Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland

Der Kiez ist Gefängnis und Heimat zugleich

Bio-Kita und Brennpunkt-Kita in Berlin Ene, mene, muh, und raus bist du

„Es ist der erste Eindruck, und der zählt. Gegen den komme ich nicht an“, sagt Frau Schmelter. Zum ersten Eindruck gehört auch die Umgebung. Bedrückende Neubaublocks, aus der Zeit gefallene Sozialbauten. Automatencasinos, Handyshops, Stehimbisse mit Bierflaschenmümmlern. Auf den Straßen Möbelskelette und alte Fernseher. Und all jene, die vom Rotlichtmilieu eine Straße weiter angezogen werden, Prostituierte, Freier, Zuhälter.

Wenn die Kita das Herz des Blocks ist, ist die Steinmetzstraße ihre Hauptschlagader. Autofrei, Jugendliche spielen Fußball, Männer hocken zusammen und trinken Tee, aus einer Eckkneipe scheppert Musik. Auf einer Steinbank stehen zwei Fotos, zwei Gesichter hinter Glas, zwischen Blumen und flackernden Kerzen. Zwei Brüder. Ein Unfall auf der Autobahn. Fünf Frauen sitzen um das kleine Mahnmal, weinen und schauen zu Boden. Die beiden haben hier gewohnt, nun sind sie in ihrem BMW verbrannt, „B.Z.“ und „Bild“ beschreiben sie als „die Unterweltkönige“ von Berlin, als „die Kriminellen“ aus der Steinmetzstraße.

Das Quartiersmanagement gibt dem Gebiet die Kategorie zwei und konstatiert einen „mittleren Interventionsbedarf“. Die Gründe: hoher Anteil von Arbeitslosen, von Menschen mit Zuwanderungserfahrung und Empfängern von Transferleistungen.

Das Leben im Bülow-Kiez bietet wenige Perspektiven. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Das Leben im Bülow-Kiez bietet wenige Perspektiven. © Kitty Kleist-Heinrich

Einer, der diese Worthülsen übersetzen kann, ist der Sozialarbeiter vom Nachbarschaftszentrum, das gleich neben der Bülow-Kita liegt. Ein Mann, der mir zur Begrüßung lange in die Augen schaut. Der nicht gleich losredet, sondern die Ruhe sucht. Seit mehr als zehn Jahren ist Hamad Nasser schon in der Steinmetzstraße, und weil er als Sozialarbeiter Optimist sein muss, redet er von Fortschritten und Entwicklungen. Neulich haben sie den ersten Jura-Abschluss im Kiez gefeiert. Gerade hat ein junger Mann sein Abitur bestanden, in der Vätergruppe werden sie ihn ehren. Fortschritt ist, wenn immer mehr Helfer ins Zentrum kommen und mit den Kindern Hausaufgaben machen, sogar ein alter Professor ist dabei. Fortschritt ist, dass das große Casino zugemacht wurde und die Spielautomaten weniger werden, dass die Junkies mit ihren Spritzen in andere Straßen gewechselt sind.

Die Perspektiven der Bewohner enden an der Hauptstraße

Beim Thema Perspektiven versagt Nassers Zweckzuversicht. Er erklärt das Dilemma: Die Frauen, die Mütter, arbeiten bei Woolworth um die Ecke, die Jugendlichen bei Burger King, auch um die Ecke, die Männer betreiben Kioske, Spätis, Handyshops, auch um die Ecke. Manche gehen den Weg der beiden Brüder, deren Fotos in der Steinmetzstraße stehen. Andere gehen zum Amt. Das Viertel ist sich selbst genug, die Perspektiven seiner Bewohner enden an der Hauptstraße.

Viele der älteren Kiezbewohner kamen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, als Flüchtlinge. Aus Afghanistan, Libanon, Palästina, aus dem Iran. Hochtraumatisiert landeten sie im Bülowkiez. Der jahrelange Kampf um Asylstatus und Arbeitserlaubnis folgte. Hinzu kamen Schwierigkeiten, sich in der hiesigen Welt zurechtzufinden. Ein Kreislauf begann, der bis heute andauert, die Bülow-Kita hängt mittendrin. Es gibt hier Eltern, die als Kinder selbst in der Bülow-Kita waren und nun ihre eigenen Kinder herbringen, zur selben Erzieherin wie vor 25 Jahren. Es ist verzwickt, der Block ist Gefängnis und Heimat zugleich. Kein guter Ort, wenn aus dem eigenen Kind einmal mehr werden soll.

Die Akademiker-Eltern wollen noch mehr Vorschule

Mitten in der anderen Welt, der Welt der Akademiker, im Kinderladen im Akazienkiez, sitzt Vanessa. Auch sie seufzt, doch ihr Seufzer ist lauter und wütender als der von Frau Schmelter. Vanessa ist 41, Erzieherin und Leiterin des Akazien-Kinderladens. Außerdem schreibt sie gerade ihre Bachelorarbeit und ist Mutter von vier Kindern. Vanessa sitzt auf einem kleinen Kinderstuhl an einem kleinen Kindertisch, mit großen Problemen in der Hand. Ausgedruckte E-Mails. Forderungen von Eltern. Erst schimpft Vanessa, dann setzt sie noch einmal an, überlegt, formuliert diplomatischer. „Wir haben hier tolle Eltern, die sich sehr engagieren. Doch einige von ihnen machen sich wirklich Sorgen, dass ihre Kinder den Anschluss nicht schaffen, dass sie hier nicht genügend auf die Schule vorbereitet werden.“ Im Klartext: Mehr Vorschule soll her, mehr Projekte, in denen die Kinder noch besser forschen und lernen, in denen sie optimaler gefördert werden.

Der erste Eindruck im Kinderladen: klein, lieb, süß. In jeder Ecke Förderung. Kinder bauen, Kinder malen oder kneten, Kinder spielen Vater, Mutter, Kind. Niemand haut, niemand schreit, niemand schubst. „Bitte“, „danke“ und „könnte ich“. Falls es doch einmal Streit gibt, haben sich die Kinder etwas überlegt. Eine gelbe Karte als Verwarnung, eine rote Karte für „spiel woanders“, eine grüne Karte für „du darfst wieder mitmachen“. An der Wand im Flur hängt der Kalenderspruch des Tages: „Die Eltern von heute haben zu viele Ideen im Kopf, was für Kinder gut und richtig ist, was man alles machen muss.“

Zur Startseite