Die berüchtigte Jugendgang "36 Boys" im April 1990 am Kottbusser Tor Foto:
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"Bizim Berlin 89/90" Ausstellung porträtiert junge Deutschtürken im Nachwende-Kreuzberg

Jana Weiss
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Die Bilder des Fotografen Ergun Çagatay zeigen den Alltag der türkischen Community zur Wendezeit in Kreuzberg – zu sehen im Märkischen Museum.

Sie sehen fast genauso aus wie heute: die beklebten und mit Graffiti bemalten Betonwände am Kottbusser Tor, die türkischen Lebensmittelläden mit ihrem draußen gestapelten Obst und Gemüse. Typisch Kreuzberg. Die Fotos, die der türkische Fotograf Ergun Çagatay 1990 in Berlin machte, kurz nach dem Mauerfall, zeigen die türkische Community, ihr Leben, ihre Geschäfte.

Sie zeigen die 36Boys, eine berüchtigte Gang aus Kreuzberg; den Türkischen Bazar, der sich im stillgelegten U-Bahnhof Bülowstraße befand; einen Kebab-Verkäufer in der Mensa der Humboldt-Universität, bei dem die Kunden mit Ost- und Westmark bezahlen konnten.

Deutschtürken im Nachwende-Berlin

Çagatay, der Anfang des Jahres verstarb, bereiste in der Wendezeit Deutschland, um für eine Fotoreportage die zweite Generation türkischer Einwanderer zu dokumentieren. Er war daran interessiert, wie und ob es den Jugendlichen gelang, sich an die deutsche Gesellschaft anzupassen, zugleich aber auch ihre türkische Kultur nicht zu verlieren.

Das Märkische Museum zeigt noch bis zum 16. September die Berliner Fotos dieser Reportage. Aber nicht nur: Die Ausstellung „Bizim Berlin 89/90“ widmet sich auch den Geschichten hinter Çagatays Fotos.

Wie konnten sich die jungen Deutschtürken im Nachwende-Berlin behaupten? Welche Rolle hat Fremdenfeindlichkeit gespielt? Welche Chancen hatten sie? Die Kuratoren haben einige der Porträtierten ausfindig gemacht und ihre Lebensgeschichten weitererzählt.

Dazu können die Besucher sich Audiointerviews anhören, wie die von Muzaffer Tosun und Tuncay Karadeniz, zwei Anführer der 36Boys. Die Gang benannte sich nach dem Postbezirk der Mitglieder, Kreuzberg SO 36. Gegründet wurde sie Ende der Achtziger, zunächst, um sich gegen Rechtsradikale zu wehren, doch der politische Anspruch verschwand bald.

Stattdessen lieferten sie sich Revierkämpfe mit anderen Gruppen, wurden zu einer der gefürchtetsten Jugendgangs Deutschlands. Tosun, der mittlerweile Profiboxer ist, erzählt auch vom starken Zusammenhalt in der Community. Der sei damals viel wichtiger gewesen als heute.

Beschränkter Blick auf Kreuzberg

Eine andere Protagonistin ist Senay Celik, deren Eltern ein Lebensmittelgeschäft in der Bergmannstraße hatten. Celik hat daraus das Knofi gemacht – ein erfolgreiches Feinkostgeschäft. Aber nicht alle Orte und Personen konnten ausfindig gemacht werden. Auch das soll Teil der Ausstellung sein, die Suche nach weiteren Geschichten.

Eine ist schon gefunden: Beim Ausstellungsrundgang in dieser Woche steht Kuratorin Nele Güntheroth vor einem Schwarz-Weiß-Foto von einem Männercafé. Sie wisse nicht sicher, ob das in Berlin sei, sagt sie. Celik kommt dazu und ruft freudig: „Doch! Ich kenne einige der Männer: Die haben in der Bergmannstraße gewohnt.“

Ein bisschen bleibt die Ausstellung hinter ihrem Anspruch zurück, „eine Lücke in der Erzählung von Berlins jüngerer Stadtgeschichte“ zu schließen und die türkische Perspektive auf Mauerfall und staatliche Wiedervereinigung zu geben. Denn die Geschichten, auch die weitererzählten, spielen vor allem in Kreuzberg, wenig erfährt man, warum es auch heute kaum sichtbare Spuren der türkischen Einwanderer im Ostteil der Stadt gibt.

Trotzdem: „Bizim Berlin 89/90“ ist ein schönes Porträt über eine Community, der in der Aufarbeitung der Stadtgeschichte bisher wohl wirklich zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Immerhin hat sie Berlin geprägt wie keine zweite.

Die Ausstellung „Bizim Berlin 89/90“ läuft noch bis zum 16. September im Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, Mitte. Di–So 10–18 Uhr, Eintritt frei

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