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Danke für die Blumen. Für Udo Jürgens war der Auftritt 2005 der Höhepunkt seiner Tournee. Foto: Popeye
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Classic Open Air auf dem Berliner Gendarmenmarkt Die schönsten Momente aus 30 Jahren Freiluft-Festival zwischen Oper und Pop

Sommernächte für die Ewigkeit: Ein neues Buch zeigt die schönsten Momente aus 30 Jahren Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt.

Mario Hempel redet ohne Punkt und Komma, so schnell, so enthusiastisch. Als könne er die schönen Erinnerungen aus 30 Jahren Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt, die aus ihm heraussprudeln, kaum zurückhalten. Unternehmer aus Passion und selbst Künstler, ist er neben Gerhard Kämpfe, dem künstlerischen Leiter des Festivals, geschäftsführender Gesellschafter des allsommerlichen Open-Air-Spektakels, das 1992 zum ersten Mal stattfand.

Zwar mussten die Feierlichkeiten zum Jubiläum, die schon im vergangenen Sommer stattfinden sollten, wegen Corona ausfallen. Aber Mario Hempel ist ein Optimist, der in jeder Hürde eine Herausforderung sieht. Also ließ er den Fotoband „Die Lichter von Berlin – 30 Jahre Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt“ produzieren, der die schönsten musikalischen Freiluftmomente zeigt und die Vorfreude auf den kommenden Sommer anregt, wenn alles nachgeholt werden soll.

Beim Blättern in dem Buch mit goldenem Cover stoppt der 61-Jährige bei „Earth, Wind and Fire“. Mit dem Konzert hat sich Mario Hempel 2018 einen Traum erfüllt. Die Hits der Funk & Soul-Band, die 1978 mit „September“ berühmt wurde, begeistern nicht nur ihn nach Jahrzehnten noch. Als er „Earth, Wind and Fire“ bei der Inauguration von Joe Biden im Fernsehen sah, dachte er noch einmal an jene Sommernacht vor drei Jahren zurück, in der die Band den Gendarmenmarkt zum Kochen brachte.

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Eigentlich ist Mario Hempel als finanzieller Retter der Konzertreihe fürs Geschäft zuständig. Aber er ist eben auch vom Fach. Von 1978 bis „zum Ende“ 1989 tourte er mit seiner Band „Report“ durch die DDR und bis in den Ural. „Wir haben immer für Stimmung gesorgt“, erinnert er sich lächelnd. Sie spielten Countrysongs wie „Horse With No Name“ oder „Take Me Home, Country Roads“.

Finanzieller Retter der Konzertreihe

Mit der Wende geriet seine Biographie durcheinander. In den Jahren zuvor war es ihm nicht möglich gewesen, das Abitur zu machen, weil er kein Arbeiterkind war. Obwohl seine Mutter Parteisekretärin in Botschaften wie Benin oder Nigeria und damit eine hohe DDR-Diplomatin war, blieb ihm dieser Weg versperrt. Stattdessen absolvierte er eine Ausbildung zum Instandhaltungsmechaniker, was ihm aber nie genug war.

Buch zum Jubiläum.. Der Fotoband „Die Lichter von Berlin – 30 Jahre Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt“ kostet 12,50 Euro und kann bestellt werden auf der Website 30jahrecoa.de. Foto: Sven Darmer Vergrößern
Buch zum Jubiläum.. Der Fotoband „Die Lichter von Berlin – 30 Jahre Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt“ kostet 12,50 Euro und kann bestellt werden auf der Website 30jahrecoa.de. © Sven Darmer

Essen für Kitas und Schulen

Durch einen Bekannten geriet er nach 1989 nach Frankfurt am Main, wurde Vertriebschef eines Catering-Unternehmens, versorgte später, von der Berliner Niederlassung aus, Kantinen in der ehemaligen DDR. Ob das Goldgräberjahre waren? Vieles sei zerschlagen worden durch die Treuhand, entsprechend habe man die Kantinen der Betriebe genutzt, um auch für Schulen und Kitas zu kochen. 1993 gründete er mit zwei Partnern seine eigene Firma Sunshine Catering, die bis heute erfolgreich Schulen, Kitas und Events mit Essen versorgt.

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Sponsoren für den Friedrichstadtpalast

Rasch begann der gebürtige Berliner auch, sich im Kulturbereich zu engagieren. Es begann damit, dass er Sponsoren für den Friedrichstadtpalast akquirierte. Dort lernte er 1992 den aus Hamburg stammenden Gerhard Kämpfe kennen, der sich im Schlagergeschäft bestens auskannte. Auf einer Hinterbühnentreppe sprachen die beiden über ein Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt. Das startete im Sommer 1992 gleich mit einem großen Star: José Carreras. Trotzdem verliefen die ersten Jahre so ruckelig wie das Pflaster auf den Straßen im Ostteil damals war. Im Januar 1998 erfuhr Mario Hempel von Gerhard Kämpfe, dass das Festival insolvent war. Unterstützung wurde dringend gebraucht.

