Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Der Instagram-Post des syrischen Profiboxers Manuel Charr. Auf einem Foto sind sieben Männer zu sehen, die in einem Raum um einen Tisch sitzen und verhandeln (Personen von der Redaktion gepixelt). Instagram
© Instagram

Blutiger Konflikt in Berlin Boxer vermittelt zwischen Clan und Tschetschenen - und verkündet Frieden

Manuel Charr schreibt, dass er als „Friedensstifter“ aufgetreten sei. Ermittler sehen darin etwas anderes: Der Staat wird trotz Straftaten auf Abstand gehalten, eine Paralleljustiz etabliert.

Angehörige einer bekannten deutsch-arabischen Großfamilie und tschetschenische Männer sollen sich nach den blutigen Kämpfen in Berlin auf einen „Frieden“ geeinigt haben. In einem öffentlichen Post des syrisch-libanesischen Profiboxers Manuel Charr ist ein entsprechendes Foto zu sehen, auf dem sieben Männer an einem Tisch sitzen.

Charr schreibt auf der Foto-Plattform Instagram dazu, dass er als „Friedensstifter“ aufgetreten sei. Ermittler bestätigten dem Tagesspiegel, dass Charr – der im Milieu deutsch-arabischer Clans viel Respekt genießt – als Vermittler angerufen worden sei.

Der Boxer rief im Namen Allahs zur Versöhnung und Geduld auf trotz Uneinigkeit in religiösen Fragen. Um sie herum lauerten Feinde. „Frieden in berlin Al Hamdullah es war keine Selbstjustiz alles in Absprache mit der Polizei und meinem Freund wenn 1% Frieden erzeugen kann, dann bin ich als Friedensbotschafter unterwegs“, schrieb Charr in seinem Post.

Am Wochenende hatte es mehrere gegenseitige Angriffe von Clan-Mitgliedern und Tschetschenen gegeben. Elf Menschen wurden durch Messerstiche, Tritte und Schläge verletzt. 

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Die Polizei registrierte auch, dass die Angreifer jeweils auch Schusswaffen bei sich getragen haben. Die Ermittler beim Landeskriminalamt (LKA) vermuten als Ursache für die Eskalation „massive Ehrverletzungen“. Auch Revierkämpfe im Drogenhandel werden nicht ausgeschlossen.

Wegen der verletzten Tschetschenen standen mehrere Krankenhäuser im Fokus der Polizei. Bei den in einer internen Liste genannten Kliniken könnten Clan-Mitglieder auftauchen, heißt es. 

Der Boxer Mahmoud Charr, auch bekannt als Manuel Charr. Foto: dpa Vergrößern
Der Boxer Mahmoud Charr, auch bekannt als Manuel Charr. © dpa

In der Nacht zu Mittwoch beobachteten Zivilfahnder mindestens ein Berliner Krankenhaus. Das erfuhr der Tagesspiegel aus Klinikkreisen. Die Namen der dort behandelten Betroffenen der Kämpfe vom Wochenende wurden in den Akten vorläufig anonymisiert.

Zugleich hatte das für organisierte Kriminalität zuständige LKA-Kommissariat 412 vor einer massiven Mobilisierung in der tschetschenischen Community in ganz Europa gewarnt. Es sei möglich, dass Tschetschenen den Versuch unternehmen, Landsleute aufzufordern, „nach Berlin zu kommen, um die Berliner Tschetschenen zu unterstützen“. 

Polizei soll beide Gruppen vermehrt kontrollieren

Entsprechende Aussagen ließen vermuten, dass die brutalen Attacken fortgesetzt würden. Der Clan und die Tschetschenen seien in der Lage, ein großes Personenpotenzial aus anderen Bundesländern zu aktivieren, die Tschetschenen sogar europaweit. Es sei auch davon auszugehen, dass beide Gruppen über scharfe Waffen verfügten. Alle Polizeikräfte wurden angewiesen, auf Mitglieder beider Gruppen verstärkte zu achten und diese vermehrt zu kontrollieren.

Offenbar im Wissen um die Folgen einer weiteren Eskalation zwischen Arabern und Tschetschenen haben sich beide Seite auf Char als unabhängigen Vermittler geeinigt. Die Ermittler sehen darin jedoch ein anderes Signal: Der Staat wird trotz schwerer Straftaten auf Abstand gehalten und – angesichts des Einflusses beider Gruppen - eine mächtige Paralleljustiz etabliert.

Wie berichtet, waren Mitglieder eines Berliner Zweiges der Großfamilie Remmo zunächst am Samstagabend von jungen Tschetschenen attackiert worden. Vermummt hatten junge Männer am Samstagabend einen Spätkauf-Laden in der Wildenbruchstraße in Neukölln gestürmt, der dem Remmo-Clan zugerechnet wird. 

Eines der Opfer vor dem Neuköllner Späti liegt auf dem Boden. Auch der Mann mit der Bank ist vom Späti. Foto: privat Vergrößern
Eines der Opfer vor dem Neuköllner Späti liegt auf dem Boden. Auch der Mann mit der Bank ist vom Späti. © privat

30 Schläger sollen mit Messern, Stühlen, Wasserpfeifen aufeinander losgegangen sein. Drei Männer - 16, 39 und 46 Jahre alt – wurden durch Schläge und Stiche teilweise schwer verletzt.  

Einer der mutmaßlichen Männer vom Spätkauf kommt seinen Kumpanen zu Hilfe. Er hat ein Hammer in der Hand. Foto: privat Vergrößern
Einer der mutmaßlichen Männer vom Spätkauf kommt seinen Kumpanen zu Hilfe. Er hat ein Hammer in der Hand. © privat

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Attacke auf den Späti zu einem Racheakt am Bahnhof Gesundbrunnen führte. Zeugen berichteten der Polizei, dass sich fünf Personen auf der Straße an einem Porsche unterhielten, als sich drei Wagen näherten und zehn Personen ausstiegen. Die hinzugekommenen Männer hätten mit Messern und Schlagstöcken angegriffen.

Am Sonntagabend folgte der nächste Kampf, wieder in Gesundbrunnen. Circa 20 arabischsprechende Männer griffen gegen 17.30 Uhr zwei Männer an. Ein Video des Vorfalls zeigt, wie drei Männer auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof auf einen 31 Jahre alten Mann eintraten – der Tschetschene war zwischen zwei Fahrzeugen eingekeilt. Aufgenommen wurde das Video aus einem langsam fahrenden Auto.

Tschetschenen, Clans und die organisierte Kriminalität

Wenige Meter weiter, so ist es in dem Clip zu sehen, schlugen Männer von hinten auf einen am Boden liegenden Mann ein. Er versuchte auf allen Vieren zu fliehen, brach aber zusammen. Dazu stach ihm ein Mann mit einem Messer in den Rücken. Das Opfer wurde später als 43 Jahre alter Tschetschene identifiziert. Ein weiteres Video zeigt, wie Zeugen dem blutenden Mann halfen.

Ebenfalls am Sonntagabend gab es eine vierte Attacke, diesmal am Brunnenplatz vor dem Amtsgericht Wedding. Das LKA prüft, ob dieser Fall ebenfalls den Auseinandersetzungen zwischen Remmo-Clan und Tschetschenen zuzurechnen ist. 

Ein 34-Jähriger, laut Polizei russischer Staatsbürger, soll gegen 20.45 Uhr nach einem Streit mit zwei oder drei Männern mit einem Messer attackiert worden sein. Er wurde durch einen Stich am Oberkörper verletzt. Der Mann ließ sich mit einem Taxi in ein Krankenhaus bringen.

Zur Startseite