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Die Eltern sind die Arbeitgeber der Erzieher

Idylle. Im Kinderladen schreit niemand. Keiner stört, keiner stänkert. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Bio-Kita und Brennpunkt-Kita in Berlin Ene, mene, muh, und raus bist du

Wenn die Kinder hier mal streiten, klingt es so:

Mädchen: Mein Flugzeug.

Junge: Nein, das gehört dem Kinderladen.

Mädchen: Und ich darf das Flugzeug haben.

Junge: Ja, du darfst es haben, aber ich auch.

Mädchen: Nein, es gehört ja dem Kinderladen.

Junge: Na gut.

Jeder Quadratzentimeter des Drei-Zimmer-Kinderladens ist mit Bildung, Förderung, Möglichkeiten vollgestopft. An den Wänden hängen die Namen der Kinder in deutschen, hebräischen und kyrillischen Buchstaben. Auf Zetteln wird erklärt, wo ihre Eltern herkommen, woher die Kinder ihre Namen haben. Auf den Möbeln kleben Streifen mit Bezeichnungen: Stuhl, Tisch, Schrank.

Mich beachten die Kinder gar nicht. Niemand fragt, wie ich heiße, was ich hier mache, niemand will, dass ich mit ihm spiele. Die Kinder sind satt, sie bekommen so viel Aufmerksamkeit, dass sie keine zusätzliche brauchen. Sind zufrieden mit sich und ihrer Welt: Liebe, Betreuung, Förderung, alles da, alles im Überfluss.

Alle drehen sich um die eigene Achse

Trotzdem ist da der Seufzer vom Anfang. Von Vanessa, der Kinderladenleiterin. Über die Eltern. Mit Eltern ist es anscheinend so eine Sache. Ohne Eltern gäbe es keine Kinder und gäbe es keine Kinderläden. Eltern sind hier Vorstand, Eltern machen die Abrechnungen, Eltern sind die Arbeitgeber der Erzieher und gleichzeitig ihre Kunden. Und an diesem Punkt gibt es manchmal Probleme, gibt es Stunk. Keinen offensichtlichen Stunk, keinen, der von Angesicht zu Angesicht geklärt wird. Sondern Stunk, der in den E-Mail-Postfächern vor sich hinstinkt, wo detaillierte Pläne für die Vorschularbeit des nächsten Jahres gefordert werden, wo ungenügende Projektarbeit kritisiert wird.

Nadine muss diesen Stunk verwalten. Sie ist die Mutter von zwei Jungs und im Kinderladen als Elternvorstand tätig. Sie sitzt zwischen den Erzieherinnen und den Mails und fühlt sich zunehmend eingequetscht. Beim letzten Elternabend hat sie mit ihrem Rücktritt gedroht, sollte es nicht friedlicher werden. Sie selbst gehört zu den lockeren Vertretern in der Förderdebatte. Ihr reicht es, dass die Vierjährigen zählen können bis zum Umfallen, ihren Namen schreiben, Nummernschilder entziffern und Automarken benennen können. „Doch leider sind wir zwölf Elternplaneten, und alle drehen sich um die eigene Achse“, sagt sie.

„Klavier, Geige, Ballett, das ist sicher alles gut gemeint“

Mareike, die Erzieherin, weiß, wie das gemeint ist. Thema Vorschule: „Wir bauen alles, was die Kinder wissen müssen, in den Alltag ein“, sagt sie. „Aber sich eine Stunde hinsetzen und Schule spielen, das brauchen die Kinder nicht.“ Sie erzählt, wie einmal eine Mutter in den Kinderladen gehetzt kam. Schnell, der Kleine muss zum Geigenunterricht, Schuhe an, Jacke an. Der Vierjährige: Mama, schau mal! Doch die Mutter drängte, keine Zeit, sofort los. „Klavier, Geige, Ballett, das ist sicher alles gut gemeint“, sagt Mareike. „Aber der Junge wollte gerade zeigen, dass er zum ersten Mal seine Jacke allein auf- und zubekommen hat.“

Die ehemalige Leiterin einer einer anderen, ähnlichen Kita in Schöneberg erklärt das Dilemma so: Eltern im Akazienkiez, das seien meist Pärchen mit sehr guter Ausbildung, mit tollen Jobs, das Kinderkriegen ist das I-Tüpfelchen ihres Lebens. Sie haben hohe Ansprüche, an sich wie an die Kinder. Sie müssen funktionieren, die Kinder sollen es auch. Gleichzeitig spüren sie eine wachsende Unsicherheit, einen Zwang, alles richtig machen zu müssen. Genau an dieser Stelle, sagt die Erzieherin, müssen die Kita-Mitarbeiter helfen. Sie müssen den Eltern zeigen, dass mit dem Kind alles in Ordnung ist, auch wenn es das eine oder andere noch nicht kann, wenn es sich partout nicht für den Ballettunterricht interessiert.

Echte, unbändige Kinderfreude

Mir gehen Heval und Fernando aus der Bülow-Kita nicht aus dem Kopf. Wenn schon keine Akazien-Eltern in den Bülowkiez wollen, wenn die Durchmischung in diese Richtung nicht funktioniert, könnte man dann nicht einfach einen Fernando oder eine Heval im Akazien-Kinderladen aufnehmen, damit auch sie etwas abbekommen von den Fördermöglichkeiten?

Als ich Vanessa aus dem Akazien-Kinderladen diese Frage stelle, schweigt sie und denkt lange nach. „Hier haben wir keine Armut und auch kaum Trennungen“, sagt sie dann. „Wenn hier ein Kind auffällig würde, da würde das Verständnis der Eltern fehlen.“ Sie überlegt weiter. „Eigentlich nein. Das können wir hier nicht leisten.“

Zwei Wochen Praktika, fünf Tage Akazien-Kinderladen, fünf Tage Bülow-Kita. Wenn ich jetzt Erzieher werden würde, wenn ich mich entscheiden müsste zwischen der einen oder der anderen, ich würde die Brennpunkt-Kita nehmen. Um es mit Jennys Worten zu sagen: „Was soll ich woanders, hier werde ich gebraucht.“ Vielleicht bin ich naiv. Oder noch nicht gestresst genug. Doch die Kinderfreude, die mir hier entgegenschlug, wenn ich morgens kam, die tausend Fragen, das Lachen – all das war echt und unbändig. Probleme hin oder her.

Die Namen aller Kinder wurden geändert.

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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