Im Wiesenweg beschweren sich Bewohner eines Projekts für einstige Drogenabhängige über Lärm, der von Partys gegenüber kommt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Clubs im Berliner Osten Hör mal, was da wummert

Im „Gleisdreieck“ am Ostkreuz gibt es mehrere Clubs – und wütende Nachbarn. Doch ist nicht klar, ob die in dem Gebiet überhaupt wohnen dürfen.

Benjamin Iba greift sich den Holzstuhl mit einer Hand und setzt sich, gießt einen Kaffee mit Milch ein. „Achtung, der ist stark“, sagt der ehemalige Drogenabhängige. In der betreuten Wohngruppe mit Suchtnachsorge des Vereins Synergetik versucht er, abstinent zu leben. Das klappt wohl auch seit fünf Jahren, wird allerdings durch den Umstand erschwert, dass sich direkt gegenüber im Lichtenberger Wiesenweg mehrere Clubs befinden.

Für jemanden, der mal süchtig nach Drogen war, sei dies natürlich eine weitere Herausforderung, meint Iba, ein schwerer Mann mit Tattoos und Baumfällerhemd. Es mache aggressiv, so laut mit elektronischer Musik beschallt zu werden. „Ich kann ja nicht in meiner eigenen Wohnung auf die Flucht gehen.“

Schon oft hat es Streit zwischen ihm und den Betreibern des Clubs gegeben, Ordnungsamt oder Polizei kamen und mussten schlichten. Er ist einer von vier Mietern, die in dem Haus zum Selbstkostenpreis wohnen. Zudem gibt es acht weitere Wohnheimplätze. Synergetik ist 1994 eingezogen, unterstützt von der Deutschen Klassenlotterie. Ein Jahr später haben sie das Gebäude gekauft. Auch die Betreiber des gegenüberliegenden Clubs Kili sind Eigentümer des Grundstücks und wollen ihre Location ausbauen. Neben dem Partybetrieb gibt es hier ein Kulturzentrum mit Band-Proberäumen.

Das sogenannte „Gleisdreieck“ nahe dem Ostkreuz ist bekannt für seine Clubs. In direkter Nachbarschaft vom Kili ist das Void ansässig. Ein paar Schritte weiter befindet sich das Polygon, das früher Kosmonaut hieß und nun von Verdrängung bedroht ist. Die Unternehmensgruppe Padovicz möchte auf dem Komplex Wiesenweg 1-4 ein Bürohaus errichten: bis zu 13 Stockwerke hoch, Tiefgarage für 100 Autos, Gewerberäume im Erdgeschoss.

So laut, dass man nicht das Fenster öffnen kann

Mit dem Polygon habe man eigentlich keine Probleme, erzählt Dieter Pflanz, der auf dem Stuhl neben Benjamin Iba Platz nimmt. Aber die beiden Clubs direkt gegenüber seien so laut, die ganze Nacht und das ganze Wochenende, dass man nicht mal das Fenster öffnen könne. Pflanz schläft daher am Wochenende lieber draußen im Park.

Er war früher Lkw-Fahrer, danach Hausmeister. Seine Augenkrankheit erschwert ihm zusätzlich das Leben – er ist fast blind. Wenn es dazu noch laut um ihn sei, könne er quasi kaum leben. Bei der Polizei sei er auf wenig Verständnis gestoßen, er solle einfach umziehen, wenn es ihm im Wiesenweg zu laut sei.

Seit 2017 liegen die Wohngruppe und die Clubbetreiber in einem Rechtsstreit miteinander. Es geht auch darum, ob das Gleisdreieck ein Gewerbegebiet ist oder ein „gewerblich geprägtes Gebiet“. Dann wäre Wohnnutzung erlaubt, in einem reinen Gewerbegebiet nicht. 57 Haushalte im Gleisdreieck haben zur Abgeordnetenhauswahl 2016 Wahlbenachrichtigungen geschickt bekommen.

