Vierer-Besatzung: Christian, Anton, Lisa, Henrik auf der "Fred Wartenberg“. Foto: Boris Buchholz
© Boris Buchholz

„Das Wetter ist prädestiniert für Badeunfälle“ So arbeiten die Lebensretter der DRK-Wasserwacht

Boris Buchholz

Immer wieder verunglücken rund um Berlin Menschen beim Baden. Ein Besuch bei den Freiwilligen der DRK-Wasserwacht auf dem Wannsee.

Um 13.57 Uhr drückte Bootsführer Christian, 38, den Gashebel ganz nach vorn. Samstag, um die 30 Grad, die Sonne scheint aus dem fast wolkenlosen Himmel; es ist wenig Wind, in Böen bis zu drei Windstärken. Die Besatzung eines Motorboots hatte die Ehrenamtlichen der DRK-Wasserwacht informiert, dass irgendwo zwischen dem Breitehorn und dem Grunewaldturm Schwimmer in der von Schleppverbänden, Dampfern und Sportbooten frequentierten Fahrrinne unterwegs seien.

Unter Blaulicht und mit Höchstgeschwindigkeit raste das Bugklappenboot „Fred Wartenberg“ auf der Havel nach Norden, springt über die großen Heckwellen einiger massiger Motorjachten. Auf Höhe der Lieper Bucht begegnet den Wasserrettern das Boot der Wasserschutzpolizei, Wapo 20, auf Gegenkurs: „Habt ihr Schwimmer in der Fahrrinne gesehen?“

„Nee“, antwortet ein Beamter durch das Fenster des Polizeiboots gelehnt präzise und knapp. Christian schaltet das Blaulicht aus. Entspannung. Wenige Augenblicke später schaltet er das Funkellicht wieder an: 14.07 Uhr meldet die Leitstelle über Funk „Person im Wasser“ am Schlachtensee – jemand steht kurz vor dem Ertrinken.

Ein Kind wird vermisst, teilt Wachleiter Patrick mit, die Feuerwehr hat die Wasserretter von DRK und DLRG alarmiert. Jetzt heißt es schnell zurück zur Station am Strandbad Wannsee. Für Einsätze auf den Berliner Seen steht dort das Einsatzfahrzeug mit einem Boot auf den Trailer, ein Seitensonar steht bereit.

Während das sieben Meter lange Boot über die Havel rast, bespricht sich Christian mit dem Rest der vierköpfigen Besatzung. Lisa, 19, sie hat gerade Abitur gemacht, und Kinderkrankenpfleger Henrik sollen mit zum Schlachtensee, sie müssen sich im Einsatzauto umziehen. Anton allerdings muss in der Wasserrettungsstation bleiben: Er ist 15 Jahre alt. „Zu 'Person im Wasser' nehmen wir keine Minderjährigen mit“, erklärt Christian.

Fünf Minuten, die über Leben und Tod entscheiden können

Eigentlich braucht die Wasserwacht etwa zehn Minuten, um den Schlachtensee über Land zu erreichen. Weil die „Fred Wartenberg“ so weit nördlich unterwegs war, werden es wohl 15. Fünf Minuten mehr, die über Leben und Tod entscheiden können. Wie stehen die Chancen, das verunglückte Kind noch rechtzeitig zu finden?

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Die Besatzung ist still und konzentriert. Dann ein neuer Funkspruch der Leitstelle: Abbruch! Wachleiter Patrick hatte erst mit der DLRG den Transport der Rettungstaucher abgestimmt und sich dann wieder mit der Feuerwehr in Verbindung gesetzt. Dort hatten sich inzwischen die Eltern gemeldet, ihre Tochter sei gefunden worden, sie sei gar nicht im Wasser gewesen.

