Boulevard Berlin: Organisator Moritz Tonn positioniert sich im Werk des Künstlers "Tack". Foto: Maria-Mercedes Hering
© Maria-Mercedes Hering

Boulevard Berlin Bitte fotografieren Sie die Kunst!

Nur wenn der Betrachter mitmacht, ist das Bild komplett: Über eine Ausstellung, in der Handys dringend erwünscht sind.

Klick. Foto. Ständig machen wir mit unseren Smartphones von uns selbst, dem leckeren Mittagessen, dem genialen Konzert der Lieblingsband Fotos. Und dann wird alles in die sozialen Netzwerken hochgeladen. War es nicht auf Instagram, ist es nie passiert.

Im Einkaufszentrum Boulevard Berlin in Steglitz kann diese Foto-Kultur jetzt mit der Weiterverbreitung von Kunstwerken kombiniert werden. Wer sich geschickt fotografieren lässt, verschmilzt mit dem Bild im Hintergrund. Die Besucher können auch selbst zeichnen.

Im zweiten Obergeschoss haben Künstler Staubschutzwände mit Plakaten behängt, mit Graffiti bemalt und besprüht – auf rund 1000 Quadratmetern. Und ist in manchen Kreisen der Kunstszene das ständige fotografieren mit dem Handy verpönt, ist es in dieser Ausstellung ausdrücklich erwünscht. Die Organisatoren wollen, dass die Besucher knipsen und teilen – mit dem Hashtag #BoulevardBerlin.

Einige Bilder werden nur durch das Mitwirken des Publikums komplett. Ein Foto in einem Niederschlag aus Sprühfarbe braucht jemand, der den Griff eines Regenschirms ergreift. Dann sieht es so aus, als würde man gewappnet durch den Farbregen gehen.

Einige Motive und Stile finden sich bereits auf Hauswänden

Ein paar Wände weiter hat Alice Gruen ein Werk geschaffen, das mit einem weißen Häschen an Alice im Wunderland erinnert. Die grauhaarige Frau, die auf dem Bild ein Selfie macht, schaut selbstbewusst in die Kamera ihres Smartphones. Rechts und links von diesem Bild hat die Künstlerin jeweils mit Tafelfarbe ein Rechteck für kreative Besucher geschaffen. Hier können sie mit Kreide selbst ihr kleines Wunderland zeichnen.

Bei einem anderen Bild flattert ein roter Umhang einsam im Wind. Erst wenn jemand sich richtig positioniert, wird die Person in Comicmanier zur Superheldin vor einer Großstadtkulisse.

Wer mal Heldin oder Held sein will, stellt sich vor das Wandbild "Cape" von Künstler Ben Mansour. Foto: Maria-Mercedes Hering Vergrößern
Wer mal Heldin oder Held sein will, stellt sich vor das Wandbild "Cape" von Künstler Ben Mansour. © Maria-Mercedes Hering

Für die interaktive Schau hat Moritz Tonn vom Unternehmen „Uglyduckling“ – im Original ist das Wort durchgestrichen – dreizehn Künstler organisiert, zwölf kennen sich bereits vom Streetart-Projekt „Wandelism“ aus dem vergangenen Jahr. In einem Autohaus in der Wilmersdorfer Wilhelmsaue hatten über 60 Künstler rund 2000 Quadratmeter Wand gestaltet.

Moritz Tonn ist begeistert von den vielen Stilrichtungen der Künstler. Am Ende haben die Werke aber das Ziel, den Betrachter zu integrieren. Einige Motive und Stile dürften gerade Steglitzern bekannt vorkommen, denn so mancher Künstler hat seinen Stempel auch schon dem Stadtteil aufgedrückt, U-Bahnen und Hauswände besprüht.

Künstler arbeiten abends und nachts nach Ladenschluss

Im Boulevard Berlin ist die Straßenkunst, anders als meist in den Straßen der Stadt, ausdrücklich gewünscht, denn hinter den sonst wenig dekorativen Staubschutzwänden wird in den nächsten Monaten umgebaut. Die Wände eignen sich gut für die temporäre Kunst. Zehn Tage hatten die Künstler Zeit, einen Abschnitt zu bearbeiten.

Alle Künstler, die die geruchsintensiven Sprühfarben verwenden, durften nur nach Ladenschluss abends und nachts im Boulevard Berlin arbeiten. Wer aber Pinsel oder Farbrolle benutzte, konnte auch an seinem Werk malen, während andere einkauften. Daniela Uhlig, die selbst nur mit dem Pinsel ihr Bild gestaltete, wurde dabei häufig von Besuchern des Einkaufszentrums auf ihre Arbeit angesprochen.

Normalerweise ist die Berliner Künstlerin digital tätig, da sei das händische Malen etwas Besonderes. Dass um ihr Bild herum so viele verschiedene Werke entstanden sind, freut die Künstlerin.

Sie selbst hat eine Märchenwelt gemalt, mit Feen und einer großen blauen Schildkröte. Ihr Werk funktioniert auch ohne Beteiligung des Publikums, kann einfach betrachtet werden. Auch das Bild des iranischen Künstlers Nafir ist schon komplett. Er verwebt in seinem Plakat alte Muster aus der Teppichproduktion, in der sein Vater arbeitet, und den Silhouetten von Menschen, die in einem ewigen Kreislauf gefangen sind. Es sind auch Frauen abgebildet, die kein Kopftuch tragen. Allein darum dürfe das Werk im Iran nicht gezeigt werden, sagt Organisator Moritz Tonn.

Die Ausstellung im Boulevard Berlin, Schloßstraße 10, kann zu den Öffnungszeiten des Einkaufszentrums von Montag bis Samstag, 10 bis 20 Uhr besucht werden.

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