrer Mutter, die „wirklich schlimm“ aussieht, so oft weint.

Jedes Jahr werden in Berlin 1400 Kinder als vermisst gemeldet. Fast alle tauchen nach Stunden oder Tagen wieder auf. Doch in diesem Fall ist die Polizei sicher, dass Georgine etwas Schlimmes zugestoßen sein muss. Vesna Krüger schiebt den Gedanken von sich weg. Die Zeit habe sie „wie im Traum“ gelebt. Am Tag läuft sie mit den Fotos ihrer Tochter durch die Straßen, am Abend weitet die Familie ihren Radius aufs Rotlichtviertel aus. Was, wenn Georgine in üble Kreise geraten ist?

Verurteilt. Für Vesna Krüger und ihre Tochter Michelle hat sich am Tag des Verschwindens alles geändert. Foto: Katja Füchsel Vergrößern
Verurteilt. Für Vesna Krüger und ihre Tochter Michelle hat sich am Tag des Verschwindens alles geändert. © Katja Füchsel

Wochen vergehen, Monate. Während alle versuchen, sich abzulenken und das Leben weitergehen zu lassen, nistet sich die Trauer im Alltag ein. Die kleine Michelle lernt, zu Hause das Schwere leicht und das Dunkle hell aussehen zu lassen. Ihr gelingt es, die Mutter auf andere Gedanken, sogar zum Lachen zu bringen. Es ist eine Gabe und ein Fluch zugleich.

Das einstige Kinderzimmer bleibt, wie Georgine es am Morgen des 25. September verlassen hat, mit dem Kram auf dem Schminktisch, daneben die Tasche mit dem Bauchtanzkostüm.

Der Kummer macht die Mutter krank, sie kündigt ihren Reinigungsjob in der Charité. Ein Jahr lang schafft sie es fast nur aus dem Bett, um mit Journalisten zu sprechen, damit der Fall nicht in Vergessenheit gerät. Sie kauft Georgine Geschenke, zum Geburtstag, zu Weihnachten, die nach dem Fest unausgepackt in einer Kiste landen. Drei Jahre geht das so.

"Ein gesundes neues Jahr, meine Gina!“

Die besonderen Tage bleiben besonders schmerzhaft, sagt Vesna Krüger. Neujahr habe sie im Esszimmer die Kerze unter Georgines Foto entzündet und gesagt: „Falls du irgendwo lebst: Ein gesundes neues Jahr, meine Gina!“

Michelle Krüger kann sich an ihre große Schwester kaum noch erinnern. „Ich kenne sie eigentlich nur aus Erzählungen.“ Sie sitzt im Köpenicker Ausflugslokal an der Seite ihrer Mutter. Vesna Krügers Haare sind grau geworden, unter ihre blau-grauen Augen haben sich tiefe Ringe gegraben.

250 Meter. Der Heimweg von Georgine Krüger. Foto: Fabian Bartel Vergrößern
250 Meter. Der Heimweg von Georgine Krüger. © Fabian Bartel

Michelle sagt: „Für mich steht es ja fest.“

„Was?“, fragt die Mutter.

„Dass sie tot ist.“

„Eine Mutter kann ihr Kind nie vergessen, das ist immer da, man kann sich das nicht …!“

Die Stille schnürt einem die Luft ab

Der Satz von Vesna Krüger endet im Nichts. Sie schlägt die Augen nieder, die Stille schnürt einem die Luft ab, als Michelle plötzlich anfängt zu plappern. „Ich habe heute Nacht geträumt, dass ich einen Sohn kriege.“ Der Junge sei groß geworden, ohne dass man ihm die Windeln wechseln musste, ein stets reinliches, kluges Kind, so geht es immer weiter – bis die Mutter tatsächlich anfängt zu lachen.

Ja, so ist sie, sagt die Mutter dann. Meine Michi.

Zwölf Jahre fehlt jede Spur von Georgine, dann klingelt am 4. Dezember 2018 um 7 Uhr das Handy. Vesna Krüger erinnert sich, dass es noch dunkel gewesen sei, sie vor ihrem Dienst an diesem Tag mit einem Kaffee im Wohnzimmer sitzt. Die Polizeipsychologin meldet sich, sie stehe mit einer Kollegin unten vor der Tür, fragt, ob sie hochkommen dürfen.

