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Die Erzieherinnen sind das Tor zur Welt

Stuck und Altbau. Wer im Akazienkiez wohnt hat oft eine gute Ausbildung und einen guten Job. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Bio-Kita und Brennpunkt-Kita in Berlin Ene, mene, muh, und raus bist du

Der Kinderladen, das ist eine große Erdgeschosswohnung im zweiten Hinterhaus, drei Räume, eine Küche, ein Bad, ein kleiner Garten. Draußen die Kulissen einer heilen Welt: Altbauten, mit Stuck und Statuen verziert, hinter jedem Busch ein kleiner oder großer Spielplatz, eine Buchhandlung für Spiritualität. Feinkostläden, Weinhandlungen und eine Eismanufaktur, in der die Bio-Eiskugel 1,20 Euro kostet. Ein Kiez zum Wohlfühlen, ein Kinderladen zum Liebhaben. An einer Ampel üben zwei Polizisten mit Grundschülern Verkehrszeichen-Lesen. An einer Laterne hängt ein Zettel: Nette Familie, sie Ärztin, er Psychologe, zwei Kinder, sucht Wohnung im Akazienkiez, mindestens vier Zimmer, mindestens 120 Quadratmeter, höchstens 1800 Euro warm.

800 Meter weiter, in der anderen Welt, im Bülowkiez, kostet das Wassereis aus der Plastiktüte zehn Cent. Die Kita wirkt beim ersten Durchgang groß und verworren, wie ein Labyrinth, hinter jedem Gang, nach jeder Treppe taucht eine neue Tür mit noch mehr Kindern auf. Auf manchen stehen Namen wie „Regenwald“, andere heißen nur „Gruppe vorne links“ oder „hinten rechts“.

An den Wänden hängen Ankündigungen für das Straßenfest, für einen Bücherbasar, die neue Sprachtherapeutin und eine Frühkraft stellen sich vor. Eine Unterschriftenaktion von Frau Schmelter gegen den Müll vor der Tür, ein Wochenplan vom Familienzentrum: Erziehungsberatung, Spielenachmittag, Sportgruppen, Kunsttherapie, Rechtsberatung. Zettel über Zettel, auf Deutsch, Türkisch und Arabisch.

Er kann lieb schauen - doch ständig tut er anderen weh

Ich bin in der Gruppe vorne links. „Gülay“, stellt sich die Erzieherin vor. Groß ist sie, silberne Strähnen durchziehen ihr schwarzes Haar, ihr Gesicht verrät die Anstrengungen des Lebens. Gülay kommt aus der Türkei. Seit mehr als zehn Jahren lebt sie hier. „Erzieherin ist das, was ich bin“, sagt sie, dann hat sie genug geredet, jetzt sind die Kinder dran. Sanft und ruhig dirigiert sie sie durch den Tag. Die Kleinen hängen an ihr, laufen ihr hinterher, lassen sie nicht aus den Augen. Gülay, die Beschützerin, die Bärenmama. Sie geht vor, die Kleinen tapsen hinterher.

Fernando und Husein, beide sechs Jahre alt, sind morgens die Ersten. Husein ist gedrungen und langsam, Fernando schlank und kräftig. Husein ist einer, der verschwindet. Fernando fällt auf. Seine Augen können lieb schauen, seine Gesichtszüge weich werden, knuddelig wie die eines Teddys. Wenn er Soraya, dem blinden Mädchen, Essen auftut oder ihr Wasser ins Glas füllt. Wenn er mich fragt, wo mein Vater lebt, wie ich heiße und ob ich ein Tablet habe. Ein süßer Junge. Ich habe ihn den „Nackenwürger“ getauft.

Die Erzieherinnen sind Vertrauenspersonen

Eine Mutter schaut herein, sie bringt ihre Tochter. Beide wirken erschöpft, der Mutter ist anzusehen, dass etwas nicht stimmt. Sie müsse dringend mit der Erzieherin sprechen, sagt sie. Gülay schaut in den Raum, vier Frühkinder, alles friedlich. Ein paar Minuten für die Mutter sind drin, müssen drin sein, ich bin ja auch noch da.