Der Kurvenradius wird vergrößert

Laut Lichtenbergs Baustadträtin Birgit Monteiro (SPD) handelt es sich um Bewohner von Schwarzbauten, gegen die möchte der Bezirk vorgehen. Viele Nachbarn im Gleisdreieck versuchen sich auch juristisch dagegen zu wehren, andere halten sich eher bedeckt, hoffen, bleiben zu dürfen. Bisher wurde wohl auch niemand aufgefordert, auszuziehen. Wieder andere gehen ganz entspannt mit der Situation um. Jemand hält sogar ein Schwein im Garten.

Für Monteiro hingegen ist klar: Hier sollte niemand wohnen, egal, wie genau das Gebiet definiert sei. Es liege im Auge des Betrachters, ab welchem Gewerbeanteil ein Areal als „gewerblich geprägt“ gilt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung von Katrin Lompscher (Linke) betont, nur der Bezirk könne hier entscheiden. Monteiro findet, es sei jedenfalls einfach zu laut, auch durch die Bahnstrecke, die gerade ausgebaut wird.

Der Kurvenradius wird vergrößert. Die Bahn hat dazu bereits die dem Unternehmen gehörenden Gebäude nahe der Gleise abgerissen. Ein Haus direkt daneben wiederum hat sich eine Gruppe junger Menschen gesichert, sie würden hier gerne ein Wohnprojekt ausbauen, ungeachtet der Lautstärke und unmittelbar vorbeifahrenden Züge – und liegen ebenfalls im Gerichtsstreit mit dem Bezirk, vertreten durch Rechtsanwalt Philipp Lingmann.

Verwaltungsgericht bestätigt, dass es sich nicht um ein Gewerbegebiet handelt

Er hatte gegen Monteiro auf Unterlassung der Aussage geklagt, dass es sich um ein Gewerbegebiet handele. Als das hatte sie es 2018 dem Tagesspiegel gegenüber bezeichnet. Lingmann verlor vor dem Verwaltungsgericht. Das Gericht bestätigte allerdings, dass es sich nicht um ein Gewerbegebiet handele.

Lingmann vertritt auch Synergetik im Rechtsstreit gegen die Clubbetreiber. Die Behörden sollen endlich tätig werden und die Veranstaltungen der Clubs untersagen, fordert er. Aber die haben Genehmigungen und bekommen Sondererlaubnisse mit Auflagen. Da geht es auch um Lärmschutzmaßnahmen. So sollen die Lautsprecher bei Live-Veranstaltungen nicht in „Anwohnerrichtung“ aufgestellt werden, heißt es aus dem Bezirksamt.

Lingmanns Kanzlei legt immer wieder Widerspruch ein gegen die erteilten Veranstaltungsgenehmigungen. Der Bezirksstadtrat für Öffentliche Ordnung, Wilfried Nünthel (CDU), lehnte diese bisher ab. In einer Begründung vom Mai 2019 heißt es jedoch: „Die Klärung der Einstufung des Gebietes als Wohn- oder Gewerbegebiet befindet sich in einem nicht abgeschlossenen verwaltungsrechtlichen Verfahren.“

Keine Genehmigung durch den Bezirk

Trotzdem wird der Widerspruch abgelehnt. Denn: „Eine illegale Wohnnutzung innerhalb eines Gewerbegebiets ist gegen unzumutbare Schallimmissionen nicht geschützt.“ Für Lingmann ist das ein Unding, denn es sei ja noch nichts entschieden in der Einstufung des Gebiets. Die Betreiber der Clubs wollten sich nicht zu dem Streit äußern.

Die Geschäftsführerin von Synergetik, Sabine Weiß, ist es leid, dass ihre Einrichtung als illegal bezeichnet wird. Immerhin habe der Bezirk diese 2009 genehmigt. Stadträtin Monteiro entgegnet, es bestehe keine Genehmigung durch den Bezirk. Das Gebäude werde seit der Wiedervereinigung dauerhaft bewohnt.

Es wäre unverhältnismäßig, das Haus nach so langer Zeit zu räumen, sagt sie. Daher werde die Wohnnutzung aktuell geduldet. Die Clubs müssten sich, wie alle anderen auch, an die allgemeinen Gesetze halten, auch hinsichtlich Emissionsschutz. Die Bewohner von Synergetik hoffen, dass vielleicht ein anderer Ort für sie gefunden werden kann – vielleicht sogar mithilfe des Bezirksamts.

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