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Eine hohe Blaualgenkonzentration kann für Mensch und Tier gefährlich sein. Deshalb hat das Lasego ein Badeverbot ausgesprochen. Foto: Lino Mirgeler/picture alliance
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Blaualgen im Tegeler See Das Badeverbot für den Berliner See könnte bald aufgehoben werden

Nach dem Tod mehrerer Hunde gilt nun ein Badeverbot für den See. Doch es wird vielleicht bald wieder gekippt. Auch andere Seen bereiten Sorgen - ohne Blaualgen.

Udo Bockemühl ist sauer. Gerade als das vom Verein Neue Nachbarschaft Moabit in vielen Arbeitseinsätzen hergerichtete Strandbad Tegel nach fünf Jahren endlich wieder öffnen soll, erlässt das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) ein Badeverbot für den Tegeler See – der Tagesspiegel berichtete. Begründung: eine hohe Konzentration sogenannter Blaualgen, die gesundheitsgefährdend sein können.

Bockemühl, der die Bauarbeiten des Vereins im Strandbad geleitet hat, befürchtet einen Imageverlust für den gesamten See. „Nicht nur aus unserer, sondern aus der gesamten Reinickendorfer Tourismus-Sicht ist das eine Katastrophe, weil der Tegeler See dadurch medial gezeichnet wurde, ohne dass klar ist, ob es überhaupt gefährliche Konzentrationen gibt.“

Lageso-Sprecherin Silvia Kostner weist die Vorwürfe zurück. Zwar habe eine aktuelle Untersuchung vom 27.Mai dieses Jahres keine gesundheitsrelevante Konzentration von Blaualgen-Toxinen im Nichtschwimmerbereich ergeben, allerdings wisse man, dass sich das sehr schnell ändern könne.

„Wenn sich mit Blaualgen besiedelte Pflanzenteile vom Untergrund lösen oder an die Wasseroberfläche treiben, können die dabei abgegebenen Toxine für Badende schon eine Rolle spielen.“ Zudem würden die höchsten Konzentrationen im sogenannten Spülsaum mit angeschwemmten Pflanzenteilen nachgewiesen.

Vorsorgliche Badewarnung

Das sei der Bereich, in dem sich vorwiegend Kleinkinder aufhalten. Das Lageso hatte deshalb am 1. Juni zunächst vorsorglich eine Warnung für Badende ausgesprochen und angekündigt, dass die offiziellen Badestellen im Uferbereich fachmännisch von an Land gespülten Pflanzenresten gereinigt würden.

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Doch dann brachen kurz hintereinander vier Hunde nach einem Aufenthalt am Tegeler See zusammen, zwei davon starben. „Das Risiko, dass ein Kleinkind vielleicht nur kurze Zeit aus den Augen gelassen wird und etwas von Pflanzenresten in den Mund nimmt, ist einfach zu groß“, sagt Silvia Kostner: „Deshalb haben wir am Montag ein ausdrückliches Badeverbot für den Tegeler See erlassen. Wir tun so etwas sehr selten, aber eine Warnung allein wird ja doch von manchen Menschen nicht so ernst genommen.“

Vorsicht sei aber bei den unerwünschten Blaualgen durchaus angebracht. Eigentlich sind es gar keine Algen, sondern Bakterien. Genauer gesagt Cyanobakterien, die zwar nur aus ein bis vier Zellen bestehen, aber sogar Elefanten töten können, wie es im vergangenen Jahr in Afrika geschah.

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Denn die Cyanobakterien produzieren Toxine, von denen einige zu den stärksten natürlichen Giften gehören. Allergische Hautreaktionen sind noch die harmlose Folge. Beim Verschlucken von cyanobakterienhaltigem Wasser kann es auch zu Magen- und Darminfektionen kommen. Bereits 2017 waren mehrere Hunde gestorben, nachdem sie mit den Cyanobakterien der Gattung Tychonema in Berührung gekommen waren.

