Franziska Rengger im Tanzraum ihres Ballettstudios in Zehlendorf. Foto: aki
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Ballett in Zehlendorf: Ein Porträt "Tanzen ist schweigende Kunst"

Anett Kirchner
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Franziska Rengger erfüllte sich einen Traum: Sie tanzte für das Ensemble der Deutschen Oper. Jetzt lehrt sie ihr Wissen in ihrer Ballettschule in Zehlendorf. Sie sagt, gerade im Südwesten Berlins werden "noch traditionelle Werte weitergegeben". Ballett gehört für sie dazu.

Ihr anmutiger, eleganter Gang fällt sofort auf. Sie lächelt meistens, immer ein wenig, nicht aufgesetzt. Wer Franziska Rengger zum ersten Mal begegnet, denkt sich: Sie sieht aus wie eine Balletttänzerin? Und genau so ist es. Als kleines Mädchen liebte sie rosa Tüllröckchen, schöne Kostüme und Schleifen im Haar. Sie wollte auf die Bühne und tanzen wie ein Profi. Diesen Traum erfüllte sie sich. Die heute 38-Jährige tanzte fünf Jahre im Ensemble der Deutschen Oper. Ihre Erfahrungen und ihr Können gibt sie heute an Talente von morgen weiter. Seit 14 Jahren hat sie eine eigene Ballettschule in Zehlendorf.

Dabei ist der Berliner Südwesten nicht zufällig das neue Zuhause der gebürtigen Schweizerin geworden. Franziska Rengger hat sich bewusst für Zehlendorf entschieden. „Hier werden in den Familien noch traditionelle Werte von Generation zu Generation weiter gegeben“, sagt sie. Eltern vermittelten ihren Kindern, sich künstlerisch auszudrücken; auch in der traditionellen darstellenden Kunst wie zum Beispiel dem Ballett. In vielen anderen Teilen der Stadt sei das inzwischen weitgehend aus der Mode gekommen.

Wenn sie heute tanzt, ist sie frei

„Eine gesunde Mischung ist wichtig“, findet sie. Offenheit gegenüber neuen künstlerischen Strömungen und zugleich das Bewusstsein für gewachsenes Kulturgut: Das möchte sie den Kindern und Jugendlichen in ihrer Tanzschule mit auf den Weg geben. Neben klassischem Ballett bietet Franziska Rengger deshalb auch moderne Tanzkurse wie Jazz- oder Streetdance. Insgesamt hat sie im Moment etwa 180 Schüler zwischen drei und 18 Jahren.

Franziska Rengger beim Tanzen. Foto: privat
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Willkommen ist jeder, der folgendes kann: Im Tanzsaal das eigene Ich ablegen, erklärt die Profitänzerin. Hier zähle keine ethnische, soziale oder sonstige Herkunft, kein Äußeres und vor allem keine Alltagsprobleme. „Tanzen ist eine schweigende Kunst“, sagt sie. Es gehe allein um die Sache. Sorgen sollten ausgeblendet werden. Und wie fühlt sich Franziska Rengger selbst, wenn sie tanzt? Lebendig, leicht, stark, geachtet, glücklich und frei. Um dorthin zu gelangen, ist sie jedoch einen langen Weg gegangen.   

Franziska Rengger wurde 1975 geboren und wuchs in Stans in der Schweiz in einem sehr künstlerisch geprägten Elternhaus auf. Ihre italienische Mutter ist ebenfalls Ballettlehrerin, ihr schweizerischer Vater hat ein Theater geleitet, und ihre Schwester war Musikerin. Mit sechs Jahren begann sie bei ihrer Mutter mit Ballettunterricht. Das machte ihr soviel Freude, dass sie zeitgleich in Luzern eine Ballettschule besuchte. Schon damals trainierte sie zwei bis dreimal in der Woche. „Mir fiel das leicht, und ich habe die körperliche Arbeit nicht als hart empfunden“, erinnert sie sich.

Ballettschuhe von Franziska Rengger Foto: aki
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Mit etwa acht Jahren sah sie am Theater in Basel das Ballettstück „Der Nussknacker“ von Tschaikowski und war vom Tanz der Zuckerfee verzaubert. „Das hat mich umgehauen, weil Amanda Bennett, die das tanzte, so strahlte“, erzählt Franziska Rengger. Von diesem Moment an wollte sie professionelle Balletttänzerin werden. Fleiß und Disziplin bestimmten fortan ihr Leben. Mit 14 Jahren ging sie an die Schweizerische Ballettberufsschule nach Zürich und machte bei Anne Woolliams eine professionelle Ballett- und Tanzausbildung. Es folgte ein Ausbildungsjahr an der Royal Ballet School in London.

1992, da war sie gerade 17, kam ein Angebot für eine feste Stelle im Ensemble der Deutschen Oper Berlin. Sie ging auf volles Risiko und sagte zu - ohne Abitur oder Berufsausbildung. Diesen Weg würde sie jungen Mädchen heute abraten. „Ich hatte nur meine Ballettausbildung, war deshalb sehr limitiert und hatte keine Alternative“, sagt sie. Zum Glück sei jedoch alles gut gegangen. Sie arbeitete in Berlin mit berühmten Choreografen zusammen und tanzte in Klassikern wie Schwanensee, Dornröschen, Cinderella und Onegin, aber auch in modernen Stücken wie Le sacre du printemps, Petruschka und Vier Temperamente.

Aus tänzerischer Sicht war es eine faszinierende Zeit, sagt sie, aus menschlicher Sicht weniger. „Ich fühlte mich als Werkzeug anderer und musste mich vom ersten bis zum letzten Tag komplett unterordnen“, schildert Rengger. Außerdem hatte sie kaum ein Privatleben. Diesen Preis empfand sie als sehr hoch. Zu hoch. Sie entschied sich, nach fünf Jahren aus dem Ensemble auszusteigen.

Franziska Rengger hat fünf Jahre im Ballett-Ensemble der Deutschen Oper getanzt   Foto: aki
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Danach nahm sie sich die Zeit und reiste viel, besuchte Theater, Opern und Ballettschulen, um sich klar zu werden, was sie im Leben möchte. Immerhin war sie erst Mitte 20. „Ich merkte, dass mir das Rampenlicht nicht soviel bedeutete wie die strahlenden Kinderaugen beim Tanzen“, erklärt sie. Jeweils an einem kleinen Stück der Welt eines Kindes teilhaben zu dürfen, zu beobachten, wie es sich entwickelt und Freude an einem Hobby hat, sei einfach wunderbar. Damit war die Entscheidung getroffen. Sie gründete im Jahr 2000 ihr Ballett- und Tanzstudio Zehlendorf, zunächst in der Clayallee, heute ist es in der Ludwigsfelder Straße. Sie sagt: „Jetzt habe ich das Gefühl, angekommen zu sein."

Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für die Evangelische Wochenzeitung "dieKirche". Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

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