Hier zu Hause. Die Britin Femke Colborne ist Wahlberlinerin. Sie lebt in Neukölln. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Brexit aus Berliner Sicht „Ich bin Britin und schäme mich dafür“

Der Brexit rückt näher, das politische Chaos ist immens. Was denken Britinnen, die in Berlin leben? Betroffene berichten von Sorgen, Ängsten, Wünschen.

Es sind nur noch wenige Wochen bis zum geplanten Brexit. Noch immer gibt es kein Abkommen, die Unsicherheit macht vielen, ob britisch oder anderweitig europäisch, zu schaffen. Und für viele der rund 18.000 Briten, die in Berlin offiziell gemeldet sind, sind die Szenarien aus ihrem Heimatland bedrückend.

Bisher haben ein Drittel der Briten einen Aufenthaltstitel für Deutschland beantragt: Nach Angaben der Innenverwaltung für Berlin haben sich seit Januar schon fast 6000 für ein Bleiberecht gemeldet.

Die Ausländerbehörde hatte Anfang des Jahres ein Online-Verfahren begonnen, bei dem sich in Berlin lebende Briten melden sollen, um einen Aufenthaltstitel zu erhalten. Dieser ist eine offizielle Erlaubnis für Ausländer, hier in Deutschland zu arbeiten und zu wohnen. Ein solcher Schein ist für EU-Ausländer nicht notwendig, weshalb ihn bisher kein Brite gebraucht hat. Nun aber womöglich doch.

2017 haben sich 558 Briten in Berlin einbürgern lassen

Seit dem Brexit-Referendum 2016 ist die Zahl der Einbürgerungsanträge von Briten stark angestiegen: 2015 hatten sich nach Daten des Statistikamtes für Berlin-Brandenburg lediglich 45 Briten in Berlin einbürgern lassen, im Jahr 2017 waren es hingegen 558 Einbürgerungen. Damit waren Briten die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe, die erfolgreich einen deutschen Pass erworben hatte.

Rachel More, eine 27-jährige Schottin, die seit 2014 in Deutschland lebt, darf sich noch nicht einbürgern lassen: Sie lebt noch nicht lang genug hier. Sie war 2012 für ein Erasmus-Semester nach Dresden gegangen, dort hat sie ihren jetzigen Verlobten kennengelernt und war dann entschlossen, zu bleiben. Auch Rachel More hat sich bei der Ausländerbehörde in Berlin registriert. „Das System, das Formular, das war überraschend einfach. Das bin ich von deutscher Bürokratie sonst nicht gewohnt“, sagt sie.

Aber trotz der Erleichterung, die sie nach der Registrierung verspürt hatte, weiß sie immer noch nicht, was eigentlich passieren wird. Und wie soll sie es auch, das weiß ja noch nicht einmal die britische Regierung. „Ich weiß nur, dass ich zumindest so lange bleiben darf, bis ich zu einem Gespräch bei der Ausländerbehörde war“, sagt More.

"In dieser toxischen Atmosphäre der britischen Gesellschaft will ich nicht leben"

Sie liebt Berlin, auch wenn hier nicht perfekt alles ist. Sie und ihr Verlobter leben in Moabit, sie haben davor in Dresden gewohnt. „Ich hatte schon vor dem Brexit nicht vor, Deutschland zu verlassen. Aber jetzt bin ich noch fester entschlossen. In dieser toxischen Atmosphäre der britischen Gesellschaft will ich nicht leben“, sagt sie. „Deutschland ist mein Zuhause.“

Sie wird so schnell wie möglich versuchen, einen deutschen Pass zu bekommen, auch wenn sie dafür ihren britischen aufgeben muss. Sie und ihr Verlobter überlegen sogar jetzt, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn sie früher als geplant heiraten würden. „Vielleicht habe ich dann hier als Ehefrau eines EU-Bürgers mehr Rechte“, erklärt sie. Das ist für sie das Schlimmste: zu wissen, dass ihr Rechte entzogen werden.

Rachel More kommt aus Schottland und lebt seit 2014 in Deutschland. Sie hofft, in Berlin bleiben zu können. Foto: privat Vergrößern
Rachel More kommt aus Schottland und lebt seit 2014 in Deutschland. Sie hofft, in Berlin bleiben zu können. © privat

Es gibt auch Briten in Berlin, die erst nach dem Referendum hierhergekommen sind. So auch Femke Colborne: Die 39-Jährige hat sich im November 2016 entschlossen, die Themse gegen die Spree einzutauschen. „Der Brexit war nicht der einzige Grund, aber es war sicherlich einer der Gründe für meinen Umzug. Es hat mich einfach so deprimiert, in einem Land zu leben, dessen Politik so abstoßend für mich war“, beschreibt sie ihre Entscheidung.

Femke Colborne macht sich Sorgen um den Kurs des Pfundes

Den britischen Pass aufzugeben fällt ihr trotzdem nicht leicht. Denn damit geht ein Stück weit eine Entscheidung über die eigene Identität einher. „Vor dem Brexit habe ich nie das Gefühl gehabt, mich entweder für Großbritannien oder für Europa entscheiden zu müssen – als halbe Niederländerin und halbe Engländerin habe ich mich immer europäisch gefühlt“, beschreibt Femke Colborne ihr Gefühl. „Aber jetzt denke ich, dass das nicht mehr möglich ist.“

Für sie ist der Brexit zu einem inneren Konflikt geworden. „Ich bin Britin, aber ich schäme mich jetzt auch dafür.“ Colborne sagt, für sie sei Berlin als Wohnort infrage gekommen, weil es ihren persönlichen und politischen Werten mehr entspreche. „Ich habe in Berlin auch ein besseres Sozialleben als in London, und ich habe das Gefühl, dass diese Stadt offener gegenüber alleinstehenden Frauen mittleren Alters ist. Und die Kulturszene hier ist erstklassig.“

Für sie könnte der Brexit wirtschaftliche Folgen haben. Sie besitzt in England ein Haus, das sie eigentlich verkaufen wollte. „Das ist vielleicht etwas egozentrisch, aber ich mache mir Sorgen um den Kurs des Pfundes und wie dieser Kurs den Immobilienmarkt beeinflussen wird. Außerdem habe ich ja meine Ersparnisse dort“, sagt sie.

Am 4. März findet in der britischen Botschaft in Berlin eine Informationsveranstaltung für Briten statt

Für Rachel More ist die Vorstellung, dass Großbritannien ohne jegliches Abkommen die EU verlassen könnte, „erschütternd“. Und auch aus ganz praktischen Gründen ein großes Problem: Am 22. März, genau eine Woche vor dem Brexit, fliegt sie für einen Monat nach Australien. „Wenn es kein Abkommen gibt, wenn es Chaos gibt, komme ich dann überhaupt im April wieder nach Hause?“, fragt sie sich.

Am 4. März findet in der britischen Botschaft eine Veranstaltung für Briten in Berlin statt. Da sollen Fragen beantwortet werden – wenn möglich. Danach werden es nur noch 26 Tage bis zum geplanten Datum des Brexits sein.

Ob Femke Colborne irgendwann zurück möchte? „Bei dieser Unsicherheit verschwende ich keinen Gedanken daran.“ Auch Rachel More kann bei dem Gedanken an die britische Zukunft nur den Kopf schütteln: „Ich bin so wütend und so enttäuscht.“

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