Spaßiges Springfoto vor dem Bundestag - als Touri ein Muss. Foto: Anna Ehlebrach/Louisa Lenz
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Der Selbsttest zur ITB Wie touristenfreundlich ist Berlin?

Anna Ehlebrach Louisa Lenz
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Wie fühlt es sich an, Tourist in Berlin zu sein? Liebe auf den ersten Blick fällt schwer – aber die meisten Berliner sind überraschend freundlich.

Nicht nur zur Tourismus-Börse ITB strömen Massen von Touristen in die Stadt. 31 Millionen Übernachtungen waren es im letzten Jahr. Wir, zwei gebürtige Berlinerinnen, fragen uns daher: Wie touristenfreundlich ist die Hauptstadt eigentlich? Einen Tag lang haben wir uns ganz unbefangen auf Erkundungstour als Touristinnen begeben – was man da alles erleben kann, wenn man mal fast unwissend durch die Straßen zieht.



Ankunft in Tegel

Gleich das neue Easy Jet-Angebot für Tegel genutzt, fällt bei der Ankunft am Flughafen auf: Tegel ist unmodern, dafür klein und übersichtlich. Draußen suchen wir vergeblich Bahnverbindungen; stattdessen müssen wir uns mit den vier Buslinien oder Taxen begnügen. Wo bleibt denn da das Hauptstadtgefühl? Und was sagt das Wetter? Grau, kühl, regnerisch.


Und wie sieht es am ZOB aus?

Oh, du tristes Areal. Aus dem Bus ausgestiegen, fällt die Baustelle ins Auge. Hoffentlich wird bald modernisiert. Auf dem Weg zu der Tourist-Info hängen BVG-Ausschilderungen. Aber wie kommen wir bloß zu den Haltestellen? Wir folgen den anderen hinausströmenden Ankömmlingen. Im U-Bahnhof Kaiserdamm ist eine Schlange vorm Ticket-Automaten. Mist, am ZOB wäre auch einer gewesen.

Einmal Touri sein. Obligatorisches Selfie am Brandenburger Tor. Foto: Anna Ehlebrach/Louisa Lenz
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Berlin, Berlin, wir fahren durch Berlin

Einzelfahrschein, 2,80 Euro. Wie, und Fahren geht nur in eine Richtung? Tageskarte: 7 Euro, Drei-Tages-Ticket: gute 24 Euro. Leider nicht gerade preiswert. Halten die Öffis dafür aber, was sie an Geld verlangen? Was sofort auffällt: Die vielen Obdachlosen in den U-Bahnhöfen und Zügen. Ein wahres Armutszeugnis für Berlin. Und wie steht es mit der Ausschilderung vor Ort? Klar, muss man die Augen offen halten bei dem Gewimmel. Aber Symbole für U-Bahn, Bus, Tram (sagt man als Touristin so) und für die Wahrzeichen gibt es genug.

Berlins raue Freundlichkeit

Brauchen wir mal etwas Zeit für die Orientierung, stehen wir im Weg. Zack, schon angerempelt. Trotzdem sind die Berliner gar nicht so unfreundlich, wie es immer heißt: Der Bus ist kaputt, alle müssen aussteigen. Ein musikhörender Fahrgast bleibt sitzen. „Hamse nich jehört? Uffstehn, Bus kaputt!“ Schroff, aber irgendwie hilfsbereit. Auch bei einer Nachfrage nach dem Weg bekommen wir eine freundliche aber nicht überschwängliche Antwort. Muss ja auch nicht.

Berliner, äh, Brandenburger Tor

Wow, das Tor und die Quadriga sind wirklich beeindruckend! Die lauten Schulklassen mit Selfie-Sticks machen obligatorische Erinnerungsfotos. Wir also auch!

Wo regiert wird

Vor dem Bundestag werden wir von zwei Frauen aufgefordert, etwas zu unterschreiben. Worum geht es denn? Keine Ahnung, sie spreche nicht gut Deutsch. Aber ach, der Tiergarten. Die Stadt ist wirklich grün, das muss man ihr lassen. Die Luft ist frisch, die Sonne kämpft sich ihren Weg durch die dichte Wolkendecke – der Tag wird noch richtig schön. Und auch die Baustellen und vielen Baukräne finden wir gar nicht weiter störend, die Stadt ist eben ständig in Bewegung. Hier ist wenigstens immer was los.

Entziffern der beschmierten Tiergartenkarte. Foto: Anna Ehlebrach/Louisa Lenz
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Der Markt am Hackeschen Markt

Angekommen am Hackeschen Markt stolpern wir auf einen wahrhaftigen Markt. Der Magen knurrt, daher kaufen wir uns Crêpes – sehr preiswert und lecker für 2,50 Euro das Stück. Es gibt viel Kunsthandwerk, Blumen und Kulinarisches aller Art – und zum Glück kein „I love Berlin“-Stuff. Außerdem bemerken wir immer wieder die in den Boden eingelassenen, goldfarbenen Steine. Das Stolperstein-Projekt finden wir sehr wichtig.

Weiter zu Fuß zum Rosenthaler Platz

Auch an einer so schönen Ecke wie hier liegt viel Müll am Straßenrand; es ist dreckig in der ganzen Stadt. Für eine kurze Verschnaufpause setzen wir uns in ein Café. Dieses entspricht allen Berliner Hipster-Klischees: vegan, ultra-stylisch und voller schwarz gekleideter Leute. „We do Cafe and Coworking“ ist vor einer Absperrung in den oberen Bereich zu lesen. Wer hier hoch möchte, zahlt vier Euro pro Stunde. Dürfen wir unten überhaupt ohne MacBook sitzen? Und ist Reden erlaubt? Und wie coworked man genau? Für Nicht-Berliner nicht ganz ersichtlich.

Der Alex ruft

Ein weiteres „Must-See“ in jedem Reiseführer: der Fernsehturm. Zugegeben, er ist beeindruckend. Aber der Platz drumherum ist, gelinde gesagt, furchtbar. Die immergleichen Läden spielen grölend die immergleiche Charts-Musik und verleihen dem Platz einen seelenlosen, anonymen Charakter. Dennoch fällt auch hier überall auf, wie multikulturell und international Berlin ist.

Auf dem Weg zur East Side Gallery...

...werden wir direkt ungewollt gefragt, ob wir Gras kaufen möchten. Die bemalten Mauerreste sind interessant und das Spreeufer mit Blick auf die Oberbaumbrücke lädt zum Verweilen ein. Der Hunger treibt uns weiter zum Mehringdamm. Wir haben gehört, dass Mustafas Gemüsekebap den besten Döner der Stadt machen soll. Die Schlange ist jedenfalls sehr lang. Also gehen wir lieber ein Stück weiter zu Curry 36. Hier gibt es das Berliner Original sogar in Bio.

Späti was?

Auf dem Weg zum Tempelhofer Feld – einem gewollt nicht-intaktem Flughafen – fallen uns die vielen „Spätkaufs“ auf. Haben die echt rund um die Uhr geöffnet? Angekommen auf dem Tempelhofer Feld sind wir überwältigt von der Weite. Wo immer der Blick hinfällt: Himmel. Großstadtuntypisch, herrlich entspannend! Ausklingen lassen wollen wir den Tag in der Monkey Bar mit Blick über den Zoo und die City West. Die Sonne geht unter und es wird langsam blau zu schwarz.

Unser Fazit

Berlin ist nie langweilig, immer lebendig und unglaublich vielfältig. Die Hauptstadt ist anstrengend und anonym, wir sind froh, die Orte bereits zu kennen, die wir mögen. Liebe auf den zweiten Blick.

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