Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und die Spitzen der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK Berlin) hatten Mitte Oktober durch den Stadtstaat Singapur gereist. Teil des Programms war eine Führung durch den Botanischen Garten, dessen Bau vor wenigen Jahren umgerechnet mehrere Milliarden Euro gekosten hatte. Foto: Kevin P. Hoffmann
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Chefs berichten von Fernreise "Das haben wir aus Singapur nach Berlin mitgebracht"

Was können Firmen und Institutionen, die ihr Geschäft überwiegend in Berlin betreiben, in der Ferne lernen? Teilnehmer einer Reise nach Singapur erklären es

Alle paar Monate fliegt Michael Müller mit Spitzenvertretern von Unternehmen, Kammern und Institutionen an entfernte Orte. Im Mai war er in Japan, dann in China. Vergangene Woche war der Regierende Bürgermeister im südostasiatischen Stadtstaat Singapur unterwegs. Er selbst wie seine Begleiter erfahren dann auch Kritik. Langstreckenflug, Hotelzimmer für um die 300 Euro pro Nacht, die mehrtägige Abwesenheit, das Verlegen von Telefonkonferenzen wegen der Zeitverschiebung in Nachtstunden deutscher Zeit. Doch wofür all das?

Am Dienstag berichtete SPD-Politiker Müller – wie für alle Senatoren üblich – den anderen Mitgliedern des Senats persönlich von den Erfahrungen seiner Reise. Müller würdigte unter anderem eine neue Kooperation der Humboldt-Universität im Bereich Gesundheit und kündigte weitere Wirtschaftsgespräche an. Und was sagen die Chefs der anderer Institutionen: Was haben Sie in Singapur für unsere Stadt Berlin gelernt?

Beatrice Kramm, Industrie und Handelskammer (IHK Berlin)

Michael Müller (SPD, recht) mit den Chefs der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK Berlin): Hauptgeschäftsführer Jan Eder und Präsidentin Beatrice Kramm. Foto: Kevin P. Hoffmann Vergrößern
Michael Müller (SPD, recht) mit den Chefs der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK Berlin): Hauptgeschäftsführer Jan Eder und Präsidentin Beatrice Kramm. © Kevin P. Hoffmann

„Das Wichtigste an einer Delegationsreise ist der gegenseitige Austausch. Daran gemessen, waren die Tage ein voller Erfolg. Der unternehmerische und innovative Spirit in Singapur hat uns alle sehr beeindruckt. Ob bei den Themen Mobilität, Digitalisierung oder Nachhaltigkeit: Hier werden Masterpläne dazu nicht nur geschrieben, sondern auch umgesetzt. Gleichzeitig hat mich das große Interesse der einheimischen Unternehmer an Berlin sehr gefreut. Jetzt kommt es darauf an, diese geknüpften Kontakte auszubauen.“

Sigrid Nikutta, Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)

„Singapur steht im Ruf die beste U-Bahn der Welt zu haben. Dies mit eigenen Augen zu sehen und mit den dortigen Kollegen ins Gespräch zu kommen, war für mich von großem Interesse. Fraglos verfügt die Stadt über eine sehr gutes U-Bahn-System. Dennoch sind die Unterschiede zu uns gar nicht so groß und mit dem Niveau unserer neueren Stationen durchaus vergleichbar. Und in einem ist Berlin ein gutes Stück voraus – in Singapur fahren keine U-Bahnen in der Nacht. Gegen Mitternacht ist einfach Schluss. (Genau wie in Japans Hauptstadt, Anm. Hier der Bericht von Nikuttas Expedition durch den Untergrund von Tokio)

Rückblick in den Mai 2019: Michael Müller und BVG-Chefin Sigrid Nikutta in einem U-Bahnhof in Tokio. Foto: Kevin P. Hoffmann Vergrößern
Rückblick in den Mai 2019: Michael Müller und BVG-Chefin Sigrid Nikutta in einem U-Bahnhof in Tokio. © Kevin P. Hoffmann

Spannend war der kulturelle Unterschied. Graffiti gibt es nicht – die Kollegen in Singapur waren total verwundert als ich über unsere Herausforderungen erzählte. Essen und Trinken sind in der U-Bahn verboten. Allerdings sind die Strafen so drakonisch, dass niemand auf die Idee käme, dagegen zu verstoßen. Sehr beeindruckend sind die Ausbaupläne für 150 Kilometer neue U-Bahnstrecken in den nächsten Jahren! Das Tempo der Netzausweitung ist atemberaubend. Auch Singapur plant den Umstieg auf E-Busse. Zu diesem Thema haben wir einen weiteren engen Erfahrungsaustausch vereinbart.“

Michael Geißler, Berliner Energieagentur (BEA)

„Singapur will die CO2-Emissionen bis 2030 um 36 Prozent senken im Vergleich zu 2005. Es gibt also ein ähnlich ambitioniertes Ziel wie in Berlin. Und auch ähnliche Herausforderungen: Für den Einsatz Erneuerbarer Energie steht vor allem die Solarenergie zur Verfügung. Die Gebäudeenergieeffizienz ist somit der Schlüssel für mehr Klimaschutz. Vor diesem Hintergrund habe ich sehr konkrete Gespräche mit Vertretern der Nationalen Umweltschutzagentur, der Regulierungsbehörde für den Energiemarkt und dem Nationalen Büro für Klimawandel beim Premierminister geführt.

