Besonders für Grundschulkinder gibt es in Berlin immer weniger ausgebildete Lehrer. Foto: Stephanie Pilick/dpa
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Das Schuljahr 2018/19 in Berlin So schlimm ist der Lehrermangel wirklich

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Quereinsteiger und kein Ende: Die Senatorin gab die Eckdaten zur Personalversorgung bekannt. Fragen und Antworten zum neuen Schuljahr.

Berlins Grundschulen können zum neuen Schuljahr nur jede siebte offene Stelle mit ausgebildeten Grundschullehrern besetzen. Das teilte Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) anlässlich des Ausblicks auf das neue Schuljahr am Donnerstag mit. Demnach wurden 1240 Kräfte eingestellt, darunter aber nur 180, die für die Alphabetisierung und Mathematisierung ausgebildet sind - also Primarlehrer. Dazu gehören rund 150 Grundschullehrer und knapp 30 ehemalige DDR-Lehrer für untere Klassen. 880 Quereinsteiger und Lehrer ohne volle Lehrbefähigung (LovLs) müssen die Lücken füllen. Die Lage an den Grundschulen ist besonders prekär, weil Berlins Universitäten jahrelang kaum Studienplätze für Grundschullehrer angeboten haben, sondern Tausende Bewerber abwiesen. Dieser Mangel hat sich in diesem Jahr wegen der steigenden Schülerzahlen nochmal verschärft. CDU-Fraktionschef Burkard Dregger forderte am Donnerstag den Rücktritt der Senatorin.

Warum demonstriert die Sonnen-Grundschule?

Exemplarisch ist die Lage der Neuköllner Sonnen-Grundschule, die bereits im Frühjahr einen Brandbrief schrieb und laut GEW an diesem Freitag um 12 Uhr vor der Bildungsverwaltung demonstrieren will, weil jetzt „keine einzige Lehrkraft mit voller Lehrbefähigung“ eingestellt werden konnte. Der Anteil der Quereinsteiger liege somit bei etwa 50 Prozent. Scheeres musste am Donnertag vor allem Fragen zur Personalausstattung beantworten, nachdem am Mittwoch bekannt geworden war, dass Berlin noch mehr unqualifizierte Kräfte als in den Vorjahren einstellen muss.

Wie ist die Lage an den anderen Schulformen?

Im Schnitt liegt der Anteil der ausgebildeten Lehrern unter den 2700 neu eingestellten Berliner Lehrern bei 37 Prozent. Allerdings unterscheidet sich die Lage je nach Schulform. Am besten stehen noch die Gymnasien da. Sie haben nach Angaben der Bildungsverwaltung 30 Prozent Quereinsteiger und LovLs. An den Sekundarschulen sind es 57 Prozent, an den Sonderschulen 60 und an den beruflichen und zentral verwalteten Schulen sogar 70 Prozent und damit ähnlich viel wie an den Grundschulen.

So verteilen sich die neu eingestellten Lehrergruppen auf die einzelnen Schulformen. Die Zahlen zu den Grundschulen finden sich im Text. Tabelle: Senatsverwaltung für Bildung
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Warum steigt der Lehrerbedarf?

Seit fünf Jahren verzeichnet Berlin steigende Schülerzahlen. Für die allgemeinbildenden Schulen bedeutet dies, dass 40000 Schüler mehr als noch 2013 zu versorgen sind. Allein zwischen 2017 und 2018 kamen rund 8000 Schüler hinzu. Zudem steigt der Lehrerbedarf, weil die Schülerschaft schwieriger wird. Der Anteil der Kinder mit Sprachproblemen steigt kontinuierlich, weil immer weniger Schüler zu Hause Deutsch sprechen. Ihr Anteil sank von 75 Prozent im Jahr 2005 auf rund 60 Prozent im vergangenen Schuljahr. Um die Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache (ndH), wie sie offiziell genannt werden, besser fördern zu können, bekommen die Schulen mit einem ndH-Anteil ab 40 Prozent zusätzliche Lehrkräfte. Zudem steigt der Bedarf an Sonderpädagogen, da mehr Kinder mit Behinderungen geboren werden und mehr Kinder sozial auffällig sind.

Wie reagierte die Politik?

Seit der Wende hatte der Geburtenrückgang dazu geführt, dass Berlins Schülerzahl um mehr als ein Viertel sank – von rund 400000 auf unter 300000. Daher vernachlässigte der Senat die Lehrerbildung und steuerte nicht sofort gegen, als wieder mehr Kinder geboren wurden und zuwanderten und als gleichzeitig die – erwartbare – Pensionierungswelle der Babyboomer-Jahrgänge einsetzte. Erst seit 2016 wurden die Ausbildungskapazitäten drastisch erhöht.

Wie viele Lehrer braucht Berlin aktuell?

Berlin muss zum neuen Schuljahr rund 2400 Stellen besetzen. Da viele Lehrer in Teilzeit arbeiten, berufsbegleitend studieren oder ein Referendariat absolvieren, mussten insgesamt 2700 Kräfte eingestellt werden. Da sich nicht genügend ausgebildete Lehrer beworben haben, musste die Senatsverwaltung für Bildung auch zu Quereinsteigern und Lehrern ohne volle Lehrbefähigung („LovLs“) greifen. In Zahlen ausgedrückt: Unter den 2700 eingestellten Kräften sind nur 1000 gelernte Lehrer, aber 740 Quereinsteiger und 915 LovLs.

Wie sind Quereinsteiger qualifiziert?