Das "wilde" Treiben am Freibad Wannsee ... Foto: Boris Buchholz Vergrößern
Das "wilde" Treiben am Freibad Wannsee ... © Boris Buchholz

Der Motor wird leiser, die Einsatzfahrt wird beendet, die Erleichterung an Bord ist spürbar. „Besser so“, meint Christian und gibt an die Leitstelle durch, dass die „Fred Wartenberg“ ihre routinemäßige Kontrollfahrt Richtung Pfaueninsel fortsetzen werde.

Weniger Einsatzkräfte wegen Corona-Auflagen

Fünf Einsatzboote hat das DRK am Wannsee liegen, insgesamt sind es an den drei Stationen Wannsee, Breitehorn und Alt-Gatow zehn. Von Freitag bis Sonntagabend haben eigentlich zwanzig Freiwillige in Wannsee Dienst; wegen Corona-Auflagen sind es am ersten Augustwochenende nur 14 Ehrenamtliche: Auf die vier 5,60 Meter langen Boote des Typs „Silverhawk“ mit 80 oder 90 PS dürfen wegen der Pandemie nur zwei Rettungsschwimmerinnen und -schwimmer; auf dem größeren Bugklappenboot sind bis zu vier Wasserretter erlaubt.

Berlin ist auf die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer von DRK, DLRG und Arbeiter-Samariter-Bund angewiesen. Sie erhalten pro Einsatztag für Fahrtkosten und Essen eine Aufwandsentschädigung von ungefähr zehn Euro. Die Feuerwachen seien in der Regel nicht mit Booten zur Wasserrettung ausgerüstet, erfahre ich beim Mittagessen um 15.30 Uhr, es gibt Chili con Carne mit Brötchen.

[Jetzt noch mehr wissen: Mit Tagesspiegel Plus können Sie viele weitere spannende Geschichten, Service- und Hintergrundberichte lesen. 30 Tage kostenlos ausprobieren: Hier erfahren Sie mehr und hier kommen Sie direkt zu allen Artikeln.]

Die Feuerwehr verfüge in Berlin über eine zentrale Rettungstauchergruppe, die in Charlottenburg stationiert sei. Doch fest steht: Wer auf dem Wasser in Not gerät, kann auf die Freizeit-Retter hoffen.

Ärztin Wanda vor dem Strandbad Wannsee. Foto: Boris Buchholz Vergrößern
Ärztin Wanda vor dem Strandbad Wannsee. © Boris Buchholz

Zum Beispiel auf Wanda, 27, und Janne, 18. Die Ärztin am Charité-Klinikum Rudolf-Virchow steuert das DRK-Boot „2“ durch den späten Nachmittag. Janne hat gerade Abitur gemacht, ab September fängt er eine Ausbildung bei der Bundespolizei an.

„Das Wetter ist prädestiniert für Badeunfälle“

Die beiden klären mich über die Abkürzungen im Funk auf: „GekS“ bedeutet „gekenterter Segler“, wird noch ein „groß“ hinzugefügt, müssen mehr Boote ausrücken um Mannschaft und Schiff zu bergen. „SaS“ steht für „Segler auf Sandbank“, das käme häufig vor, gerade im flachen Abschnitt zwischen Kälberwerder und Pfaueninsel. Und natürlich „PiW“, „Person im Wasser“. „Das ist die schwierigste Einsatzart“, ergänzt Wanda. Kaum Wind, Sonne, Hitze: „Das Wetter ist prädestiniert für Badeunfälle.“

Das Strandbad Wannsee. Foto: Boris Buchholz Vergrößern
Das Strandbad Wannsee. © Boris Buchholz

Apropos Baden: Vom Wasser aus wirkt das Strandbad Wannsee fast leer. Dadurch dass die Berliner Bäder-Betriebe für Nutzer zwei Zeitfenster eingerichtet haben und nur ein begrenztes Ticketkontingent verkauft, haben die Badenden Platz – und können die Corona-Abstandsregeln einhalten.