Es gab ein großes Interesse am Know-How der Berliner Energieagentur. Sowohl an der Herangehensweise bei energetischen Quartierskonzepten, an der Energieeffizienz öffentlicher Gebäude sowie an unseren Erfahrungen mit Solarstrom auf Dächern oder an Fassaden von Gebäuden. Mit dem Besuch sind wir einen wichtigen Schritt weitergekommen, um konkrete Projekte innerhalb von Partnerschaften zu realisieren.“

Sandeep Singh Jolly, German Telematics (GT)

„Dank der Planung und Organisation der Senatskanzlei, der IHK und der Auslandshandelskammer garantierte die Delegationsreise mit dem Regierenden Bürgermeister einen direkten und fachlichen Austausch mit hochrangigen Vertretern der Wirtschaft und Politik in Singapur.

Sandeep Singh Jolly, Geschäftsführer der German Telematics GmbH. Sein Unternehmen stellt unter anderem die Lesegeräte für die neue elektronische Gesundheitskarte her. Foto: German Telematics GmbH Vergrößern
Sandeep Singh Jolly, Geschäftsführer der German Telematics GmbH. Sein Unternehmen stellt unter anderem die Lesegeräte für die neue elektronische Gesundheitskarte her. © German Telematics GmbH

John Eu-Li Wong , Chef des Nationalen Uniklinikums, hat uns erklärt, wie er durch den Ausbau der der Digitalisierung im Gesundheitswesen eine weitere Steigerung der Behandlungsqualität bei gleichzeitiger Senkung der Kosten in den stationären, ambulanten und mobilen Szenarien erreichen will. Für unsere GT German Telematics GmbH war das nur der Auftakt zu Kooperationsgesprächen. Singapur plant die Digitalisierung von Gesundheitsakten und Optimierung von Behandlungsabläufen, bei denen sensible Behandlungsdaten sicher und ausschließlich dem berechtigen Behandler nach Zustimmung der Patienten zur Verfügung gestellt werden können, ähnlich wie bei den gesetzlich Versicherten in Deutschland – zum Beispiel durch die Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte und des Notfalldatenmanagments.“

Stefan Franzke, Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie (BPWT)

„Die Delegationsreise hat unsere Erwartungen voll und ganz erfüllt. Ziel der Reise war es, die beiden Metropolen Singapur und Berlin in einen fruchtbaren Dialog zu bringen und den Weg für künftige Partnerschaften zu ebnen. In einer zunehmend globalen Welt ist die Vernetzung gerade auch nach Asien von besonders hoher Priorität für die Berliner Wirtschaft.

Speziell für Start-Ups ist Singapur neben China ein weiteres Gateway und stellt den Zugang auf den asiatischen Markt sicher. Aber auch die Probleme, mit denen die beiden Metropolen zu kämpfen haben, ähneln sich: Wie kann Infrastruktur und Verkehr auf die Anforderungen einer stetig wachsenden Bevölkerung ausgelegt werden? Wie kann man eine Stadt effizient und zugleich dennoch grün und lebenswert gestalten? Solche Fragestellungen lassen sich nur im Dialog hinreichend beantworten.“

Patricia Schlesinger, Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)

„Ich durfte Mitte der 90er das ARD-Studio in Singapur leiten und habe seitdem den Kontakt zu der Stadt nicht verloren. Mich fasziniert das ständige Gefühl des Aufbruchs, der Veränderung, aber auch die Diversität dieser echten Metropole. Singapur hat mich auch diesmal wieder überrascht. Ich habe neue Ideen und Eindrücke im Gepäck: Es geht um Struktur- und Organisationsfragen rund um das Thema Newsroom. Darüber möchte ich aber zunächst mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Sender sprechen.

Patricia Schlesinger, Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) hatte früher einmal das ARD-Studio in Singapur geleitet. Foto: Monika Skolimowska/dpa Vergrößern
Patricia Schlesinger, Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) hatte früher einmal das ARD-Studio in Singapur geleitet. © Monika Skolimowska/dpa

Die Reise hat meinem Bild von der Stadt und von der Entwicklung in der Region wichtige, neue Facetten hinzugefügt. Hinzu kamen aktuelle Eindrücke von der Medienlandschaft, die für die zahlreichen technischen und strategischen Veränderungen, die dem RBB bevorstehen, wertvoll sind. Hier setze ich auf fortgesetzten Austausch mit Branchenvertretern, mit denen ich in Singapur Kontakt hatte.“

Jürgen Allerkamp, Investitionsbank Berlin (IBB)

„Ich nehme drei Punkte als Anregung mit. Erstens: Singapur lockt mit strategischem Weitblick junge Talente aus dem Finanzbereich, um der Fintech-Hub Südostasiens zu werden, indem es die gesamten Personalkosten für diese Fachkräfte übernimmt. Diese Förderung erfolgt durch die dortige Bankenaufsicht, das wäre bei uns kaum möglich!

