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Kunstaktivisten lassen am Sonntag ein Schlauchboot auf der Spree kentern. Foto: Julius Geiler
© Julius Geiler

„Den Tod an den Grenzen Europas vor Augen führen“ Hilfeschreie auf der Spree – Kunstaktivisten lassen Schlauchboot kentern

Am Sonntagvormittag gerät auf der Spree in Berlin ein Schlauchboot in Seenot. Eine Kunstaktion und ein Symbol für das Sterben vor Europas Grenzen.

Ein grauer Sonntagvormittag in Berlin-Mitte. Es ist nicht viel los. Während auf der Stadtbahntrasse der Regionalexpress in Richtung Frankfurt (Oder) vorbeifährt, passieren einzelne Taxis die Jannowitzbrücke. Niemand bekommt mit, was sich gleichzeitig auf der nahen Spree abspielt: Ein großes Schlauchboot in der Mitte des Flusses gerät in Seenot.

Man hört Hilfeschreie, Kinder- und Frauenstimmen weinen. Plötzlich treiben Dutzende orangene Rettungswesten in der Spree - oder sind es über Bord gegangene Menschen? Am Ufer stehen teilnahmslos etwa zwanzig Personen in weißen Quarantäne-Anzügen. Ihre Gesichter sind nicht zu erkennen, sie tragen Spiegelmasken. Ein Künstlerkollektiv will Europa an diesem grauen Berliner Sonntag den Spiegel vorhalten, wie es auf der eigenen Website heißt.

Eine Szene, die sich beinahe täglich vor den Toren Europas abspielt. Hier auf der Spree sind es lediglich Rettungswesten, die wenig später unversehrt aus der Spree gezogen werden. Tausende Kilometer weiter südlich sind es Geflüchtete, die den gefährlichen Weg gen Europa antreten, der nicht selten mit dem Tod durch Ertrinken endet.

Der Zeitpunkt für die Aktion „Floating Dead“ des Künstlerkollektivs „Du. und. Ich.“ ist nicht zufällig gewählt. Der 23. Mai ist nicht nur ein Pfingstsonntag, sondern auch der Tag des Grundgesetzes. Die Künstler:innen beziehen sich mit der Kampagne auf den ersten Artikel des Gesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und „Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage (...)“, so steht es in dem offiziellen Statement der Gruppierung. Man wolle Deutschland „den Tod an den Grenzen Europas vor Augen führen.“

Die Aktivist:innen arbeiten anonym und sind zuvor nicht öffentlich in Erscheinung getreten. Man mache sich zur Aufgabe „uns alle mit der Realität an den Grenzen Europas zu konfrontieren - mitten in unserer Komfortzone“, sagt ein Unterstützer des Projektes dem Tagesspiegel. So sei ein „Wegsehen“ nicht weiter möglich.

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Auf der gegenüberliegenden Seite der Spree malte ein Künstler die Aktion:

Die Kunstaktion ist sogar gemalt worden - von der gegenüberliegenden Flussseite. Foto: Julius Geiler Vergrößern
Die Kunstaktion ist sogar gemalt worden - von der gegenüberliegenden Flussseite. © Julius Geiler

„Täglich sterben Menschen, ertrinken im Mittelmeer. Sie haben kein Gesicht, keine Stimmen, scheinen weit weg als Zahl in den Nachrichten“, sagt der Aktivist und fügt hinzu: „Wir wollen das ändern“. Eine politische Vereinnahmung der Aktion wird explizit abgelehnt.

Erst vergangene Woche waren mindestens 50 Menschen auf der Flucht nach Europa vor der tunesischen Küste ertrunken. Unterdessen kündigt das Künstlerkollektiv weitere Aktionen an. Der 23. Mai sei nur ein „Auftakt“ gewesen, bis zum Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen, am 20. Juni, werden weitere Projekte geplant.

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