BVG-Warnstreik: Stehende Züge der U-Bahn im Bahnhof Krumme Lanke in Berlin-Zehlendorf Foto: Thilo Rückeis
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BVG-Streik Sind die Berliner gelassen - oder leidensfähig?

Bei angekündigtem Chaos wie dem BVG-Streik reagieren die Berliner flexibel. Das ist auch eine Frage der Erwartungen an die Politik. Ein Kommentar.

Es war wie so oft. Das angekündigte Chaos blieb aus, die Stadt funktionierte, wie man sie kennt: einigermaßen. Berlin im Streik der Nahverkehrsbetriebe – das war enger in den S-Bahnen, ein bisschen länger auf Straßen und Radwegen, nicht viel gereizter und aggressiver als sonst. Die Leute stellten sich ein, wappneten sich mit Geduld, zeigten Verständnis, blieben cool. So gehört sich das für Metropolenbewohner.

Doch darin liegt wohl kaum der Grund für die Berliner Gelassenheit im Streik. Davon abgesehen, dass ein paar Stunden ohne Bus und U-Bahn hier etwas anderes sind als ein paar Wochen ohne Müllabfuhr in Neapel, sind die Bewohner dieser Stadt an ein gewisses Maß an Dysfunktionalität gewöhnt. Das gilt für den Verkehr, das gilt für Behörden, das gilt für das, was anderswo öffentliche Ordnung genannt wird. Brücken, die über Jahre gesperrt werden, Hochzeitstermine, die man buchen sollte, wenn man sich gerade verliebt hat, Mülldeponien an Straßenbäumen – man nimmt es mit Schulterzucken, und manche halten es für einen Bestandteil der vielzitierten Liberalität der Stadt, kennerschaftlich etikettiert mit „dit is Balin“ oder „iss halt Berlin“ oder „isso“.

Wie groß ist die Erwartung an die Politik?

So ist ja auch die Politik. Von der Bundeskanzlerin erwartet man, dass sie Krisen löst, den Verkehrsminister disst man zu Recht wegen seines Maut-Fetischismus, seiner Tempolimit-Phobie oder seiner Freude am Feinstaub. Aber stört sich jemand an einer Schulsenatorin, die es in acht Amtsjahren nicht hinbekommen hat, das notorisch schlechte Niveau Berliner Schulen anzuheben?

Oder die Verkehrspolitik: 100.000 Fahrradfahrer forderten rechtzeitig zur Wahl 2016 eine radfreundliche Verkehrspolitik. Die Grünen verstanden das als ihren Auftrag in der Koalition – und? Den ersten Radschnellweg soll es 2024 geben. Schnell ging es in der Verkehrsverwaltung nur, als die Senatorin den Mann loswerden wollte, dem in Sachen Radverkehrspolitik etwas anderes als das gewohnte Schnarch-Tempo zuzutrauen war; die Rede ist von Staatssekretär Jens-Holger Kirchner. Ganz zu schweigen vom öffentlichen Wohnungsbau. Oder einem Flughafen, dessen Nichteröffnung Monat für Monat Millionen Euro kostet.

Da ist es eine Frage der Erwartung an Politik, ob man eher von Gelassenheit spricht oder von Leidensfähigkeit. Letztere muss für Großstadtbewohner, die auch Steuerzahler sind, nicht zur Grundhaltung werden. Wer Berlin mal verlässt (nur ungern natürlich), kann zum Beispiel in Wien oder Tokio feststellen, dass noch in der Nacht Straßenreparaturen gemacht werden. Hier dagegen füllen Staus auf der Stadtautobahn wegen eines Schlaglochs tagsüber die Verkehrsnachrichten, Baustellenabsperrungen erlangen Museumsreife und Arbeiten wie am Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg lohnen die Langstreckendokumentation.

Was war eigentlich anders, als Berlin schon mal vier Millionen Einwohner hatte, deren größtes Wochenendvergnügen ein Spaziergang durch den Grunewald war? Sollte die Stadt mit ihren Systemen und Strukturen damals besser funktioniert haben? Anders gefragt: Wie wäre Berlin, wenn die städtischen Systeme und Strukturen leistungsfähig wären wie in Wien oder Tokio? Hinreißend? Hochmütig? Unbezahlbar? Nicht auszuhalten?

Dann doch lieber isso? Jedenfalls können dann bei angekündigtem Chaos wieder Flexibilität und Improvisationstalent abgerufen werden.

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