Eine Mitarbeiterin der Charite bei einem Coronavirus-Test Foto: REUTERS
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Coronavirus breitet sich aus Wie Berlin mit der Infektionsgefahr umgeht

Corona breitet sich in Europa und Deutschland aus. Welche Maßnahmen werden in Berlin ergriffen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rechnet hierzulande mit einer Ausbreitung des Coronavirus. „Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland“, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in Berlin. „Die Infektionsketten sind teilweise - und das ist eine neue Qualität - nicht nachzuvollziehen.“ Welche Folgen hat das für Berlin?

Wer entscheidet über die Absage von Veranstaltungen, Absperrungen oder Verkehrsbeschränkungen?

Der Amtsarzt, dem in jedem Bezirk und jeder Kommune weitere Mediziner unterstehen. Diese Ärzte in den Gesundheitsämtern sind weitgehend unabhängig, formal aber den Landesregierungen nachgeordnet. Über den Katastrophenfall würde letztlich die Bundesregierung entscheiden: Sie könnte Anordnungen von Amtsärzten aufheben oder verschärfen.

Im Infektionsschutzgesetz ist seit Januar auch das Coronavirus gelistet. Stellen Ärzte diese Krankheit bei einem Patienten fest, müssen sie innerhalb von 24 Stunden das Gesundheitsamt informieren. Von dort muss spätestens am folgenden Arbeitstag das Robert-Koch-Institut (RKI) informiert werden, das wiederum die Bundesregierung, die EU-Kommission und die WHO unterrichtet. Die Bundesregierung betont, man sei weit davon entfernt, Orte abzuriegeln.

Wie ist Berlin vorbereitet?

Alle Akteure im Gesundheitswesen sagen unisono: gut! Allerdings bestreitet intern kaum jemand, dass es in einem Pandemiefall mit Tausenden neuen Fällen in den Kliniken eng würde: Die Notfallkrankenhäuser verfügen über Isolierstationen, die Ärztedichte in Berlin ist so gut wie in kaum einem anderen Bundesland. Allerdings sind in den Gesundheitsämtern nicht alle Stellen besetzt – den Amtsärzten könnte also das Personal fehlen. Gerade das Identifizieren von Kontaktpersonen Erkrankter ist Aufgabe der Gesundheitsämter.

Nach einem Einsatz der Berliner Polizei am Mittwoch wegen Corona-Verdacht am Standort des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Wilmersdorf rumort es unter den Polizisten. Obwohl sich der Corona-Verdacht bei einem aus Italien nach Deutschland gekommenen Flüchtling nicht bestätigt hat, lehnen Polizisten nun Vernehmungen von BAMF-Klienten ab, hat der Tagesspiegel erfahren. Die Angst, sich zu infizieren, ist groß. Nicht alle Einsatzkräfte verfügten über die persönliche Schutzausrüstung (PSA) mit Masken (FFP3), Nitril-Handschuhen, Händedesinfektionsmittel und Augenschutz, sagt GdP-Landeschef Norbert Cioma.

Was beobachten Handel und Apotheken?

In einem Supermarkt in Berlin-Prenzlauer Berg gab es am Dienstagabend deutliche Lücken im Angebot an Tiefkühlkost. In einer Filiale derselben Kette in Marzahn fehlten Dosenmahlzeiten, die sonst zum Standard gehören. Und wer am Mittwoch Desinfektionsmittel in einer Drogerie in der Mall am Leipziger Platz kaufen wollte, blickte auch auf leere Regalfächer.

Sind das erste Anzeichen von Hamsterkäufen? „Dafür gibt es überhaupt keine Hinweise“, sagt Nils Busch-Petersen, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes für Berlin und Brandenburg. Die Versorgung sei gesichert: „Frische Lebensmittel kommen ja nicht aus China, sondern größtenteils aus der Region oder anderen Teilen Deutschlands. Waren aus China wie Textilien oder Autos kommen mit Schiffen, da merkt man die Auswirkungen erst zeitversetzt.“

In den Apotheken wird die Nervosität vieler Menschen registriert – so sind Schutzmasken oft ausverkauft: „Jeder dritte Kunde fragt danach“, sagt die Mitarbeiterin einer Apotheke im Einkaufszentrum Wilmersdorfer Arcaden. Eine neue Lieferung sei nicht in Sicht, auch in Baumärkten gebe es kaum noch welche.

In einer Apotheke in Kreuzberg wurde bereits ein Schild aufgestellt: „Es gibt keine Atemmasken mehr“ – in einer anderen: „Atemmasken wieder lieferbar!“ Aber Obacht: Einfache Papiermasken schützen kaum.

Engpässe bei einigen Medikamenten gebe es, aber das sei leider auch schon vor dem Ausbruch des Coronavirus der Fall gewesen, sagt der Sprecher des Berliner Apotheker-Vereins, Stefan Schmidt: „Von einer besonderen Dramatik würde ich nicht sprechen.“

Bestimmte Mittel wie Grippostad, Ibuprofen oder Paracetamol seien stärker als sonst nachgefragt – und sämtliche Desinfektionsmittel. Die sind auch wirksamer als Gesichtsmasken.