Vermisst. Im ersten Jahr ließ Vesna Krüger das Zimmer ihrer Tochter unangetastet. Foto: David Heerde Vergrößern
Vermisst. Im ersten Jahr ließ Vesna Krüger das Zimmer ihrer Tochter unangetastet. © David Heerde

„Ich dachte, sie haben meine Gina gefunden“, sagt Vesna Krüger. Es ist der Tag, an dem die Polizei Ali K. verhaftet. Der Familienvater, erklärt ihr die Beamtin, habe einem verdeckten Ermittler den Mord gestanden. Sie sagt, dass er Georgine vermutlich schon kurz nach ihrem Verschwinden getötet habe. Vesna Krüger wirft das um Jahre zurück.

Am 31. Juli beginnt der Prozess vor dem Moabiter Kriminalgericht. Der Auftritt lässt Vesna Krüger nicht mehr schlafen, aber sie will Ali K. sehen, ihm in die Augen blicken. Sie erinnert sich an ihren Nachbarn, ein Mann, den sie aus der Stendaler „nur vom Sehen“ kennt – und fühlt: nichts. „Ich bin kein rachsüchtiger Mensch“, sagt Vesna Krüger. Und die Aktenlage überzeugt sie nicht restlos.

Die Mutter sagt: Durch den Schock bin ich krank geworden

Es ist 9.45 Uhr, als sich Vesna Krüger am 9. August, ganz in Schwarz gekleidet, an den Zeugentisch vor der Richterbank setzt. Der Vorsitzende Richter Peter Faust will wissen, wie ihre Familie den Schicksalsschlag verkraftet hat.

„Durch den Schock bin ich krank geworden. Körperlich und seelisch. Bin bis heute in Behandlung.“

Faust fragt nach Thommy, ihrem damals 22 Jahre alten Sohn.

„Auch er ist seelisch kaputt, hat sich total verändert, zurückgezogen.“

Als Faust die Zeugin fragt, ob es stimmt, dass sie die Hoffnung hege, dass ihre Tochter noch lebt, schweigt Vesna Krüger. Stille im Saal. Der Richter klingt fast sanft, als er sagt: „Sie haben keinen sachlichen Grund, der das Gefühl trägt.“

Die Polizei durchsuchte auf der Suche nach Georgine 300 Gebäude im Kiez. Foto: ddp images/Theo Heimann Vergrößern
Die Polizei durchsuchte auf der Suche nach Georgine 300 Gebäude im Kiez. © ddp images/Theo Heimann

Vesna Krüger hat andere Gründe, nur dass der Rest der Welt sie nicht sehen will, weil ihre nicht in der Logik, sondern im Gefühl ihren Ursprung finden. Mögen die anderen alle Beweise der Welt für den Tod ihrer Tochter aufzählen, sie sagt nur: „Aber: mein Kind!“

Den Prozess verfolgen Tomislav, Michelle und Vesna Krüger als Nebenkläger. Michelle kann es auch nach Tagen nicht fassen, dass der mutmaßliche Mörder ihrer Schwester „so stinknormal“ aussieht, und ärgert sich, wenn Verwandte von Ali K. auf den Zuschauerbänken lärmen.

Michelle ist zwölf, als Vesna Krüger die Kraft für weitere Fernsehauftritte ausgeht, also übernimmt die Jüngste. In der Öffentlichkeit präsentieren sich die beiden bald mit einer gewissen Routine: hier die trauernde Mutter, da die jüngste Tochter, die sie wieder ins Leben zurückgeholt hat. Michelle sagt: „Aber es hat niemand gefragt, wie es hinter den Kulissen ausschaut.“

Für sie sei „die Hölle“ ausgebrochen, als ihre Mutter es in der Stendaler nicht mehr ausgehalten habe und die Familie 2007 in den Ostteil der Stadt zog. Alleine darf das Mädchen nicht raus, selbst im Innenhof nur spielen, wenn die Mutter oder Oma oben am Fenster sitzen. Bei Freunden zu übernachten, ist tabu. Michi wird jeden Tag zur Schule gebracht, von der Schule nach Hause geholt. „Ich hatte nichts“, sagt Michelle.

