Berlin Christa Springer-Dichgans (Geb. 6. April 1940)

Ihren Werken muss man sich immer weiter nähern

Häufungen, immer wieder. Häufungen von Gegenständen. Von Gegenständen, die in freundlichen Kinderzimmern herumliegen: eine Puppe, ein Plüschbär, Legosteine, ein Gummikaninchen, eine Gummirobbe. Hübsche, harmlose Dinge hübscher, harmloser Kinder. Aber dieser Puppe dort hat jemand den Arm ausgerissen. Erst geherzt, dann verletzt. Und was soll die Pistole zwischen den Bauklötzen? Sind sie etwa doch nicht so harmlos, die Kinder? Verbergen sie grausame Gedanken hinter ihren glatten Stirnen? Die Gegenstände enthüllen ihre grimmige Seite, die Oberfläche der Dinge glänzt nur auf den ersten Blick, das bunte Gewirr enthüllt sich als Schlachtfeld.

Die Bilder der Malerin Christa Springer-Dichgans heißen „Häufung mit Gummikrebs“ oder „Häufung mit Gummirobbe“. Und auch wenn das Wort „Häufung“ nicht erscheint, türmt sie Objekte übereinander, benennt sie „Plüschtieroper“, „Schuhe“, „New York“, „Florenz mit Staubsauger“, worauf toskanische Würste marmorne Statuen erdrücken und von einem Staubsaugerrohr, das aus einem Feuerwehrwagen ragt, umschlungen werden.

New York, Florenz, dort hat sie gelebt in den 60ern, hat Stipendien nach ihrem Kunststudium bekommen. New York war noch rau damals, man schlenderte nicht beschwingt durch die Viertel, konnte dafür Lou Reed und Andy Warhol treffen. Sie nahm die Stadt in sich auf, die in die Höhe strebenden Häuser, die Schluchten, und malte dann das Vertikale, Erdrückende mit einem feinen Pinsel.

Vergleicht ein Betrachter ihre Bilder beispielsweise mit denen eines Impressionisten, so wird er eine entgegengesetzt verlaufende Richtung bemerken: Gegenständlichkeit in einem impressionistischen Gemälde ergibt sich erst, wenn man einige Schritte zurücktritt. Ihren Werken muss man sich immer weiter nähern, erkennt erst dann alle höchst präzise ausgeführten Details. „Das Malen“, sagt ihr Sohn, „hatte etwas vom Kinderkriegen. Zwei, drei Monate befand sie sich in absoluter Erregung und nach neun Monaten war das Bild fertig. Allerdings gab es auch Geburten, die 18 Monate dauerten. Im Vergleich etwa zu ihrem Mann, meinem Vater, Karl Horst Hödicke, der wild und expressionistisch arbeitete.“

Sie erschuf Plastiktiere, Jahrzehnte bevor Jeff Koons auf diese Idee verfiel. Aber New York erschöpfte sie, die der jungen Jane Birkin glich, langes, weiches Haar, Pony, lange, zarte Glieder. Sie, die aus ihrer katholisch-bürgerlichen Düsseldorfwelt mit Steinwayflügel und englischem Mobiliar und Perserteppichen aufgebrochen war, um Künstlerin zu werden, was sie bereits mit 14 in aller Deutlichkeit wusste. Sie, die immer etwas Weltfremdes umwehte, eine Art nervöser Überforderung. Die nicht gleichzeitig sprechen und laufen konnte, sondern für jeden Satz während eines Spazierganges stehen bleiben musste oder sich in trippelnden Schritten vorwärts bewegte.

Italien erschöpfte sie nicht, ein Jahr in der Villa Massimo in Rom, eineinhalb Jahre in der Villa Romana in Florenz. Sie liebte die Renaissance-Malerei, vor allem Piero della Francesca. Und war gleichermaßen stark beeinflusst von Georg Baselitz, für den sie an der Universität der Künste in Berlin als Assistentin arbeitete. Für ihn und seine Kunstklassen organisierte sie Exkursionen und war offensichtlich die Einzige, die Anträge fristgerecht einreichte. Zum Beispiel jenen für eine Ägyptenfahrt, was zur Folge hatte, dass Baselitz’ Klasse den gesamten Etat erhielt, schlicht weil sie sich gekümmert hatte.

Das berauschte Künstlerleben lag ihr einfach nicht. Auch wenn sie all diese Leute kennenlernte, Penck und Lüpertz und Immendorff, sich mit deren Positionen und Provokationen beschäftigte, sie porträtierte. Auch als sie Rudolf Springer, den Berliner Galeristen, Vordenker und Bohemien heiratete und in sein Zehlendorfer Haus mit Stuck und Nussholzfurnier zog, fing sie um Punkt neun an zu malen, hörte um Punkt 18 Uhr auf, aß etwas und guckte dann ein wenig fern. Die Soiréen, ihre Gastgeberpflichten brachten sie aus dem Rhythmus.

Dem sie in Draguignan in der französischen Provence, in einem Haus zwischen Hügeln, folgen konnte. Sie interessierte sich für Kunst, für sonst kaum etwas, entwickelte ihre Malerei kontinuierlich weiter, benutzte auch mal breite Pinsel, versuchte Öl, nicht nur Acryl, fertigte Radierungen und Bronzen, stellte aus, in Paris, Venedig, Wien, Moskau. Und bemerkte, dass die Russen mehr mit ihren Bildern anfangen konnten als die westlichen Betrachter, denn oft tauchen religiöse Momente in ihrer Kunst auf, in „Verkündigung“ etwa: Die heilige Jungfrau steht schmal und klein am unteren Bildrand, der Himmel hat seine Pforten geöffnet und schüttet Tausende Dinge über sie: Geldscheine, Schuhe, Hochhäuser, Brote, Brillen, Panzer.

Häufungen, immer wieder. Immer wieder und deutlich als aktueller politischer Kommentar zu lesen. Die Schlachtfelder sind keine bunten mehr in Kinderzimmern, sie erstrecken sich hinter entlaubten Bäumen bis zum Horizont, Gasmasken, Granaten, Messer, verdrehte, nackte Puppenkörper, Pistolen. Hübsch und harmlos ist hier nichts mehr.

Gehen Sie los und sehen sich ihre Bilder an! Viele öffentliche Sammlungen haben welche.

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