Zweitens: Mutige Stadtentwicklung erfolgt koordiniert von einer Stelle mit Fokus auf Dach- und Fassaden-Begrünung und großer Offenheit für Hochhausentwicklung. Staatliche Eigentumsförderung und soziales Wohnen gehen dort Hand in Hand. Nachhaltigkeit und Umweltschutz werden dort mehr mit technologischem Fortschritt denn mit Verhaltensänderung verfolgt.

Drittens: Die Messe Berlin ist eine exzellente Botschafterin unserer Stadt und führt die ITB Asia mit großer Professionalität und positioniert Berlin als Stadt der Freiheit in dieser Region hervorragend.“

Waldemar Walczok, SICC Coatings

„Für ein relativ kleines Unternehmen haben wir bereits eine aktive Kooperation mit einem lokalen Geschäftspartner und beachtliche Erfolge im benachbarten Malaysia verzeichnet. Als Hersteller von Spezialfarben war uns wichtig, für bestehende Kontakte in Singapur, durch den politischen Background der Delegation erneuten wirtschaftlichen Aufwind zu bekommen.

Waldemar Walczok, Geschäftsführer und Inhaber der SICC Coatings GmbH, eine Herstellerfirma für spezielle Farben, die beim Energiesparen hilft. Foto: SICC Coatings GmbH Vergrößern
Waldemar Walczok, Geschäftsführer und Inhaber der SICC Coatings GmbH, eine Herstellerfirma für spezielle Farben, die beim Energiesparen hilft. © SICC Coatings GmbH

Diese Erwartungen haben sich als Teilnehmer des Besuches des Regierenden Bürgermeisters bei Herrn Mike Chan vom Housing & Development Board (HDB) erfüllt. In der Vergangenheit geführte Gespräche mit HDB waren leider im Sande verlaufen. Als Teil dieser Delegation konnten wir bei HDB sicher einen neuen Eindruck hinterlassen. Wir haben im Ergebnis dieses Zusammentreffens endlich einen direkten Ansprechpartner im Hause HDB bekommen. Diese Brücke zum Erfolg werden wir zu nutzen wissen.“

Sabine Kunst, Humboldt-Universität (HU Berlin)

„An Singapur hat mich beeindruckt, wie verdichtet und gleichzeitig grün diese Stadt ist, auch wie groß der Wohlstand. Bemerkenswert ist auch die Zielstrebigkeit der Bewohner. Sie pflegen eine für Asien seltene Direktheit, die man sonst nur aus China kennt. Die Berliner Universitätsallianz pflegt bereits eine strategische Partnerschaft der National University of Singapore.

Nach meinem Gesprächen gemeinsam mit Michael Müller wissen wir nun viel genauer, zu welchen Themenstellungen jenseits der Medizin und Gesundheitswissenschaften Kooperationen sinnvoll wären: Bei den Naturwissenschaften zum Beispiel, konkret in der Quantenphysik. Solche Kooperationen dürften die Forschung auf diesen Feldern auch Berlin in den kommenden Jahren voranbringen.“

Ralf Berndt, arxes-tolina

"Wir als arxes-tolina GmbH haben auf Einladung der Senatskanzlei an der Reise der Wirtschaftsdelegation des Regierenden Bürgermeisters von Berlin teilgenommen. Da wir bereits seit Jahren geschäftlich in Asien unterwegs sind, wir haben eine Niederlassung in Shanghai, China, war die Reise sehr interessant, um neue Geschäftsbeziehungen auszuloten und bestehende Geschäftskontakte vor Ort zu treffen.

Ralf Berndt, Geschäftsführer des Berliner IT-Systemdienstleistungshauses Arxes-Tolina GmbH Foto: privat Vergrößern
Ralf Berndt, Geschäftsführer des Berliner IT-Systemdienstleistungshauses Arxes-Tolina GmbH © privat

Vor Ort ergab sich die Gelegenheit mit lokalen Geschäftsleuten interessante Gespräche zu führen und erste geschäftliche Kontakte anzubahnen. Darüber hinaus konnten auch Kontakte mit den mitreisenden Wirtschaftsvertretern und Unternehmern aus Berlin geknüpft werden.

Die Stadt und wirtschaftliche Situation von Singapur ist sehr interessant und auch die gebotenen Veranstaltungen waren sehr informativ. Die Reise stufe ich insgesamt als sehr positiv ein und möchte mich hiermit besonders bei den Gastgebern und den Organisatoren vor Ort bedanken."

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