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Statt für den Club stehen Wartende im Kitkat nun für einen Corona-Test an.  Foto: AFP
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Corona-Schnelltests in Berlin Heilsbringer, Trugschluss oder vor allem Geschäftsmodell?

In der Galerie, im Club, im Hinterhof: Überall in der Stadt entstehen Corona-Schnelltestzentren. Doch für wen ist so eine Untersuchung sinnvoll und wie sicher sind die Ergebnisse?

Das dünne, lange Wattestäbchen wandert in den Nasengang und wird dabei von einer Jazztrompete begleitet. Sie tönt aus den Boxen durch den sieben Meter hohen Raum, in dessen Mitte ein Regalturm mit Pflanzen steht. Metallrohre, Holzverkleidungen und eine gläserne Decke – es könnte sich um ein hippes Café handeln oder einen Co-Working-Space.

Doch der Tupfer muss etwa fünf Zentimeter in die Nase, bis zum Rachen, um genug Viren zu erwischen. Das ist unangenehm, darüber kann auch die Musik nicht hinweghelfen. Denn das hier ist kein Szenetreff, sondern ein Covid-19-Testzentrum.

Seit Anfang November bietet die Kdp Biomed GmbH am Moritzplatz Schnelltests an. Zum Preis von 49,90 Euro können sich Selbstzahler auf das Virus untersuchen lassen. Der Termin wird online gebucht und sofort bezahlt. Das geht überraschend einfach mit ein paar Klicks, Termine sind fast immer für den Folgetag zu haben. Auch direkt vor Weihnachten, selbst für Heiligabend, sind noch Zeitfenster frei.

Ärztlicher Leiter ist der Allgemeinmediziner Dietmar Peikert, der eine Privatpraxis am Ku’damm führt. Vor Ort nehmen Medizinstudenten und Rettungssanitäter die Abstriche ab. Nach 20 Minuten können Patienten das Ergebnis mit einem Barcode online abrufen. Ein Angebot, unkompliziert und schnell, das Reiserückkehrer anspricht oder Menschen, die zu Weihnachten guten Gewissens ihre Verwandten besuchen wollen – und sich den Test leisten können.

Viel Licht und hohe Decken: das Schnelltestzentrum am Moritzplatz. Silvia Vergrößern
Viel Licht und hohe Decken: das Schnelltestzentrum am Moritzplatz. © Silvia

Seit ein paar Wochen entstehen in Berlin immer mehr private Schnelltestangebote. Während niedergelassene Ärzte nur Menschen mit Symptomen oder direkte Kontaktpersonen von Infizierten untersuchen und die raren Termine in etablierten Teststellen oft nur an Bewohner bestimmter Bezirke vergeben werden, stehen die Privatangebote allen offen.

Gesundheitsämter und Arztpraxen werden entlastet

Sie entlasten überforderte Praxen, Labore und Gesundheitsämter, einerseits. Auch liefern sie deutlich schneller Ergebnisse als die PCR-Methode, auf deren Resultate Getestete in der Regel mindestens 24 Stunden warten. Anderseits sind Schnelltests weniger zuverlässig als das PCR-Verfahren, auf dessen Basis etwa die täglichen Neuinfektionszahlen beruhen.

Sie vermitteln eine Gewissheit, die trügerisch sein kann. Einerseits, weil das Testergebnis nur einen Momentaufnahme ist: Wer heute ein negatives Ergebnis bekommt, kann morgen schon ansteckend sein. Und der Wildwuchs der Angebote in Berlin ist groß.

Schnelltestzentren eröffneten in den vergangenen Wochen am Moritzplatz, in der Kunstgalerie „DNA“ in Mitte und auf dem Gelände einer Baustofffirma in Lichterfelde, wo das Corona Testzentrum Süd nur am Wochenende Proben abnimmt.

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Seit Donnerstag gibt es zudem im Kitkat-Club die Möglichkeit, sich untersuchen zu lassen. Am Freitag kam im Wriezener Karree in Friedrichshain „Mein Corona Schnelltest“ hinzu, der Ableger eines Kölner Mediziners, der bereits in anderen Städten Zentren betreibt.

Corona-Tests auf Ebay?

Doch auch in Privatwohnungen, Vorgärten und per Hausbesuch werden Abstriche genommen. Ein Zehlendorfer Internist bietet auf Ebay Tests auf der heimischen Couch an, in Frohnau untersucht ein Arzt Testwillige zwischen den Blumenbeeten. Die Preise für die Angebote variieren stark: von 24,90 Euro im Kitkat-Club bis zu 83 Euro im Testzentrum Süd. Für Berliner ist es immer schwieriger, die Testmöglichkeiten zu überblicken – und unseriöse Angebote zu erkennen.

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin will die immer mehr neuen Angebote nicht kommentieren. Auch die Senatsverwaltung für Gesundheit gibt auf Anfrage keine Stellungnahme zu privaten Schnelltestzentren ab. Nur so viel: „Die aktuelle Rechtsfassung ist, dass die Testung durch examiniertes medizinisches Personal mit mindestens dreijähriger Ausbildung vorgenommen werden muss“, heißt es aus der Pressestelle.

Testperson und Mitarbeiter begegnen sich durch ein Fenster. Silvia Perdoni Vergrößern
Testperson und Mitarbeiter begegnen sich durch ein Fenster. © Silvia Perdoni

Deutschlandweit hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) diese Vorgabe jüngst für Lehrerinnen und Erzieher aufgeweicht. Sie können seit Freitag eigenständig Schnelltests beziehen. Die „City Praxen“ in Mitte umgehen die Vorgabe auch für Privatleute, in dem sie Testkits zu ihnen nach Hause senden und sich im Anschluss das Ergebnis des Eigenabstrichs per Handyfoto schicken lassen.

