V.l.n.r.: Sandra Scheeres, Klaus Böger und Jürgen Zöllner (alle SPD). Foto: Kitty Kleist Heinrich (1;3), Mike Wolff (2)
© Kitty Kleist Heinrich (1;3), Mike Wolff (2)

Bildungsressort als Höllenkommando Warum Berlins Schulsenatoren kein Glück haben

Lehrermangel, hoher Krankenstand, Folgen des Sparzwangs: Das Bildungsressort gilt als das schwierigste der Stadt. Eine Analyse.

Was wäre der sicherste Weg, aus Everybody’s Darling, dem derzeit dauerhaft beliebtesten Politiker der Stadt, also Kultursenator Klaus Lederer, Berlins unbeliebtestes Regierungsmitglied zu machen?

Antwort: Man müsste ihn nur ein paar Monate an die Spitze der Senatsverwaltung für Bildung setzen.

Berlins Bildungsressort ist ein Höllenkommando. Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man sich ansieht, wie es den Schulsenatoren seit der Wende so ging: Egal, wer oben saß – er oder sie landete immer sehr schnell im Umfragekeller. Dafür sorgte die geballte Masse der rund 30.000 Lehrer, eine sehr mächtige Gewerkschaft sowie eine Million Eltern und Großeltern.

Selbst ein gut vernetzter und selbstbewusster Strippenzieher wie der erfolgreiche SPD-Fraktionschef Klaus Böger wurde in Windeseile zum Paria des Senats (1999-2006), sobald er das Bildungsressort übernommen hatte – wegen der Sparvorgaben, die er umzusetzen hatte und wegen überzogener Reformen. Der Rütli-Brandbrief tat sein übriges.

Sogar ein bundespolitisches Schwergewicht wie der hoch angesehene rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister und stellvertretende Ministerpräsident Jürgen Zöllner (SPD) – erfahren, analytisch, eloquent – hatte 2006-2011 als Berlins Bildungssenator zu kämpfen: Es gelang ihm zwar, die Hauptschulen abzuschaffen und – trotz der Sparpolitik – eine dreistellige Millionensumme in die Schulsanierung zu stecken, aber die Rückkehr zur Lehrerverbeamtung konnte er gegen den damaligen Senatschef Klaus Wowereit (SPD) nicht durchsetzen.

Der frühere Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) bei einem Interview im Februar 2011. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Der frühere Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) bei einem Interview im Februar 2011. © Kitty Kleist-Heinrich

Und bei Lehrereinstellungen, erinnert sich Zöllner, wurde ihm schon mal persönliche Haftung angedroht, weil es zu viele wären. Er stellte trotzdem ein. Aber seine Umfragewerte waren kaum besser als die von Böger vor ihm und der aktuellen SPD-Senatorin Scheeres nach ihm.

„Die Eltern und Lehrer gucken mehr auf das, was nicht funktioniert“

Warum gibt es immer den gleichen Befund – selbst jetzt, wo das Geld fließt?

„Wenn man Sachen verändert, dann führt das zu Diskussionen“, versucht Scheeres eine Antwort. Das sei eben der Preis für ein Ressort, in dem man viel gestalten könne: „Und wo man viel gestaltet, wird viel verändert.“ Die Bildungspolitiker seien „bundesweit in der Kritik“ – nicht nur in Berlin, sagt die Senatorin.

Stimmt das? Anruf in Hamburg: Die dortige Bildungslandschaft wirkt von hier aus wie das Paradies auf Erden, weil sie bei der Lehrerversorgung und dem baulichen Zustand der Schulen der in Berlin weit voraus ist. Selbst die Schülerleistungen wurden besser, sodass Ressortchef Ties Rabe (SPD) zuletzt sogar aus der Ecke der empirischen Bildungsforschung Lob bekam. Und, hat’s ihm geholfen?

„Die Eltern und Lehrer gucken mehr auf das, was nicht funktioniert“, sagt eine Hamburger Lehrerin, die zuvor zehn Jahre in Berlin unterrichtet hat. Im Rückblick und im Vergleich zu heute sagt sie: „Ist es nicht immer so, dass man sich nicht ausreichend von der Schulbehörde und dem Schulsenator unterstützt fühlt?“ Auch die Hamburger Lehrer spürten „jeden Tag aufs Neue, dass es an Ausstattung und Personal fehlt“.

Der frühere Bildungssenator Klaus Böger 2006 im Abgeordnetenhaus. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Der frühere Bildungssenator Klaus Böger 2006 im Abgeordnetenhaus. © Doris Spiekermann-Klaas

Allerdings gibt sie zu, dass die Hamburger Lehrerschaft vergleichsweise gut aufgestellt ist: Niedriger Altersschnitt, wenige Quereinsteiger. Das verringert die Zahl der Brandbriefe. Zudem gibt es weniger Reibungsverluste in der Verwaltung, weil die Aufgaben – anders als in Berlin – nicht zwischen Senat und Bezirken aufgeteilt sind. Die Bildungsbehörde kann demnach nicht mit dem Finger auf die Bezirke zeigen, wenn die Schulen verrotten – und das tut der Hamburger Bausubstanz gut.