Udo Bockemühl kann trotzdem nicht verstehen, warum das Landesamt für Gesundheit und Soziales aus der Warnung ein Verbot gemacht hat – ohne zuvor erneut Proben zu entnehmen. „Wie also die Konzentration der Blaualgen aussieht, weiß keiner, weil das Lageso trotz erhöhter Werte an seinem 14-tägigen Rhythmus der Probenentnahmen festhält“, sagt er. Und vermutet, dass dies nur geschehen ist, um „haftungsrechtlich bei diesen großen Abständen auf der sicheren Seite zu sein“.

Der einzige Berliner See mit Blaualgen-Problem

Berlins Wildtier-Beauftragter Derk Ehlert geht davon aus, dass das Lageso in solchen Fällen auch außerplanmäßig Proben entnimmt. „Der 14-Tages-Rhythmus ist eine standardisierte Form von Wasseruntersuchungen“, sagt er: „Da viele Blaualgen, die ja eigentlich Bakterien sind, eine etwa zehntägige Wirkungszeit zeigen, macht der praktizierte Probeabstand durchaus Sinn.“

Derzeit ist der Tegeler See der einzige See in Berlin und Brandenburg mit dem Blaualgen-Problem. Und warum ausgerechnet dieses Gewässer nun schon mehrfach durch eine hohe Konzentration betroffen war, weiß eigentlich keiner so richtig. Dass dies stets eher zu Beginn der Badesaison geschieht, hänge damit zusammen, dass es die Cyanobakterien kalt und nährstoffarm mögen, sagt Silvia Kostner: „Sonst haben wir ja eher im August mit jenen Algen Probleme, die Wärme und nährstoffreiches Wasser schätzen.“

Übrigens wurden am Mittwoch erneut Proben entnommen, schon im Laufe des Freitag können die Ergebnisse vorliegen. Vielleicht haben ja die warmen Tage und Nächte den Blaualgen den Garaus gemacht. Dann könnte auch das Strandbad Tegel endlich richtig öffnen.

Auch andere Berliner Seen bereiten Sorgen

Doch der Tegeler See ist nicht das einzige Sorgenkind. Zwar keine Blaualgen, aber Müll, zertrampelte Ufer, aufgeschreckte Tiere beeinträchtigen das Badeerlebnis am Plötzensee: Das Umweltamt Mitte sorgt sich um die Natur an dem See. Um Menschen vom Wildbaden im Landschaftsschutzgebiet abzuhalten, sollen nun weitere Zäune am Südostufer des Sees aufgestellt werden, teilt das Bezirksamt Mitte mit. „Ohne den Schutz der Vegetation kommt es zur Erosion des Bodens. Die Ufer werden ausgespült und die Wurzeln der Bäume verlieren ihren Halt.“

Bei den Besucher:innen kommt das nicht gut an, eine Tagesspiegel-Leserin sagt, sie sei „fassungslos“. Viele Menschen nutzen die Ufer schon seit Jahren zum Baden und waren im vergangenen Jahr über die Zäune geklettert. Ziel des Umweltamts ist die Renaturierung des Geländes. Der Südost-Uferabschnitt soll neu bepflanzt werden, damit einheimische Strauchpflanzen das Ufer vor Erosion schützen.

Unmut gibt es auch am Biesdorfer Baggersee. Baden ist dort seit jeher verboten. Trotzdem wird es schon immer geduldet – und wurde sogar über Jahre vom Bezirksamt gefördert. Eine Liegewiese wurde angelegt, ein Imbiss genehmigt. In diesem Frühjahr ließ die Ordnungsstadträtin Nadja Zivkovic (CDU) jedoch für 90 000 Euro ein Steinufer aufschütten, wo die Leute sonst ins Wasser gingen.

Der Baggersee dient als Regenrückhaltebecken, Abwässer benachbarter Straßen fließen hinein. Das kann zu einer minderen Wasserqualität führen – allerdings nur nach Starkregen.

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