Im Berlin-Tourismus zeigen die aktuellen Zahlen keine Rückgänge.

Wie reagiert der öffentliche Nahverkehr? 

„Zunächst ist das ja keine völlig neue Situation: Unsere U-Bahn-, Tram- und Busfahrer haben es ja jeden Winter mit mindestens einer großen Grippewelle zu tun“, sagt BVG-Sprecherin Petra Nelken. Deshalb erhalten sie Schutzimpfungen und Desinfektionsmittel.

Maßnahmen wie die ständige Desinfektion von Haltegriffen hält die BVG für unrealistisch – nach drei Stationen seien die wieder von Viren befallen. Dass der öffentliche Nahverkehr gänzlich zum Erliegen kommt, hält Nelken für unrealistisch: „Dann kommen im Zweifel auch Krankenschwestern und Ärzte nicht zu ihren Patienten.“ Entscheiden würde darüber letztlich der Senat. Ähnliches gilt für die Bahnen und auch für Flugreisen.

Wie reagieren die Großveranstaltungen?

Auch auf der Berlinale ist das Coronavirus in vielen Gesprächen präsent, vereinzelte Besuche tragen auch Schutzmasken. Auf allen Toiletten der teilnehmenden Kinos hängen inzwischen Desinfektionsseife und große Zettel mit den „10 wichtigsten Hygienetipps“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – Hände waschen, Hände aus dem Gesicht, richtig husten und niesen, Abstand halten, Wunden schützen, auch zu Hause bei Lebensmitteln, Geschirr und Wäsche auf Hygiene achten, regelmäßig lüften.

Bei der Messe Berlin kommen gleich mehrere Zehntausend Besucher in den Hallen unterm Funkturm persönlich in Kontakt. Am Dienstag soll die Internationale Tourismus-Börse eröffnet werden, die größte Reisemesse der Welt.

Abgesagt haben nur wenige der über 10.000 Aussteller, darunter sechs aus China. Der chinesische Pavillon wird vor allem von Personal aus Deutschland und Europa betreut. Der Umgang mit dem Virus „wird natürlich Thema bei uns im Konferenzprogramm sein“, kündigt Messesprecherin Britta Wolters an.

Als Vorsichtsmaßnahmen wurden mehr Reinigungen der Sanitäranlagen und von Flächen wie etwa Handläufen und Tastern an Türen und Treppen bestellt. „Wir stehen natürlich auch in engem Kontakt mit der für uns zuständigen Amtsärztin von Charlottenburg-Wilmersdorf“, sagt Wolters.

Die hat zur Auflage gemacht, dass alle Aussteller für ihre Mitarbeiter versichern, dass sie kein Risiko darstellen. Theoretisch könnte die Amtsärztin den Messebetrieb jederzeit stilllegen.

Können Arbeitnehmer zu Hause bleiben, wenn sie Angst haben, sich anzustecken?

Wer befürchtet, das Virus in sich zu tragen, weil er in einer betroffenen Regionen war, Kontakt mit einem infizierten Menschen hatte und erste Symptome zeigt, sollte auf jeden Fall zu Hause bleiben, sich krankmelden und untersuchen lassen. Das ist im Prinzip nicht anders als bei einer normalen Grippe.

Wer dagegen aus einer generellen Angst vor Ansteckung nicht an den Arbeitsplatz möchte, kann versuchen, Homeoffice zu machen. In vielen Unternehmen ist das nach Rücksprache möglich. Wo Homeoffice nicht möglich ist, etwa im Einzelhandel, muss man zur Arbeit erscheinen – oder Urlaub nehmen. Anders könnte das sein, wenn es im Betrieb bereits Infektionen gibt und die abstrakte Gefahr konkret wird. Auch ein Recht auf Fernbleiben wegen Störung des ÖPNV oder wegen fehlender Kinderbetreuung gibt es nicht.

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Wie geht man mit der Angst um?

Die Angst vor Infektionen sei tief in unserem Hirn und im Immunsystem verankert, sagt die Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité, Isabella Heuser: „Daran sind die Menschen früher massenweise gestorben – egal, ob sie von Viren oder Bakterien ausgelöst wurden.

Man denke nur an die Pest oder die Spanische Grippe.“ In der Neuzeit lösten auch HIV oder Ebola uralte archaische Ängste aus. Deshalb sei Information „so sachlich wie möglich“ wichtig. Besonders alten Menschen und Kindern müsse man Ängste nehmen, da sie sich „schneller hilflos fühlen“, sagt Heuser.

Hilft der nahende Frühling gegen Corona?

Das saisonale Verhalten des Virus ist noch unbekannt. Es gibt aber Grund zur Annahme, dass wärmere Temperaturen einen entlastenden Effekt haben könnten, wenn sich Menschen weniger eng beieinander in nicht oder schlecht belüfteten Räumen aufhalten – so könnte es seltenerer zu Übertragungen kommen. Und: Ausgehustete oder -genieste Minitröpfchen sinken aus physikalischen Gründen in wärmerer, feuchter Sommerluft schneller zu Boden und werden weniger eingeatmet.

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