So sieht das neue Buch aus. Report GmbH Vergrößern
So sieht das neue Buch aus. © Report GmbH

Hommage an Apollo

Mit der ihm eigenen Energie machte sich Mario Hempel an die Sanierung, wickelte die alte Firma ab, gründete eine neue, stieg als Gesellschafter ein, verdreifachte die Einnahmen durch Sponsoren. Als 2005 eine weitere Sanierung nötig wurde, schulterte er das finanzielle Risiko allein. „Apollo ist der Gott der Künste und der Musik. Das hat uns beflügelt, wenn es mal eng wurde: Dass Apollo über den Platz wacht“, begründete er einmal sein Engagement mit der Statue, die oben auf dem Konzerthaus thront.

Von Montserrat Caballé bis Chris de Burgh

Über diese Geschichte legt sich ein Soundtrack mit den Namen großer Künstler. Al Jarreau trat auf, Chris de Burgh, Montserrat Caballé, der Buena Vista Social Club. „Da“, Mario Hempel zeigt auf ein Foto von Lucia Aliberti in rosafarbener Abendrobe, „eine ganz große Diva, die sonst nie draußen sang aus Angst um ihre Stimme.“ Auf dem Gendarmenmarkt machte sie eine Ausnahme. Kurt Masur war da und Giora Feidman. Als Udo Jürgens 2005 dort gefeiert wurde, sagte er anschließend: „Das ist der Höhepunkt der Tournee! Einfach unglaublich!“ Ein großer Erfolg waren auch die Auftritte aus der Konzertreihe „East Rock Symphony“ mit den Puhdys, City und Karat.

Was den weitgefassten Klassik-Begriff betrifft, waren die Macher vom Open Air am Gendarmenmarkt in den Neunzigern ihrer Zeit voraus. Die Trennung von ernster Musik und Unterhaltungsmusik hielt Mario Hempel für Blödsinn: „Es gibt nur gute und schlechte Musik.“ Er wollte die gute Musik auf den Gendarmenmarkt bringen. Trotz aller Widrigkeiten.

Drastische Mieterhöhung um 70 Prozent

2010 zum Beispiel wurde die Miete für den Gendarmenmarkt um 70 Prozent erhöht, inzwischen liegt sie bei 62 000 Euro für das Festival. Mit den Nebenkosten kommt er so leicht auf gut 100 000 Euro und ist stolz darauf, dass er mit einem durchschnittlichen Kartenpreis von 66 Euro deutlich unter einem ähnlichen Event in München liegt. Seit 2006 veranstaltet er zusätzlich die Pyronale, den Weltcup der Feuerwerker, der jeweils am Ende des Sommers auf dem Maifeld ausgetragen wird. Der Hauptsitz seiner Firmen, darunter die Sunshine GmbH fürs Catering und die Agentur Report Communication fürs Sponsoring, befindet sich in der Dorotheenstraße in Mitte.

Glanzvolle Eröffnung. Mit Opernsänger José Carreras begann das Classic Open Air 1992. Foto: DAVIDS/Darmer Vergrößern
Glanzvolle Eröffnung. Mit Opernsänger José Carreras begann das Classic Open Air 1992. © DAVIDS/Darmer

Brücken bauen zwischen Wirtschaft und Kultur

„Ich kann gut schwätzen und Brücken bauen zwischen Wirtschaft und Kultur“, sagt er. Er hat auch mal die Hanns Eisler Hochschule für Musik besucht. Im Wesentlichen aber, und es wirkt, als sei er wirklich stolz darauf, „bin ich Autodidakt“. Er habe einfach im Keller Gitarre gespielt. „Unternehmer kann man nicht lernen“, lautet einer seiner Glaubenssätze. „Das ist man einfach.“ Zu seinen Vorbildern gehören Werner von Siemens und der Walmart-Gründer Sam Walton. Dessen Buch über Managementregeln liegt immer auf seinem Nachttisch, sagt er. Er würde als nächstes gern, diese Idee verfolgt er schon länger, den Transrapid auf seiner Lieblingsinsel Teneriffa verwirklichen, um die Verkehrprobleme zu lindern. Sein ungebremster Tatendrang verblüfft, aber der Erfolg gibt ihm Recht.

Blumen von Tochter Alina

Beim Blättern im Fotobuch stoppt der Vater von drei Kindern noch öfter, bei Katie Melua, bei den Scorpions oder bei Sister Sledge. Die hat er eingeladen, weil seine kleine Tochter Alina immer so gern deren größten Hit „We are Family“ sang. Alina mochte es auch, am Schluss die Blumen zu überreichen. 26 000 Künstler kamen seit Beginn zum Festival und 600 000 Besucher aus aller Welt.

Zuversichtlich in ein neues Jahr

Für das Buch von Magdalena Schupelius mit den Erinnerungsfotos, die von der langjährig für das Magazin „Vanity Fair“ tätigen New Yorker Art Direktorin Lesley Vinson zusammengestellt wurden, wirbt Mario Hempel während der Adventszeit in der ganzen Stadt. Angesichts der Lage seien die Leute im Moment zurückhaltend beim Kauf von Konzertkarten. Er ist aber zuversichtlich, dass es im Sommer doch wieder eine „First Night“ mit Feuerwerksfinale auf dem Gendarmenmarkt geben wird und einen Opernzauber unter Sternen, und dass Howard Carpendale für einen ausverkauften Platz sorgen wird. Und dass in der Berliner Luft wieder Noten erklingen, die Erinnerungen schaffen.

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