Unter „Quer- oder Seiteneinsteigern“ versteht jedes Bundesland etwas anderes. In Berlin sind Quereinsteiger so definiert, dass sie zwar nicht auf Lehramt, aber mindestens ein Fach bis zum Masterabschluss studiert haben, das in der Berliner Schule unterrichtet wird. Dabei kann es sich etwa um einen Germanisten handeln, der als Zweitfach Bibliothekswissenschaften studiert hat. Er müsste jetzt ein zweites Schulfach nachstudieren und anschließend ein Referendariat absolvieren. Anschließend würde er bezahlt wie jemand, der von Anfang an auf Lehramt studiert und somit auch bereits im Studium erziehungswissenschaftliche Seminare belegt hat.

Was sind LovLs?

Unter „Lehrern ohne volle Lehrbefähigung“ versteht man in Berlin Lehrer, die kein Fach der Berliner Schule studiert haben, sondern ein Fach wie Betriebswirtschaft oder Elektrotechnik. Sie werden bereits seit Jahrzehnten in den Berufsschulen als „LovL“ beschäftigt. Seitdem Berlins Schulen keine festen Vertretungsreserven mehr haben – eine Folge der Sparjahre –, können Schulleiter diese LovLs als Vertretungslehrer beschäftigen. Darunter sind auch Kräfte, die keinen Master, sondern nur einen Bachelor abgelegt haben. Als „Lovls“ werden neuerdings aber auch die Kräfte bezeichnet, die bislang die Willkommensklassen geleitet haben. Sie müssen ebenfalls kein Fach der Berliner Schule belegt haben, sondern nur Fortbildungen in „Deutsch als Zweitsprache“ oder „Deutsch als Fremdsprache“. Auch Studenten, die parallel zum Masterstudium fest unterrichten, werden inzwischen als „LovLs“ bezeichnet.

Was verdienen Quereinsteiger und LovLs?

Zwischen der Bezahlung von LovL und Quereinsteigern gibt es erst einmal keinen Unterschied. Quereinsteiger werden erst dann so bezahlt wie voll ausgebildete Lehrer, wenn sie das Staatsexamen und das Referendariat bestanden haben. Die Besoldung von Quereinsteigern und LovLs hängt laut GEW von den individuellen Voraussetzungen wie der Berufserfahrung ab. Die niedrigste Stufe wäre die E 9, die mit monatlich 2750 Euro einhergeht. Höchstens kann die E12 mit 4500 Euro erreicht werden.

Kann die Stundentafel abgedeckt werden?

Berlin hat einen großen Puffer bei der Lehrerversorgung. Laut Scheeres liegt der bei rund 40 Prozent im Berliner Schnitt. Mit anderen Worten: Berlin hat etwa 40 Prozent mehr Lehrer an Bord als rein rechnerisch für die Abdeckung der Stundentafel gebraucht würden. Diese 40 Prozent dienen dazu, die besondere Förderung von Kindern im sozialen Brennpunkt, mit Defiziten im Deutschen oder mit Behinderungen sicherzustellen. Dies bedeutet, dass Schulen, die kaum Förderkinder haben, nur genau so viele Lehrer haben wie sie brauchen, um den reinen Unterricht, also die Stundentafel, abzusichern. Das wären dann 100 Prozent. Eine Brennpunktschule hingegen kann auf dem Papier beispielsweise eine 160-prozentige Ausstattung haben. In der Praxis ist es aber so, dass über zehn Prozent der Stundentafel wegen Krankheit, Mutterschutz, Klassenfahrten oder Fortbildungen etc vertreten werden müssen. Darum schrumpft der Puffer.

Sind die Lehrer gleichmäßig verteilt?

Da Lehrer viele Freiheiten haben bei der Wahl ihres Arbeitsortes, gibt es in den Brennpunkten regelmäßig überproportional viele unqualifizierte Lehrer. Die SPD-Fraktion fordert von ihrer Senatorin eine bessere Verteilung der Quereinsteiger und LovLs. Allerdings gibt es die Befürchtung, dass dann die gelernten Lehrer, die in den Brennpunkt geschickt werden sollen, nach Brandenburg abwandern: Das Nachbarland lockt Lehrer nicht nur mit Verbeamtung, sondern auch mit der Zusage, im Speckgürtel – also nahe an Berlin – eingesetzt zu werden.

Wo gibt es die größten Probleme?

Da Berlins Universitäten jahrelang kaum Studienplätze für Grundschullehrer vorgehalten haben, sondern Tausende Bewerber abwiesen, gibt es kaum Nachwuchs im Primarbereich. Diese Entwicklung hat schon vor 2016 eingesetzt, hat sich in diesem Jahr aber noch mal verschärft, zumal allein die Zahl der Erstklässler um 1600 auf 33900 abermals steigt. In der Folge können Berlins Grundschulen zum neuen Schuljahr nur jede siebte offene Stelle mit ausgebildeten Primarlehrern besetzten: Es wurden 1240 Kräfte eingestellt, darunter aber nur 180, die für die Alphabetisierung und Mathematisierung ausgebildet sind – das sind rund 150 Grundschullehrer und knapp 30 ehemalige DDR-Lehrer für untere Klassen. 880 Quereinsteiger und LovLs müssen die Lücken füllen.

Wer füllt die Lücken?

Da noch die Quereinsteiger und LovLS nicht reichen, um alle Stellen zu besetzen, wurde den Schulen erlaubt, die Personalmittel, die ihnen theoretisch zustehen, umzuwidmen: Sie können in Höhe der entsprechenden Besoldung Verwaltungskräfte, Ergo- oder Musiktherapeuten oder sogenannte Pädagogische Unterrichtshilfen einstellen – auch wenn diese Kräfte nicht gelernt haben, Schüler zu unterrichten. Manche Schulen machen von diesem Angebot Gebrauch, andere weigern sich aber, sich darauf einzulassen, und fordern, dass ihre offenen Lehrerstellen besetzt werden.

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