Kolonialgeschichte und was von ihr heute noch zu sehen ist: Straßenschilder im Afrikanischen Viertel in Berlin. Foto: picture alliance / Monika Skolim
© picture alliance / Monika Skolim

Deutsche Kolonialgeschichte Die Umbenennung von Straßen kann nur ein Anfang sein

Anna Thewalt

Ob Humboldt-Forum oder Afrikanisches Viertel: Die Kolonialgeschichte holt das Land ein. Berlins Kultursenator Lederer will sie jetzt aufarbeiten. Ein Kommentar.

Berlin, Deutschland und die Welt – das ist eine lange und vielschichtige Beziehung. Auf den Straßen der Hauptstadt und im Bewusstsein ihrer Bewohnerinnen und Bewohner treten manche Kapitel dieser Beziehung stärker hervor als andere.

Endlich soll nun Berlins Rolle als Mittelpunkt des deutschen Kolonialreichs stärker in den Fokus gerückt werden – und das ganz offiziell. Kultursenator Klaus Lederer startet das Projekt „Initiative für postkoloniales Erinnern in der Stadt“ – und greift damit ein Thema auf, das höchst umstritten und emotional ist.

Die Erinnerungspolitik soll in einem breiten Prozess von 2020 bis 2024 gestaltet werden, beteiligt sind unter anderem der Verein „Berlin Postkolonial“, der mit Aktionen zu Straßenumbenennungen bekannt geworden ist, und die „Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland“, die sich seit Jahren mit dem Kolonialismus und seinen Folgen beschäftigt. Lederers Initiative reiht sich ein in eine Entwicklung, die sich seit einigen Jahren abzeichnet.

Abgetan als Kuriosität

Ein erster großer Schritt war, als sich das Deutsche Historische Museum in Berlin 2016/2017 in einer Ausstellung der deutschen Kolonialvergangenheit und ihren Spuren in der Gegenwart widmete. Dank dieser Ausstellung, der Arbeit der genannten Initiativen und der Forschung engagierter Historiker, wie etwa dem an der Universität Hamburg lehrenden Jürgen Zimmerer, ist das Wissen um die deutsche Kolonialgeschichte in den vergangenen Jahren gewachsen. In Berlin haben die Debatte um das Afrikanische Viertel im Wedding und um das Humboldt-Forum das Thema in den Vordergrund gerückt.

[Um mehr als nur um Straßenumbenennungen geht es auch in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken, hier kostenlos zu haben: leute.tagesspiegel.de]

Doch auch wenn das Wissen über Deutschlands Kolonialgebiete in Afrika, Asien und Ozeanien gewachsen ist, wird dieser Teil der deutschen Geschichte gerne als kurz andauernde Kuriosität abgetan oder schlichtweg übergangen.

Ein irritierender Tweet von Sigmar Gabriel

Kürzlich irritierte ein Tweet des ehemaligen deutschen Außenministers Sigmar Gabriel, der in einer Nachricht zu der in Berlin stattfindenden Libyen-Konferenz schrieb, Deutschland sei deswegen besonders als Vermittler geeignet, weil es „nie Kolonialstaat“ war. Es geht aus dem Tweet nicht genau hervor, ob sich diese Aussage nur – was korrekt wäre – auf Libyen selbst bezieht.

Libyen war ab Anfang des 20. Jahrhunderts erst italienische Kolonie und von 1943 bis 1949 von Frankreich und Großbritannien besetzt. Doch selbst wenn das der Fall wäre, zeugt es doch von historischer Unsensibilität. Es zeigt auch, warum die Erinnerungsinitiative in Berlin wichtig ist.

Kolonialismus war nicht nur etwas, das in weiter Ferne stattfand, Kolonialismus wirkte – und wirkt – auch im Land der Kolonialmächte.

Das Kurfürstentum Brandenburg war am transatlantischen Versklavungshandel beteiligt, in Berlin wurde bei der „Kongokonferenz“ der afrikanische Kontinent aufgeteilt, 1896 fand im Treptower Park eine Kolonialausstellung statt, bei der in sogenannten „Völkerschauen“ Menschen ausgestellt wurden.

Vorherrschaft der Weißen

Die Deutsche Kolonialgesellschaft mit Sitz in Berlin war ein einflussreicher Lobbyverein, der die Expansionspolitik propagierte und die Vorzüge einer solchen Politik mit einer wöchentlich erscheinenden Zeitung in der breiten Öffentlichkeit bekannt machen wollte.

Der Gedanke von der Vorherrschaft der Weißen gegenüber allen anderen prägte dabei das Menschen- und Weltbild. Was sich schon an dieser unvollständigen Liste zeigt: Berlin stand durchaus in einer Reihe mit anderen Kolonialmetropolen wie Paris, London und Lissabon.

Mit Lederers Vorstoß hat die Stadt die Chance, maßgeblich bei der europäischen Aufarbeitung dieses historischen Kapitels mitzuwirken. Andere ehemalige Kolonialmächte Europas haben damit schon begonnen: 2007 eröffnete Paris im ehemaligen Kolonialmuseum ein Migrationsmuseum, in dem sich Ausstellungen und Veranstaltungen auch mit der Vergangenheit des französischen Imperialismus beschäftigen.

Kurz nach seiner Wahl zum französischen Präsidenten beauftragte Emmanuel Macron den senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy damit, einen Bericht zur Rückgabe kolonialen Raubgutes zu verfassen.

Wie offen ist die Stadtgesellschaft?

Savoy ist keine Unbekannte in Berlin: Sie verließ den Beirat des Humboldt-Forums; sie kritisierte, es fehle massiv an Transparenz und am Willen, herauszufinden, welche Herkunft die Kunstwerke hätten. Im kommenden September soll das Humboldt-Forum eröffnet werden, und das Museum wird sich vor allem daran messen lassen müssen, wie es mit seiner Herkunftsforschung und mit Rückgabeforderungen umgehen wird.

Auch die „Initiative für postkoloniales Erinnern“ will sich mit der Herkunft von Museumsbeständen beschäftigen. Doch die Beteiligten haben klargemacht: Es geht ihnen um die Folgen der Kolonialzeit für die gesamte Stadtgesellschaft.

Bei der Konzeption scheint der Wille dagewesen zu sein, neue Wege zu gehen, offen für Zusammenarbeit zu sein. Der Erfolg des Projekts wird davon abhängen, ob die heutige Berliner Stadtgesellschaft den geplanten Aktionen und der Debatte ebenfalls mit Offenheit begegnet.

Zur Startseite