Keine Nackedeis mehr. Jedenfalls an den Badestellen an den sieben Gewässern im Naturpark Uckermärkische Seen. Foto: imago/Werner Otto
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Bizarrer Streit in der Uckermark Wegen Nudisten-Yoga – Nacktbaden in Lychen verboten

In der uckermärkischen Stadt Lychen ist ein erbitterter Streit um ein Nacktbadeverbot entbrannt. Unbekannte drohen gar, Dieselkraftstoff in die Seen zu kippen.

Die kleine Stadt Lychen liegt idyllisch an sieben Gewässern im Naturpark Uckermärkische Seen. Gebadet wird hier seit Ewigkeiten und seit immerhin schon hundert Jahren auch nackt. Doch damit ist jetzt Schluss. Die Stadtverordnetenversammlung hat ein Nacktbadeverbot beschlossen.

Ein Stadtverordneter ist deshalb sogar von seinen Ämtern zurückgetreten. Und die parteilose Bürgermeisterin Karola Grundlach hat sogar einen Erpresser-Brief bekommen: mit der Drohung, alle Seen zu vergiften, wenn das Verbot aufrechterhalten wird. Unter den etwas mehr als dreieinhalbtausend Einwohnern von Lychen ist die Stimmung derzeit ziemlich angespannt.

„Ich bin ganz bestimmt nicht prüde", sagt ein Mann. „Und früher habe ich selbst gern ohne Klamotten gebadet. Allerdings nicht hinterher noch splitternackt Yoga gemacht oder Volleyball gespielt. Diesen Anblick möchte ich nicht jedem zumuten, vor allem nicht meinen Enkelkindern.“

Ein anderer hält dagegen: „Warum dürfen Kinder keine nackten Menschen sehen?“, fragt er. „Was soll dieser Rückfall ins Mittelalter?“ Diese Meinungen sind beispielhaft für die Fronten im Nacktbadestreit in Lychen.

Thomas Held ist Stadtverordneter für die Wählerinitiative „Schön hier – gemeinsam für Lychen“ und betreibt die Pension Vogelgesang, in der auch Yoga-Kurse angeboten werden. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass die das Nacktbadeverbot auf der Stadtverordnetenversammlung einfach so beschlossen haben“, sagt er.

„Die“ – das sind die Bürgermeisterin und die Abgeordneten der Fraktion „Lychen tut gut“, zu den auch Jan Genschow gehört. „Warum kann man einen absolut demokratisch gefassten Beschluss nicht einfach akzeptieren?“, fragt er. „Zumal es hier nur um die offiziellen, also sozusagen von der Stadt betriebenen sechs oder sieben Badestellen geht. Es gibt ja noch hundert andere. Und da kann auch weiterhin nackt gebadet werden.“

Allerdings nur mit Einschränkungen, argumentiert Thomas Held. „Wiesen oder andere Liegeflächen sind dort sehr eingeschränkt vorhanden. Und in zwei Ortsteilen gibt es nur die offiziellen Badestellen.“

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Bürgermeisterin Karola Grundlach verweist darauf, dass man ja überall auch vom Boot aus nackt baden dürfe. „Das ist auch schon ein Kompromiss“, sagte sie dem Tagesspiegel: „Ich kann mir vorstellen, dass man sich auch noch etwas anderes überlegt, was die Situation entspannt.“ Das Verbot sei aber letztlich erlassen worden, „weil es Beschwerden gab, insbesondere auch von jungen Eltern mit Kindern“.

Paddeln auf dem Oberpfuhlsee in Lychen in der Uckermark. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Paddeln auf dem Oberpfuhlsee in Lychen in der Uckermark. © Kitty Kleist-Heinrich

Thomas Held hat dennoch öffentlich angekündigt, weiter nackt baden zu gehen und einen eventuellen Bußgeldentscheid rechtlich anzufechten. Bis zu 500 Euro kann das Nacktbaden nach der neuen Lychener Badeordnung kosten – noch teurer ist es wahrscheinlich nur im Iran, witzelt mancher in der Stadt.

