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Ein Testkit liegt im Klassenzimmer zum Unterrichtsbeginn auf einer Federtasche. Foto: Matthias Bein/dpa
© Matthias Bein/dpa

Corona an Berliner Schulen Elternvertreter werfen Giffey in Brandbrief „Verharmlosung“ vor

Elf von zwölf Bezirkselternausschüssen fordern öffentlich mehr Infektionsschutz und die Aufhebung einer strikt ausgelegten Präsenzpflicht an Schulen.

In einem seltenen Schritt haben sich am Donnerstag fast alle Bezirkselternausschüsse (BEA) in Berlin zusammengetan, um in einem Brandbrief an die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) schärfere Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus und die Aufhebung einer strikt ausgelegten Präsenzpflicht an Schulen zu fordern.

Bis auf BEA Friedrichshain-Kreuzberg warfen alle Elternvertreter Giffey und dem Senat vor: "Die aktuellen Infektionszahlen und die dazugehörige Kommunikation von SenBJF [der Schulverwaltung] sind darauf ausgelegt, die Situation an Schulen zu verharmlosen." An der Tatsache, dass die Kultusministerkonferenz und auch der Senat auch die Betreuung von Kindern zur Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur erwähne, sei zu erkennen: "Hier geht es gar nicht so sehr um die Schüler:innen!"

"Über 6.900 gleichzeitig infizierte Schüler:innen und fast 800 PCR-positiven Pädagog:innen sowie 207 geschlossene Lerngruppen sind nur der Stand vom 14. Januar. Die großen Zahlen der Kontaktpersonen in Quarantäne werden gar nicht veröffentlicht. Und dennoch sind 98% der Schulen in Stufe „Grün“ - das ist für niemanden mehr nachvollziehbar!", heißt es in dem Schreiben.

Dass Kinder nur selten schwer an Covid-19 erkrankten oder gar stürben, dürfe kein Grund dafür sein, sie dem Risiko einer Ansteckung bewusst auszusetzen. Viele Eltern seien besorgt über mögliche Langzeitfolgen auch milder oder asymptomatischer Verläufe. Wenn es politischer Wille sei, in den Schulen eine "Durchseuchung" in Kauf zu nehmen, "erwarten wir so viel Ehrlichkeit, dass es von den Verantwortlichen auch ausgesprochen wird!", schrieben die Elternvertreter.

Die elf Bezirkselternausschüsse forderten Giffey in dem Schreiben dazu auf, die Empfehlungen für Schulen und Kitas, die das Robert Koch-Institut vergangenen Februar veröffentlicht hatte, flächendeckend umzusetzen. Sie sehen etwa eine Aufteilung der Schülerschaft in feste Kohorten, Wechselunterricht und zusätzliche Regeln für Musik- und Sportunterricht vor – alles Maßnahmen, die auf der Stufe "Grün", die zur Stunde an den allermeisten Berliner Schulen gilt, nicht vorgesehen sind.

Senat hält an Präsenzpflicht fest

Außerdem fordern die Eltern neben täglichen Testungen, der Ausrüstung der Schulen mit Masken und mehr therapeutischen Angeboten für psychsosozial besonders belastete Schüler:innen erneut "Flexibilität". Also de facto eine Aufhebung der Präsenzpflicht: Flexible Unterrichtsmodelle böten "große Chancen, die unterschiedlichen Bedürfnisse von Schüler:innen und Familien, Pädagog:innen und Schulstandort aufeinander abzustimmen", schreiben die Eltern.

Ein Pressesprecher der Bildungsverwaltung sagte dem Tagesspiegel: "Wir verstehen die Sorgen von Eltern. Aber mit den regelmäßigen Testungen, mit dem Stufenplan und mit Hilfe unbürokratischer Absprachen mit der Schulaufsicht können wir den wichtigen Präsenzunterricht absichern.“ Zudem werde nach den Winterferien, die am 7. Februar enden, zunächst wieder täglich getestet.

Busse selbst hatte kurz vor der Veröffentlichung des Briefs bei der konstituierenden Sitzung des Bildungsausschusses im Abgeordnetenhaus am Donnerstag erneut die Linie des Senats bestätigt: Verschärfung von Maßnahmen nur individuell an Schulen, wo viele Infektionen auftreten und eine grundsätzliche Beibehaltung der Präsenzpflicht.

"Wir haben eine derzeitig dynamische Infektionslage, die können wir auch nicht wegdiskutieren, und die Wand haben wir wohl noch nicht durchbrochen", sagte Busse bei ihrem ersten Auftritt vor den Ausschussmitgliedern. Die Infektionszahlen hätten sich im Vergleich zum Stand von vor einer Woche verdreifacht. Dennoch seien von mehr als 800 allgemeinbildenden Schulen nur zehn Grundschulen, vier Sekundarschulen und eine Förderschule auf Stufe Gelb des sogenannten Stufenplans der Bildungsverwaltung, so Busse. 

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Allerdings macht sich derzeit bei vielen Schulleitungen Unmut darüber breit, dass die Kriterien, wann eine Schule von Grün (Regelunterricht) zu Gelb (Wechselunterricht) gestuft wird, nicht einheitlich und intransparent sind. Busse und ihre beiden Staatssekretäre beantworteten eine entsprechende Frage im Ausschuss nicht.

Busse betonte jedoch, auch aus ihrer eigenen Erfahrung als Schulleiterin, erneut die Wichtigkeit der Schule: Vielen Kindern verschaffe sie nicht nur Stabilität und einen strukturierten Tag, sondern auch "ein warmes Mittagessen", das sie zu Hause nicht bekämen, so Busse.

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