Badegäste halten sich nicht an Sicherheitsabstand

Ein paar hundert Meter weiter Richtung S-Bahnhof Nikolassee sieht das Strandgeschehen ganz anders aus: Am sogenannten Freibad Wannsee, einer wilden Badestelle, liegen, sitzen und schwimmen die Menschen dicht an dicht. „Das sind nicht durchgängig 1,50 Meter Abstand“, beobachtete Christian vor dem Mittagessen. Und Anton ergänzte: „Ist eben im Bogen gemessen.“

Auch auf dem Wasser werden Corona-Sicherheitsabstände nicht eingehalten. An einigen Stellen haben sich Besatzungen von Hausbooten, Flößen und Motorbooten zu kleinen Dörfern zusammengebunden. Es wird gegrillt, Musik gehört – gar nicht so laut.

Masken sind über Badehosen und Bikini keine zu sehen, der Abstand zu Nebenmann und Nebenfrau scheint egal zu sein. Die Wasserretter beobachten das, schütteln den Kopf – aber ihre Sache ist es nicht, die Corona-Regeln durchzusetzen.

Kaum Lärm durch Partyboote

Gleiches gilt für etwaige Lärmbelästigung: Wenn die Bässe von den Partybooten zu laut über das Wasser schallen oder Speedboote zu schnell über die Havel flitzen, müsste die Wasserschutzpolizei eingreifen, nicht die Wasserwacht. Allerdings: An diesem Samstag ist es auf Wannsee und Unterhavel recht ruhig – weder Technomusik noch aufröhrende Jetski fallen unangenehm auf.

„Menschenrettung, dafür machen wir den Job“, sagt Wanda, „die Freundschaft ist das, warum man bleibt“. Die Crew der 13 DRK-Freiwilligen – von 15 bis 69 Jahren reicht die Altersspanne an diesem Tag – ist eine eingeschworene Gruppe. „Man muss sich aufeinander verlassen können“, erläutert Janne.

Wachleiter Patrick in der Leitstelle des DRK am Wannsee. Foto: Boris Buchholz Vergrößern
Wachleiter Patrick in der Leitstelle des DRK am Wannsee. © Boris Buchholz

Man kennt sich, manche haben durch die Wasserwacht ihren Partner oder ihre Partnerin kennengelernt. „Es ist einfach, wenn der Lebenspartner das gleiche Hobby teilt“, berichtet Aaron, 22, aus dem Liebesleben. Er und Maxie, 22, haben sich bei der Wasserwacht kennen- und lieben gelernt. „Nur so geht es“, weiß Wanda.

[Drinnen, draußen und drumherum: Der Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint liefert täglich Ideen, um Berlin neu zu entdecken. Kompakt und kostenlos: checkpoint.tagesspiegel.de]

Etwa ein Drittel der Freiwilligen seien Frauen, klärt mich Christian auf. Er ist neben seinem Wochenendjob als Wasserretter und seinem Werktagsjob als Rechtsanwalt auch noch Präsident des DRK-Kreisverbands Berlin-Nordost. Sein Kreisverband betreibt die Wasserrettungsstation am Wannsee.

Freiwillige kommen aus der ganzen Stadt zusammen

Denn – machen Sie sich keine Illusionen – am Wannsee rettet Sie nur in Ausnahmefällen ein Steglitz-Zehlendorfer. Die DRK-Helfer reisen jedes Wochenende aus Marzahn-Hellersdorf, Wedding, Prenzlauer Berg und Charlottenburg an. Bei der DLRG ist die Retterei ähnlich strukturiert: An den DLRG-Stationen Heckeshorn, Freibad Wannsee und Kleiner Wannsee helfen Ihnen Freiwillige aus Neukölln aus dem Wasser.

Samstag, 19 Uhr: Der Einsatztag ist für das DRK-Team zu Ende. Es gab keinen größeren Einsatz; das dreiköpfige Tauchteam hat am Breitenhorn nach einem abgerissenen Bojengewicht gesucht – das schwere Betonobjekt wurde gefunden, eine neue Boje installiert. "Es ist wirklich ein sehr ruhiger Tag, fasst Janne die letzten Stunden zusammen.

Zur Startseite