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Viele Menschen sorgen sich vor Einsamkeit, wenn sie Weihnachten allein verbringen. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Das hilft gegen die Einsamkeit an den Feiertagen „Tanzen bei Tageslicht und ein Weihnachtslieder-Flashmob am Fenster“

Viele Menschen in Berlin werden Weihnachten alleine sein. Der Psychiater Jan Kalbitzer gibt Tipps, wie sich Menschen, die einsam sind, besser fühlen können.

Herr Kalbitzer, es heißt ja immer, dass in Berlin so viele Menschen einsam sind. Sie sind seit vielen Jahren als Psychiater in Berlin tätig. Haben Sie persönlich auch den Eindruck – und wenn ja, woran liegt das?
Der Arzt und Autor Jakob Simmank hat den Begriff der Partyeinsamkeit geprägt. Dabei fängt man an, sich unter Menschen einsam zu fühlen. Ich habe den Eindruck, dass besonders diese Form von Einsamkeit in Berlin sehr verbreitet ist und dass Menschen sagen, ich fühle mich fremd, weil es mir schwer fällt, mit meinen Erfahrungen und Bedürfnissen in Gruppen anzukommen.

Insgesamt ist Berlin aber natürlich auch eine super Stadt gegen Einsamkeit, weil es hier so viele Strukturen des sozialen Miteinanders gibt, die jetzt aber alle wegfallen. Besonders jetzt zur Weihnachtszeit ist es etwa für junge Menschen hart, die nicht zu ihren Eltern fahren können, dass ausgerechnet die ganzen Partys wegfallen, wo sie sich sonst gut aufgehoben gefühlt hätten.

Was empfehlen Sie diesen Leuten? 
Bildet Banden, sage ich immer – Kohorte oder wie man es nennen mag. Eine kleine Gruppe, mit der man gemeinsam durch die Weihnachtszeit kommt. Das können ein oder zwei gute Freunde sein, mit denen man sich regelmäßig trifft, oder auch eine andere Familie. Wichtig ist, dass man gut zueinander passt und alle ähnliche Vorstellungen zum Schutz vor Corona haben.

Trotz strenger Kontaktbeschränkungen dürfen sich an Weihnachten ziemlich viele Menschen aus verschiedenen Haushalten treffen. Wie zufrieden sind Sie als Psychiater mit dieser Regel?
Ich finde die Regeln sehr chaotisch und unübersichtlich, aber die Politik hat es auch schwer, bei einer so lebendigen Stadt wie Berlin die passenden Regeln aufzustellen. So wie es jetzt geregelt ist, können sich die Menschen über die Feiertage mit zig verschiedenen Menschen und Haushalten treffen. Aus infektiologischer Sicht sind die Leute aber besser geschützt, wenn sie ihre Treffen immer auf die gleichen Personen beschränken.

Nochmal: Bildet kleine und beständige Gruppen. Das bietet auch einen besseren psychischen Schutz. Man muss einander vertrauen können. Sonst kommt die alleinwohnende Tante womöglich nicht zum Weihnachtsfest, weil sie sich nicht sicher sein kann, mit welchen Personen sich ihre Verwandten sonst noch getroffen haben. Aber das so zu regeln, kann man nicht alleine der Politik überlassen.

Jan Kalbitzer ist Psychiater an der Oberberg-Klinik Berlin. Foto: promo Vergrößern
Jan Kalbitzer ist Psychiater an der Oberberg-Klinik Berlin. © promo

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Warum leiden Menschen insbesondere in dieser Zeit unter der Einsamkeit?
An den Weihnachtstagen gibt es sehr viele soziale Erwartungen und vorgeschriebene Rollenbilder. Die Leute leiden unter ihren eigenen Vorstellungen, weil sie meinen, alles müsste ganz nah und sozial sein. Da ist es wichtig, sich klar zu machen, dass man nur das tun muss, was einem als Einzelperson besonders gut tut.

Man darf den sozialen Erwartungen nicht zu viel Raum geben. Hinzu kommt die Dunkelheit im Dezember. Tageslicht hat einen erheblichen Einfluss darauf, wie man sich fühlt. Wenn man nicht genug davon abkriegt, kann das Menschen gereizter oder auch zwanghafter machen. Das Beste dagegen sind Spaziergänge solange es hell draußen hell ist. Das verändert die Hormonsituation in unserem Gehirn und lässt uns offener und entspannter werden.

Wenn einem die Erinnerung an Weihnachten traurig machen kann, wäre es dann für manche nicht besser, das ganze Geschehen auszublenden? Oder sollte man trotzdem alles schmücken, sich schön feierlich anziehen und sich auch alleine ein Festessen zubereiten – selbst wenn man ganz alleine zu Hause ist? 
Rituale geben Struktur und können sich sehr gut anfühlen, weil sie eine positive Beschäftigung sind. Wenn man sich zum Beispiel Kerzen anmacht und sich etwas kocht ist das eine ganz tolle Sache. Den Weihnachtsschmuck kann man auch abfotografieren und in sozialen Netzwerken posten. Deshalb wird es in diesem Jahr ganz besonders wichtig sein, auf die Fotos der anderen zu reagieren und dies nicht als Angeberei abzutun, sondern es als Kontaktaufnahme zu verstehen.

Wichtig ist aber auch, dass man durch Rituale die Einsamkeit nicht vergrößert. Wenn der Weihnachtsbaum einen daran erinnert, dass man eigentlich eine Familie haben sollte, dann lässt man ihn eben weg und ersetzt ihn durch etwas anderes, das weniger aufgeladen ist.

Was könnte das sein?
Ich finde, in der Weihnachtszeit sollte man auf sein Genussempfinden achten. Diese Zeit ist so geprägt durch Verzicht, da ist es schön, wenn man regelmäßig neue Sachen ausprobiert und seine Sinne schärft. Sich selbst mit gutem Essen bekocht oder sich mal genüsslich eine Tasse Tee und ein paar Zimtsterne bei Kerzenschein gönnt. Das hat nichts mit Völlerei zu tun. Ich finde es aber auch genauso wichtig, sich an Weihnachten viel zu bewegen. Am besten geht man mit anderen Menschen gemeinsam spazieren.

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Was hilft sonst noch?  
Genießen kann man natürlich auch Kultur. Und wer nicht gerne rausgeht, weil er sich wegen Corona unwohl fühlt, kann auch am Fenster bei Tageslicht etwas tanzen. Tanzen ist eine wunderbare Art der Bewegung, weil man sich dabei seinem Gefühlszustand anpassen kann. Auch Singen oder Musizieren macht glücklich. Mein Vorschlag ist ein Weihnachtslieder-Flashmob. Man verabredet sich mit seinen Nachbarn und singt am Fenster gemeinsam Weihnachtslieder. Dafür brauchen allerdings alle den gleichen Text.

Wie kann man langfristig gegen Einsamkeit vorgehen?
Wer Einsamkeit überwinden will, muss gucken, was sind die Ursachen dafür? Das kann mit Ausschluss und Stigmatisierung zu tun haben, aber auch mit Selbstunsicherheit. Manche Leute haben auch das Gefühl, dass sie es verlernt haben unter Leute zu gehen und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen.

Das kann zu Stress führen und eine Belastung werden. Soziale Interaktion erfordert auch immer etwas Übung. Dazu muss man für sich selbst klären: Was sind meine Bedürfnisse und habe ich vielleicht falsche Ansprüche daran, wie mich andere Menschen sehen? Im Prinzip reichen wenige Freunde, bei denen man sich so verhalten kann, wie man ist.

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