Notgespräche passieren häufig, berichtet Frau Schmelter, berichten auch die anderen Erzieherinnen, die für die Eltern die ersten Vertrauenspersonen sind, wenn es um Probleme geht. Sie sind das Tor zu der Welt da draußen, außerhalb des Viertels. Nicht nur Gülay, auch andere Erzieherinnen sprechen Deutsch, Kurdisch, Arabisch, können übersetzen, in die andere Sprache und damit auch in die andere Welt, sie können die Bürokratie erklären, die Anforderungen, die Ansprüche.

Der Kontakt mit den Eltern ist wichtig, auch für die Erzieherinnen selbst. Sie können nachfragen, warum das Kind so unter Spannung steht. Sie können die Tochter trösten, wenn sie erfahren, dass am Wochenende zwei Verwandte bei einem Autounfall gestorben sind. Doch Kinder, die viel Aufmerksamkeit brauchen, und Eltern, die viel Aufmerksamkeit brauchen, das summiert sich. Das Rad dreht sich, immer schneller, bis die Erzieherinnen nicht mehr können, bis die Energie alle ist.

Er lässt die Schelte über sich ergehen und düst davon

Kaum ist Gülay auf dem Gang, die Tür offen, fangen Fernando und Husein an zu streiten. Wer welche Spiele auf dem Tablet hat und noch herunterladen wird. Ob Spiderman stärker ist oder Batman. Harmlose Worte, wütende Gesichter.

Du hast doch gar kein Tablet!

Doch!

Du! Hast! Kein! Tablet!

Doch, von meinem Vater!

Plötzlich reißt Fernando die Hände hoch, legt sie Husein um den Hals, drückt zu, würgt ihn. Ich bin überfordert. Normal ist das nicht. Was soll ich machen? Gülay holen? Dauert zu lange. „Fernando“, sage ich, „lass Husein in Ruhe.“ Fernando schaut mich an, registriert einen Erwachsenen. Doch er drückt weiter zu. Husein hält still. „Fernando!“ Nachdruck in meiner Stimme. Er lässt die Hände sinken, schaut mich an, tieftraurige Augen. „Aber mein Papa hat ein Tablet, das kriege ich, wenn ich ihn sehe.“

Der Garten: langweilig. Die Spielsachen: langweilig

An jedem einzelnen Tag dieser Woche wird Fernando hauen, mit Sand werfen, andere vom Dreirad schubsen, seinen Nackenwürgegriff einsetzen, wild an der Hängematte zerren, bis die Kinder darin weinen. An jedem einzelnen Tag wird er Auszeiten bekommen. Dann sitzt Fernando neben einer Erzieherin und wartet, bis sie ihn wieder gehen lässt. Mit gleichgültigem Blick erträgt er seine Strafe, die Schelte lässt er über sich ergehen, dann düst er davon. Fernando ist ein I-Kind. Ein Integrationskind, Status A, also ein Kind mit „erhöhtem Bedarf an sozialpädagogischer Hilfe“. Eigentlich müsste er nach dem Sommer in die Schule gehen. Doch er wird zurückgestellt, er ist noch nicht so weit, er bleibt noch ein Jahr. Für die Bülow-Kita ein Problem, denn Fernando wird einfach zu groß, ist es eigentlich jetzt schon. Der Garten: langweilig. Die Spielsachen: langweilig.

„Was sollen wir machen?“, fragt Janett, die Fernando gerade wieder hat gehen lassen. „Eingreifen, ermahnen, versuchen, Mitgefühl für die anderen Kinder zu wecken. Immer wieder. Und dabei hoffen, dass etwas hängen bleibt.“ Janett ist neu in der Kita. Sie ist Erziehungshelferin, von einer Zeitarbeitsfirma, als Ersatz für eine dauerkranke Kollegin eingesprungen. Monatelang hielt das Team der „Gruppe vorne links“ zu dritt durch, bis Janett sie rettete. Und weil sie gut ankommt, darf sie bleiben, für eine berufsbegleitende Erzieherausbildung. Janett ist eine Quereinsteigerin. So kommen Leute in den Beruf, die vorher etwas anderes gemacht haben. Das Problem: Sie werden auf den Personalschlüssel angerechnet und gelten als volle Erzieher, müssen aber gleichzeitig von wirklich vollen Erziehern angeleitet werden. Das passiert nebenbei, mit der einen Hand, während die andere Hand die Kinder jongliert, die dritte Hand die Eltern übernimmt und die vierte Dokumentationen und Beobachtungen schreibt, Sprachstanderhebungen und Lerntagebücher ausfüllt.

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