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Mehrere Verbände von Hals-Nasen-Ohren-Ärzten warnten in dieser Woche vor solchen Selbsttests. „Unsachgemäß durchgeführte Testungen durch Laienhände bergen das Risiko falsch-negativer Testergebnisse“, heißt es in einer Mitteilung.

Ähnlich sieht das Reinickendorfs Amtsarzt Patrick Larscheid. Ihm wäre es lieber, wenn die Tests ausschließlich von niedergelassenen Ärzten und den Gesundheitsämtern durchgeführt würden. Die immer mehr neuen Angebote privater Anbieter sieht er kritisch. „Dass es diese kommerzielle Entwicklung im Bereich der Schnelltests gibt, war abzusehen, da sich damit wahnsinnig schnell und einfach Geld verdienen lässt“, sagt Larscheid. Ein Antigen-Test kostet im Einkaufspreis durchschnittlich 5,61 Euro, etwa am Moritzplatz können die Helfer 500 Abstriche pro Tag durchführen – hochzurechnen, dass das Modell sich rentieren dürfte.

Wie oft sind die Ergebnisse falsch?

Doch Larscheid sieht ein weiteres Problem: „Bei Leuten ohne Symptome produzieren sie häufig falsche Ergebnisse.“ In der Regel handelt es sich bei Schnelltests um sogenannte Antigentests. Ein PCR-Test weist Virus-Erbgut nach, auch noch in geringen Mengen, unmittelbar nach einer Ansteckung oder, wenn die Erkrankung schon Tage zurückliegt.

Bei Schnelltests hingegen braucht es eine gewisse Menge an Viren, damit der Test anschlägt. Das bedeutet: Bei einem negativen Test besteht ein Restrisiko, dass die Person trotzdem infiziert ist. Wer also drei Tage vor Weihnachten ein negatives Ergebnis erhält, könnte unterm Baum sehr wohl Coronaviren weitergeben. Die meiste Sicherheit bringt ein Test an Heiligabend.

Wie ein Schwangerschaftstest sieht ein Antigen-Corona-Schnelltest aus. Foto: dpa Vergrößern
Wie ein Schwangerschaftstest sieht ein Antigen-Corona-Schnelltest aus. © dpa

Denn laut Charité-Virologe Christian Drosten sind die Resultate in der infektiösen Phase, wenn eine Person hochansteckend ist, recht zuverlässig. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat auf seiner Website Tests aufgelistet, die die Mindestkriterien des Robert-Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts erfüllen. Dort können Menschen nachsehen, wie zuverlässig das Verfahren im Testzentrum ihrer Wahl misst.

Die Galerie „DNA“ in der Auguststraße in Mitte wirbt mit ihrem Schnelltest, der von Drosten in einer Studie als gut befunden wurde. „Wir haben sicherlich schon einige Infektionsketten durchbrochen“, sagt Leon Roewer, der hier gemeinsam mit seinem Vater und Galeristen Johann Nowak das Schnelltestzentrum betreibt. „Einmal war eine Erzieherin da, die positiv getestet wurde und sonst eigentlich weiter in die Kita gegangen wäre.“

In den Räumen, in denen auch immer noch Videoinstallationen und Fotografien zu sehen sind, befinden sich nun Testkabinen. Am Eingang hängt ein wandgroßes Foto, das zeigt, wie ein Sohn seine kranke Mutter umarmt. 

Corona Schnelltest zwischen Kunst und Klassik in der Galerie "DNA".  Foto: obs Vergrößern
Corona Schnelltest zwischen Kunst und Klassik in der Galerie "DNA".  © obs

Für Johann Nowak das treffende Motiv. „Weil die meisten Leute ja herkommen, weil sie Rücksicht auf ihre Eltern nehmen wollen und ihre Liebsten nicht anstecken möchten“, sagt der Galerist. Mehrere Mediziner sind an dem Zentrum beteiligt, in die Öffentlichkeit möchte keiner von ihnen.

Rund um die Abstriche bleiben viele Fragen offen

Vom Kunstgeschäft ins Medizin-Business wechselte Johann Nowak, nachdem sein Sohn und dessen Freundin, eine Medizinstudentin, im Sommer nach einer Reise schlechte Erfahrungen gemacht hatten. „Wir haben das Testen in Berlin als sehr umständlich erlebt und wollten einen Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung leisten“, sagt Leon Roewer, der 25 Jahre alt ist und Betriebswirt.

Auch hier kostet ein Schnelltest 49 Euro, die Nachfrage ist groß. Bis Weihnachten sind schon fast alle Zeitfenster ausgebucht – es wird daran gearbeitet, weitere Testkabinen aufzustellen, auch ein neues Testzentrum soll entstehen.

Für Amtsarzt Larscheid bleibt bei dennoch ein Problem: „Wie gehen die Leute mit einem positiven Testergebnis um und wer übernimmt die Verantwortung? In der Regel werden sie mit dem Resultat alleine gelassen.“ Die Leute müssten informiert und betreut werden. Wo erhalte ich nun einen PCR-Test, um das Schnelltestergebnis abzusichern? Vor allem, wenn ich mich eigentlich sofort in Quarantäne begeben soll? Wen informiere ich als Kontaktperson?

Es sind Fragen wie diese, die nach einem positiven Befund entstehen. Schnelltest-Anbieter haben zwar die Pflicht, Corona-Infektionen beim Gesundheitsamt zu melden, das dann die Infizierten mit Instruktionen kontaktieren soll. Doch das, so die Erfahrung der vergangenen Monate, kann dauern.

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