830 langzeitkranke Lehrer in Berlin, 320 in Bayern

Dass in Berlin manches schlechter läuft als anderswo, zeigt nicht nur der Blick auf Hamburgs Schulbau, Personalrekrutierung und Leistungsverbesserung. Es gibt noch ein anderes aussagekräftiges Kriterium, und zwar die Lehrergesundheit: Die hohe Zahl von Langzeitkranken beschäftigt die Berliner Schulbehörde seit vielen Jahren, weil sie den Unterrichtsausfall hoch treibt und ungeheure Kosten verursacht. Die Quote liegt laut Bildungsverwaltung bei 2,45 Prozent, vor einigen Jahren sogar bei vier Prozent Damals fehlten weit über 1000 Lehrer monate- und jahrelang, aktuell rund 830.

Muss das so sein? Ist das alles der unabänderliche Gang der Dinge, von Krebsraten gepaart mit Kreislauf- und Rückenproblemen? Nicht unbedingt. In Hamburg liegt der Anteil der Dauerkranken bei knapp 1,6 Prozent, und aus Bayern kam die Auskunft, dass dort die Quote sogar nur 0,5 Prozent beträgt (323 Lehrer) – und das, obgleich man in Hamburg und Bayern bereits ab vier Wochen als „dauerkrank“ gilt – in Berlin aber erst ab drei Monaten. Offenbar sind Hamburgs und Bayerns Lehrer gesünder. Liegt das nur an der besseren Luft und der geringeren Zahl schwieriger Schüler? Oder gibt es da womöglich noch andere Erklärungen?

Berlins Lehrer kennen darauf viele Antworten: „Die Arbeitszeiterhöhungen aus Wowereits Sparjahren wirken bis heute fort“, ist eine der häufigeren Antworten. Damals hieß es: Mehr arbeiten, weniger verdienen. Wowereits Sparsenator Thilo Sarrazin (SPD) war denn auch der Einzige im Kabinett, der auf dem Beliebtheitstreppchen mitunter noch hinter dem Bildungssenator kam: Die Lehrer haben verinnerlicht, dass sie seither schlechter dastehen als die meisten Kollegen im Bund, dabei aber die mutmaßlich schwierigsten Schüler und marodesten Schulen haben.

Die aktuelle Schulsenatorin Sandra Scheeres steht in Beliebtheitsumfragen stets auf dem letzten Platz – doch ihren Vorgängern Klaus Böger und Jürgen Zöllner erging es ähnlich. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Die aktuelle Schulsenatorin Sandra Scheeres steht in Beliebtheitsumfragen stets auf dem letzten Platz – doch ihren Vorgängern Klaus Böger und Jürgen Zöllner erging es ähnlich. © Kitty Kleist-Heinrich

„Und oben drauf noch die verwehrte Verbeamtung“, fügt ein älterer Informatiklehrer aus Tempelhof dazu. Er verlor seinen „Kronprinzen“, einen Lehrer, der imstande gewesen wäre, das gigantische Netzwerk der Schule zu verwalten, an Niedersachsen – „wegen der Verbeamtung“.

"Franziska Giffey hätte es schaffen können"

Also nichts zu machen? Bleibt die Spitze der Bildungsbehörde für alle Zeiten eine Verliererposition?

„Muss nicht sein“, beharrt ein Sozialdemokrat. Zum öffentlich schlecht angesehenen Posten sei es vor allem geworden, weil die Sparpolitik hier besonders verheerende Folgen hatte. Zwar fließt inzwischen das Geld – aber ausgerechnet jetzt sei mit Sandra Scheeres jemand an der Spitze, der für so ein großes Ressort nicht das richtige Format habe.

„Franziska Giffey hätte es schaffen können, das Ressort aufzuwerten und aus dem Umfragetief herauszuholen“, sagt einer, der es bis heute Wowereits Nachfolger Michael Müller nicht verzeihen kann, statt Giffey ein zweites Mal Scheeres in den Senat geholt zu haben. Ein Jahr später holte die SPD die damalige Neuköllner Bürgermeisterin ins Bundeskabinett.

Spätestens seitdem die Scheeres vor einer Woche ihren überwiegend als Problemlöser aufgefallenen Staatssekretär Mark Rackles gehen ließ, sei den meisten Sozialdemokraten angst und bange um die Performance im Senat geworden – zumal das größte Problem, der Lehrermangel, immer größer werde.

Allerdings hat mancher noch ganz gut in Erinnerung, dass Linke und Grüne das Ressort bei der Senatsbildung 2017 auch nicht wollten. Eben weil es als eines gilt, in dem man in Berlin nichts gewinnen kann. Dem Vernehmen nach war es zudem Rackles, der als damaliger SPD-Landesvize gegen Müller durchgesetzt haben soll, dass das glanzlose Ressort bei der SPD blieb. Im Gegenzug musste die SPD das Stadtentwicklungsressort abgeben. Und nun ist auch noch Rackles weg.

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