Michelle kämpft um ihre Freiheit

Mit 14 beginnt sie eine Revolte, kämpft „um meine Freiheit, um mein Leben“. Die Mutter weiß, dass sie „zu sehr klammert“, will aber nicht „noch ein Kind verlieren“, kann nicht loslassen – und treibt so die Jüngste in die Flucht. Bevor die Familie endgültig zerbricht, vermittelt die Beratung im Jugendamt. Am Tag nach ihrem 18. Geburtstag rafft Michelle zusammen, was zwei große Plastiktüten fassen können, und zieht zu ihrem Freund.

Montagnachmittag, Vesna Krüger hat einen Termin bei ihrem Anwalt in Mitte. Sie war seit Wochen nicht mehr im Prozess, Roland Weber will mit seiner Mandantin vor dem Urteil über den Stand der Dinge reden.

Als Michelle Krüger vor drei Jahren durch Moabit lief, alarmierten Nachbarn die Polizei: Sie hätten Georgine gesehen. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Als Michelle Krüger vor drei Jahren durch Moabit lief, alarmierten Nachbarn die Polizei: Sie hätten Georgine gesehen. © Thilo Rückeis

Weber sagt, dass er genau wie seine Mandantin mit Zweifeln in den Prozess ging, inzwischen sei er aber fest überzeugt, dass auf der Anklagebank ein Mörder sitze. „Die Aussage der verdeckten Ermittler war für mich der Knackpunkt“, sagt Roland Weber, der auch der Berliner Opferbeauftragte ist.

Vesna Krüger sitzt im Saal 537 an seiner Seite, als für die Vernehmung der verdeckten Ermittler das Publikum ausgeschlossen wird und die Justizwachtmeister drei Monitore in der Mitte des Saals aufbauen, damit alle Anwälte, die Richter und der Angeklagte einen guten Blick haben. Doch mehr als eine graue Silhouette bekommt von Hakan, Kara und Susann niemand zu sehen. Weber sagt: „Ich hatte nie den Eindruck, dass die Ermittler etwas verschweigen, ausschmücken oder dem Verdächtigen ein suggestives Gespräch aufgezwungen haben.“

In der Kanzlei legt Vesna Krüger Ginas Tagebuch, das die Verteidigung zwei Tage später im Prozess verlesen lassen will, auf den Besprechungstisch. Ein schmales Notizheft, in dem gerade mal sechs Seiten beschriftet sind: Am 18. Juni 2006 hat Gina mit rosafarbenem Filzstift notiert: „Es ist grausam, eine Familie zu haben, die sich jeden Tag streitet. Ich muss mir das jeden Tag antun. Ich kann nicht mehr. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo wir alle das letzte Mal gelacht haben.“ Ein Hinweis, dass Georgine weggerannt sein könnte? Die Verteidigung sieht das so.

Im Namen der Opfer. Vesna Krüger, 55, und ihre beiden Kinder sind Nebenkläger im Prozess. Foto: Katja Füchsel Vergrößern
Im Namen der Opfer. Vesna Krüger, 55, und ihre beiden Kinder sind Nebenkläger im Prozess. © Katja Füchsel

Michelle Krüger winkt ab. Ihre Mutter und Großmutter hätten schon immer viel und laut gestritten, das sei selbst heute noch so. Aber wie hart die Kämpfe auch zwischen ihr und ihrer Mutter ausfallen, Georgine und ihr Schicksal seien als Waffe tabu gewesen. Im Köpenicker Café sitzt sie an der Seite ihrer Mutter, als diese sich das erste Mal seit der Festnahme wieder auf ein Interview einlässt, wirkt wie eine Beschützerin, knufft sie in die Seite: „Wir sind jetzt wieder cool miteinander.“

Michelle Krüger glaubt fest an einen Schuldspruch. Deshalb wolle sie am Tag der Urteilsverkündung einen Kuchen backen, ihn mit zur Arbeit nehmen, „und alle werden denken, dass ich Geburtstag habe“. Für sie wird es der Tag einer neuen Zeitrechnung sein.

Zur Startseite