Ein Stadtverordneter tritt aus Protest zurück

Helmut Bergsträßer ist hingegen das Lachen vergangen. Nach dem Nacktbadeverbot beziehungsweise der Badeverordnung ist er von allen seinen ehrenamtlichen Ämtern zurückgetreten. „Aus Sorge um meine Gesundheit“, sagt er. „Und weil ich den Eindruck habe, nichts mehr bewirken zu können.“

Bergsträßer hat den Ausschuss für Tourismus, Ordnung und Umwelt geleitet. „Da hätte die neue Badeordnung zuvor behandelt werden müssen, bevor sie beschlossen wird“, sagt er. „Das ist aber nicht geschehen. Und eine Diskussion darüber hat es weder in der Stadtverordnetenversammlung noch zuvor in der Bevölkerung gegeben.“

Die Stadt Lychen - was man wissen muss

  • Lychen nennt sich Flößerstadt und liegt im Naturpark Uckermärkische Seen, im Land Brandenburg.
  • Die Stadt liegt eingebettet zwischen sieben Seen und vielen Wäldern und

    ist eineinhalb Stunden von Berlin entfernt.

  • Zu Wasser kann man die Seenlandschaft mit Kanus und Ruderbooten sowie mit dem Floß oder dem Fahrgastschiff erkunden.
  • An Land bietet sich die Region für Wanderungen, Radfahrten, Draisinen-Fahrten oder auf dem Maultier an.
  • Sehenswürdigkeiten sind das Flößereimuseum, die St. Johanneskirche aus dem 13. Jahrhundert, das Rathaus und die Stadtmauer.
  • Weitere Reisetipps zur Uckermark finden sie weiter unten..

Die Bevölkerung in Lychen ist vor allem überrascht, dass man sich sogar in Berlin, von wo allerdings im Sommer viele Tagestouristen kommen, für das Thema interessiert. „Hier waren schon mehrere Fernsehsender“, sagt eine Einwohnerin.

Sie hat gehört, dass es vor allem um zwei Badestellen geht, in denen die Anhänger der Nacktkultur ihren Lebensstil zelebrieren: „Wenn da mal jemand fragt, ob das nicht auch mit ein wenig mehr Rücksicht auf andere geht, bekommt er nur eine freche Antwort. Das kann mit der neuen Badeordnung nun anders werden.“

„Was machen die alten Menschen da“

Eine Mutter berichtet, dass ihre sieben und acht Jahre alten Söhne gefragt hätten, „was die alten Menschen da machen“, als diese ihre Yoga-Übungen am Strand praktizierten: – „teilweise mit ausgebreiteten Beinen, in allen möglichen und unmöglichen Stellungen“.

Eine andere Mutter sagt, dass ihre zehnjährige Tochter mit gleichaltrigen Freundinnen auch schon mal allein zum Baden fährt. Die Kinder seien einerseits neugierig, fühlten sich andererseits aber auch überfordert durch die nackten Menschen.

Oben ohne: Ein Floss mit Anglern auf dem Oberpfuhlsee in Lychen in der Uckermark. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Oben ohne: Ein Floss mit Anglern auf dem Oberpfuhlsee in Lychen in der Uckermark. © Kitty Kleist-Heinrich

Thomas Held kann darin kein Problem entdecken. „Viele Nacktbader haben ja selbst Kinder, die sie mitbringen“, sagt er. Und weist Spekulationen, wonach es sich bei dem Streit um einen Ost-West-Konflikt handele, vehement zurück.

Werden die FKK-Ossis plötzlich prüde?

Viele Leser-Kommentare unter den Pressebeiträgen vermuten zwar, die zugezogenen Wessis hätten etwas gegen die in der DDR weit verbreitete Freikörperkultur (FKK), sagt er: „Aber das ist nicht der Fall. Eher sind die Gegner des Nacktbadens vor allem Einheimische. Aber eigentlich gehen die Meinung sowohl bei ihnen als auch bei Zugezogenen völlig auseinander.“

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Dass jemand mit Vergiftung der Seen droht, findet auch Held absolut inakzeptabel. Allerdings müsse der Drohbrief nicht per se von einem Anhänger des Nacktbadens gekommen sein. „Ihnen schadet doch ein solcher Brief am meisten“, sagt er.

Ein Sprecher der Polizeidirektion Frankfurt (Oder) bestätigte, dass ein Unbekannter gedroht habe, „20 Liter Dieselkraftstoff oder Schlimmeres“ in jeden Badesee von Lychen zu kippen, falls das Nacktbadeverbot durchgesetzt wird.

Der Sachverhalt sei der Polizei bereits Anfang Juni angezeigt worden, es werde wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten ermittelt. Bislang gegen Unbekannt, denn einen Verdächtigen habe man noch nicht, was einige Lychener wundert.

Sie sind davon überzeugt, dass der oder die Täter bei der umstrittenen Einwohnerversammlung anwesend waren. Wegen der Coronapandemie hatten sich damals alle Besucher in eine Liste eintragen müssen.

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